Jugendliche ohne Chance Wie Deutschland an den Gescheiterten scheitert

In kaum einem anderen Staat ist der künftige Lebensweg eines Kindes so vorbestimmt wie in Deutschland. Durchlässigkeit kennt die Republik von der Wiege an nur in eine Richtung - nach unten. Bestes Beispiel: das "Übergangssystem" der Bundesarbeitsagentur.

Von Michael Sauga


Berlin - Es ist ein Offenbarungseid. Vielen Jugendlichen hat das deutsche Bildungssystem nicht mehr zu bieten hat als ein getarntes staatliches Verwahrprogramm. Zum Beispiel im Berufsbildungszentrum des Internationalen Bundes im Berliner Stadtteil Neukölln: In einem düsteren Souterrain-Raum mit grüner Klapptafel und Overheadprojektor sitzen 15 Jugendliche an hufeisenförmig zusammengestellten Tischen. Keiner hat eine Berufsausbildung, alle beziehen Hartz IV.

Schulfrust: Durchlässiges System - nach unten, für die Überforderten
Corbis

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Matthias hat einen Fuß auf den freien Stuhl seines Nachbarn gelegt. Jenny produziert eine Kaugummiblase nach der anderen. Nicole hat gnädigerweise einen Stöpsel ihres MP3-Players aus dem Ohr genommen.

Bettina Selchow, Lehrerin für Deutsch und Geschichte, hat einen fotokopierten Text verteilt. Es geht um die Gleichschaltungspolitik der Nazis. Alle lesen. Einige buchstabieren halblaut vor sich hin. "Was haben die Nazis unter dem Begriff Untermenschen verstanden?", fragt die Lehrerin. Keine Antwort. Hassan, Kemal und Erbil starren auf ihre Texte. Jenny lässt eine weitere Blase platzen und murmelt halblaut. "Sie formulieren uns ja sowieso um." Schließlich meldet sich Ralf. "Na, det is wie heute", sagt er. "Oben sind die Millionäre und unten is Hartz IV."

"Die kommen in die Klasse und schlafen erst mal"

In der Pause sortiert Bettina Selchow ihre Textblätter. Das Niveau sei "unwahrscheinlich nach unten gegangen", sagt sie. Viele Jugendliche sprechen nicht mal rudimentär Englisch. Manche kommen aus Hauptschulen, wo die Lehrer aus Resignation ihre Diktate inzwischen von der Tafel abschreiben lassen.

Einige ihrer Schützlinge haben erkennbar anderes im Sinn, als den Hauptschulabschluss nachzuholen. "Die kommen in die Klasse und schlafen erst mal", sagt Selchow. "Es ist schrecklich mitanzusehen, wie die Gesellschaft Teile ihrer Jugend auf den Müll wirft."

Unten landen, unten bleiben: Hierzulande ist es nahezu ausgeschlossen, einen verpatzten Start zu korrigieren, etwa nach einer erfolgreichen Berufsausbildung. In Schweden kommen 32 Prozent der Studierenden nach einer qualifizierten Ausbildung an die Universität. In Deutschland ist dieser Übergang faktisch unmöglich. Zugleich sinkt die Zahl der Menschen, die auf dem zweiten Bildungsweg den Realschulabschluss oder das Abitur nachholen.

Am unteren Ende des Ausbildungssystems bereiten viele Hauptschulen die Jugendlichen auf ein Leben in der Sozialhilfe vor. Jedes Jahr entlässt der Staat acht Prozent seiner Jugendlichen ohne Abschluss und Zukunftsperspektive aus seinem Schulsystem. Die Hälfte aller Hauptschüler - mit oder ohne Abschluss - haben auch zweieinhalb Jahre nach ihrem Schulabgang keine Berufsausbildung begonnen.

"Ich muss auch in Neukölln eine Chance haben"

Nicht wenige von ihnen landen in einem der Betreuungsprogramme der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit, die beschönigend als Übergangssystem bezeichnet werden, sich aber vielfach als Endstation entpuppen. Rund 500.000 Jugendliche hangeln sich derzeit von Berufsgrundbildungsjahr zu Einstiegsqualifizierung und von Jugendsofortprogramm zu Berufsvorbereitungsmaßnahme, ohne dass ihre Chance auf eine reguläre Ausbildungs- oder Arbeitsstelle wachsen würde.

Sackgasse: Fast acht Prozent aller Schüler gehen ohne Abschluss
IDW

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Und wer dort erst einmal gelandet ist, findet nur schwer wieder heraus. Zwar schaffen 50 Prozent der Teilnehmer im sogenannten Übergangssystem den Hauptschulabschluss. Doch nur 20 Prozent finden im Anschluss einen regulären Job. Vielfach, heißt es in einer Studie der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit, trügen die Maßnahmen "dazu bei, die Teilnehmer erst recht vom regulären Berufsleben zu entfremden".

Ein typisches Beispiel hierfür ist die 19-jährige Janina. Die Tochter eines Dachdeckers und einer Arzthelferin besuchte jahrelang eine Neuköllner Schule mit 90-prozentigem Türkenanteil. Jetzt spricht sie ihre Muttersprache wie ein Einwandererkind. Sie sagt "isch" statt "ich" und "dötsch" statt "deutsch". Ihr Abschlusszeugnis fiel so schlecht aus, dass sie nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekam.

Janina sitzt in einem Atelier des Neuköllner Berufsbildungszentrums. Sie trägt ein schwarz-rotes Basketball-Shirt, malt springende Delfine auf weiße Leinwände und erzählt von ihrem Streit mit dem Job-Center. Sie würde lieber als Aushilfe im Copy-Shop arbeiten. Das Amt will, dass sie ihre Bildungsmaßnahme absolviert. Sie will eine Malerlehre anfangen. Das Amt will, dass sie etwas anderes lernt. Das Amt rät, Berlin zu verlassen. Sie sagt: "Ich muss auch in Neukölln eine Chance haben."

Es ist ein Teufelskreis aus behördlicher Anordnungslogik und jugendlichem Trotz, der mit jeder Umdrehung ein Stück weiter vom Berufsleben weg führt.


"Die Schul(d)frage": Um den Fachkräftenotstand in der Industrie zu mildern, wollen die Parteien das angeschlagene Ausbildungssystem reformieren - die wahren Probleme tasten sie jedoch nicht an. Lesen Sie im aktuellen SPIEGEL, um welche drängenden Fragen sich die Politik drückt.

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