Jugendliche und Alkohol Mit der Pulle an der Pille

Fußball und Alkohol – für viele gehört das zusammen. Eigentlich sollen Jugendliche im Sportverein Körper und Geist trainieren. Doch eine neue Studie zeigt: Trinker hält der Verein nicht vom Trinken ab, Alkohol-Exzesse sind bei jungen Sportlern keine Ausnahme.


Abgekämpft kommt das Team vom Platz. In der Kabine wartet schon der Kasten Bier. Nach der Dusche geht’s ins Vereinslokal, und am Tresen macht der Trainer die Aufstellung. Bei einem kühlen Blonden. In vielen deutschen Sportvereinen gehört Alkohol zum Alltag wie die Dusche nach dem Training.

Das Bier nach dem Kick: Oft gehört Alkohol im Verein dazu
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Das Bier nach dem Kick: Oft gehört Alkohol im Verein dazu

Vor allem in Mannschafts-Sportarten wie Fußball und Handball spielen Bier und Hochprozentiges oft eine große Rolle. Auf Jugendliche, die sowieso zu viel Alkohol trinken, hat der Sportverein keine positive Auswirkungen. "Offenbar profitieren gerade exzessive Konsumierer nicht von den sozialen Einflüssen der Sportvereine", sagte der Sportwissenschaftler Thomas Fritz gestern in Stuttgart.

Das ist ein Ergebnis seiner Dissertation, die er als Teil der Kampagne "Vorbild sein" der Württembergischen Sportjugend (WSJ) vorstellte. Thomas Fritz arbeitet an der Universität Bielefeld und hat das Trinkverhalten von 15 bis 17 Jahre alten Vereinsfußballern in der ostwestfälischen Stadt untersucht.

Neun von zehn Jugendlichen "bechern" einmal die Woche

Seine Doktorarbeit zeigt: Exzessiver Alkoholkonsum hat deutlich zugenommen. Neun von zehn der Jugendlichen aus den Sportvereinen "bechern" ein bis zwei Mal die Woche, knapp jeder Fünfte trinkt sich drei bis fünf Mal monatlich in einen Rausch. 70 Prozent der 17-Jährigen sind in ihren Clubs schon mit Alkohol in Kontakt gekommen.

Einen positiven Effekt haben die Vereine demnach nur auf Jugendliche, die sowieso selten trinken. Oft verzichten sie ganz, weil der häufig herrschende Gruppenzwang sie eher abstösst. Ihr Selbstvertrauen ist stärker als das der anderen, sie nehmen den Alkoholkonsum als negativ wahr, so Forscher Fritz.

Bereits vor zwei Wochen sprach die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) auf einer Tagung zum Thema Sucht in Berlin von ähnlichen Zahlen wie Thomas Fritz: Der Alkohol-Konsum von Jugendlichen sei in den vergangenen zwei Jahren stark angestiegen. Etwa ein Viertel aller Jugendlichen betrinke sich demnach einmal im Monat mit fünf oder mehr Gläsern. Als Folge davon haben sich die Krankenhausaufenthalte von Kindern und Jugendlichen wegen Trunkenheit zwischen 2000 und 2005 verdoppelt - von 9500 Fällen auf 19.400 im Jahr. Neuere Zahlen nannte sie nicht, aber "dieser Trend setzt sich ungebrochen fort", so Bätzing.

"Alkoholkonsum ist überall akzeptiert"

Sportwissenschaftler Thomas Fritz hofft vor allem darauf, dass die Menschen in den Vereinen für das Thema sensibilisiert werden: "Alkoholkonsum ist immer noch überall toleriert und akzeptiert. Das führt dazu, dass Jugendliche nicht über ein Problembewusstsein verfügen." Wenn es im Sportverein dazu gehört, mal ein Bierchen zu trinken, ist die Schwelle auch anderswo sehr niedrig.

Für viele Jugendliche, die er für seine Studie befragte, gehört Bier und Hochprozentiges einfach zum Alltag; ein Jugendlicher nannte Alkohol gar ein "Grundnahrungsmittel". Andere sagten, sie wollten mit den Prozenten ihr Selbstvertrauen steigern, wieder anderen ging es darum, Verbotenes ausprobieren, sich von Problemen abzulenken. Und eine letzte Gruppe hat eigentlich kein ausgeprägtes Interesse am Alkohol. Sie gab einen anderen Zech-Grund an: den Gruppenzwang.

Eine zentrale Vorbildrolle können die Trainer einnehmen, sagte Thomas Fritz: "Wenn sie sensibel für das Thema sind, haben sie ein großes Potenzial, schützend zu wirken. Die Jugendlichen richten sich schon danach, welche Rolle der Trainer ihnen vorgibt." Aber wenn dieser mit Bier und Schnaps im Vereinslokal an der Aufstellung fürs Wochenende tüftelt, ist es kein Wunder, dass sein Team auch mal zu tief ins Glas schaut.

maf/dpa/ddp



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