Jugendliche Migranten Unser Alltag in Berlin

Zwölf Jugendliche aus Einwandererfamilien haben in hundert Texten und Fotos ihr Leben protokolliert. Die Ausstellung "Auf dem Sprung" zeigt entwaffnend offene Bekenntnisse von Berliner Schülern, die ihren Weg durch verschiedene Kulturen suchen.

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Birkan Düz ist 16 Jahre alt und ziemlich oft Teil einer Minderheit. Der Schüler mit türkischen Wurzeln lebt in Berlin und fühlt sich deswegen als Deutscher. Umgeben von deutschen Mitschülern jedoch fühlt er sich als Türke, unter Türken wiederum als Kurde. Aber noch mehr scheint für Birkan seine Identität auszumachen: Zur kurdischen Volksgruppe der Zaza zählt er nämlich auch. Viele Zaza sind sunnitische Muslime, doch Birkan gehört zu den Aleviten unter ihnen.

Welcher Aspekt seiner Identität gerade Birkans Denken und Fühlen bestimmt, ist schwer zu sagen. Der Schüler hat trotzdem versucht, es zu erklären - in dem Gedicht "Ich bin Birkan".

"Ich bin Birkan" ist einer von 100 Texten, die zwölf Berliner Jugendliche aus Einwandererfamilien gemeinsam mit den Autoren Anja Tuckermann und Guntram Weber aufgeschrieben haben. Unter Anleitung eines Fotografen haben die Jugendlichen außerdem ihre Umgebung in Bildern festgehalten. Eröffnet wird die Ausstellung "Auf dem Sprung" am Donnerstagabend im Archiv der Jugendkulturen und ist dann bis Anfang Juni zu sehen.

Freundschaft, Frust und Familienleben

Die Texte geben sehr persönliche und entwaffnend offene Einblicke in den Alltag von Schülern, die zwischen verschiedenen Kulturen ihren eigenen Weg suchen. Dabei erzählen die Jugendlichen nicht nur, was sie mit ihren Wurzeln im Libanon, in der Türkei, in Kroatien oder Russland verbindet. Weit größeren Raum nehmen Erlebnisse im Schulalltag ein, Freundschaften und Familienleben, Ängste und ihren Hoffnungen.

Das Mädchen Iman etwa beschreibt, wie schmerzhaft es für sie war, als sich die Eltern trennten. Aber auch, wie es nerven kann, wenn sie von der Mutter verwöhnt wird. Ihre Mitschülerin Manal meditiert über einen Spruch an der Klassenzimmerwand: "Punx not nett" steht da - und Manal fragt sich, was das überhaupt soll, mit dem Coolsein. Ömer-Faruk fühlt sich wie im Treibsand, wenn er ein Mädchen anspricht oder beim Diktat einen Fehler macht. Und Merve hat einfach ein alltägliches Telefonat mit ihrem Freund protokolliert.

Beim Lesen wird klar: Hier schreiben Jugendliche, die kaum anders sind als deutsche Gleichaltrige. Sie definieren sich nicht hauptsächlich über ethnischen Hintergrund oder Religion. Diese Einsicht zu vermitteln, lag den Koordinatoren der Ausstellung am Herzen: "Natürlich haben die Schüler diese wichtigen und interessanten Aspekte in ihren Biografien", sagt Klaus Komatz vom Archiv der Jugendkulturen, der Workshop und Ausstellung koordiniert hat. "Letztlich machen diese aber weniger ihre Persönlichkeit aus, als man denkt."

Lesen Sie im SchulSPIEGEL vier Texte aus der Ausstellung.


Ausstellung "Auf dem Sprung", 6. Mai bis 6. Juni 2009, Vernissage 30. April 2009, 19 Uhr, Eintritt frei. Archiv der Jugendkulturen, Fidicinstraße 3, 10965 Berlin



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