Jugendliche im Fitnessstudio Ich pumpe, also bin ich

Simon, Samim und Tamim schwitzen fast täglich im Fitnessstudio. Sie wollen "den Körper ausdefinieren", sagen sie, haben einen strengen Ernährungsplan. 900.000 Jugendliche gehen zum Kraftraining. Ist das noch Hobby-Sport - oder ungesunder Körperwahn?

Von Maria Timtschenko

Maria Timtschenko

"Es ist viel Aufwand", sagt Simon, 15. Der Gymnasiast aus Hamburg geht seit einem halben Jahr ins Fitnessstudio, um Muskeln aufzubauen und Fett abzubauen. Sechsmal pro Woche trainiert er gemeinsam mit seinem Freund Luc nach dem Unterricht. Noch vor kurzem hat Simon morgens gar nichts gegessen, heute steht er zeitiger auf, um sich Eier zu kochen. Genau 150 Gramm Eiweiß soll er laut Ernährungsplan zu sich nehmen. Außerdem schmiert er sich Brote, denn das Mittagessen in der Schule passt nicht in den Ernährungsplan. "Es ist aber auch ein Gefühl von Genugtuung, wenn man sieht, wie andere in unserem Alter schon die Form verlieren, während wir uns gerade ausdefinieren", sagt Simon.

Simon gehört zu einer steigenden Zahl von Jugendlichen, die in Fitnesscentern versuchen, ihren Körper einer ästhetischen Norm anzupassen. Etwa 900.000 unter 20-Jährige gehen regelmäßig in deutsche Kraftstudios. Sie wollen schön sein, muskulös und fit.

Für Michael Sauer hat diese Sportbegeisterung nicht nur positive Seiten. Der Dopingexperte vom Manfred Donike Institut in Köln möchte verhindern, dass Jugendliche dem Muskelaufbau mit Pulvern und Tabletten nachhelfen. In Schulen wird er oft mit kuriosen Fragen konfrontiert: "Ich möchte gern dicker werden, wie schaffe ich das? Ich kann essen, was ich will, ich bleibe dünn", fragt ein Junge. Sauer erklärt ihm dann, dass weniger Ausdauer- und mehr Kraftsport helfen könnte, die Muskelfasern zu vermehren. Sauer empfiehlt einen dazu passenden Ernährungsplan.

Michael Sauer macht Präventionsunterricht an Schulen, aber er ist kein Mann, der mit erhobenem Zeigefinger kommt. Er sagt: "Wenn wir mit den Kids über Medikamentenmissbrauch sprechen, können wir nicht sagen: Von Anabolika kannst du sterben. Denn dann hört mir keiner mehr zu. Wir versuchen zu sagen: Wenn du die Mechanismen des Körpers nutzt, dann brauchst du auch keine Zusatzmittel zu nehmen, um dein Ziel zu erreichen."

Körperbau eines Erwachsenen

Für Discount-Fitnessketten wie McFit sind Jugendliche eine durchaus interessante Zielgruppe, sagt Sauer. Auch bei hochpreisigeren Ketten wie Fitness First sind bundesweit 40.000 Mitglieder registriert, die jünger sind als 17 Jahre und zu verbilligten Tarifen trainieren dürfen. In einer Studie von Michael Sauer mit 400 Jugendlichen gab jeder Zweite an, dass er auf körperliche Fitness und Gesundheit achten würde. 48 Prozent sagten außerdem, dass sie gern mehr über Anabolika erfahren würden.

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Die Zwillinge Samim und Tamim, 16, gehen stets mit ihrem Freund Michael, 16, ins Fitnessstudio. Im Wollpulli auf der Straße sehen die drei Schüler eines Wirtschaftsgymnasiums in Hamburg noch aus wie Teenager, doch im Muskelshirt auf der Hantelbank wirken sie mit den muskulösen Armen und dem definierten Bauch zehn Jahre älter. Früher machten die Jungen Kickboxen oder spielten Handball. Seit fünf Monaten gehen sie lieber ins Fitnessstudio, manchmal viermal die Woche.

Sie fühlen sich wohl in ihrem Körper, posieren vor der Kamera, leicht verlegen, aber doch stolz. "Beim Sport können wir super abschalten, außerdem bleiben wir fit und sehen dabei noch gut aus", sagt Tamim. Michael hat ein konkreteres Ziel vor Augen: "Ich wollte abnehmen, deswegen gehe ich zum Sport und esse gesund. Morgens meistens was mit Vollkorn, mittags was Leichtes und abends Putenbrust. Ich hab schon fünf Kilo runter."

Muskeln stiften Identität

Dass immer mehr Jugendliche aller Bildungsniveaus in die Studios strömen, beobachtet auch Mischa Kläber, Ressortleiter "Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement" beim Deutschen Olympischen Sportbund.

In der Muckibude entwickele sich jedoch unter den Jugendlichen schnell eine "Zweck-Mittel-Mentalität", meint Kläber. Um weniger zu essen, greife man zu Diätdrinks oder Pillen. Möchte man auch für den nächsten Tag wieder fit sein im Training, helfe Kreatin weiter. "Ich verteufele nicht die Nahrungsergänzungsmittel schlechthin. Ein Eiweißshake macht mehr Sinn als vier Liter Milch am Tag zu trinken, wie es noch in alten Bodybuilding-Handbüchern steht", sagt Kläber. Gefährlich sei es dann, wenn die frei zugänglichen Mittel nicht mehr wirkten und man zu stärkeren Mitteln greife.

Fitness für gutes Aussehen ist für die Jugendlichen auch Identitätsarbeit. "Sie versuchen ihre Rolle als Sportler auszufüllen, verbringen viel Zeit im Studio und mit der Zubereitung von Essen, ihre Sozialkontakte beschränken sich zunehmend auf Personen mit ähnlichen Interessen. Je intensiver sich ein Athlet über seine Körperoptik definiert, desto schwieriger wird es, den Pfad wieder zu verlassen", sagt Kläber. Jugendliche, die muskulös aussehen wollen, haben meist keine Ahnung, wie sie das schaffen sollen. "Sie holen sich ihr Wissen von Freunden, aus dem Internet oder von Leuten in ihrer Muckibude. Wir wissen aber nicht, was die ihnen empfehlen - dort liegt die Schwachstelle", meint Michael Sauer.

Im Fitnessstudio von Samim und Tamim, Simon und Luc gibt es einen Automaten mit Nahrungsergänzungsmitteln. "Protein80Plus", "Krea-Genic - for explosive strength only", "Speed Booster" mit den Wachmachern Guarana und Taurin. Ob sich die Jungs so etwas auch manchmal gönnen? "Wir geben hier kein Geld für die Shakes aus, sondern machen die zu Hause aus Quark und Wasser", erklärt Samim. In der Werbebroschüre für die Nahrungsergänzungsmittel steht neben Krea-Genic "Nicht für Kinder oder Jugendliche geeignet!" Davor hat Simon Respekt. Aber er sagt auch: "Wenn wir alt genug sind und Kreatin keine gesundheitlichen Risiken hat, dann nehmen wir das auch zur Hilfe."



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