Globale Umfrage unter jungen Menschen Viel Hoffnung und viel Sehnsucht

Mehr als 90 Prozent der Jugendlichen in Mexiko und Nigeria blicken optimistisch in die Zukunft. Junge Deutsche sind deutlich weniger zuversichtlich. Woran liegt das?

Jugendliche in Mexiko (Symbolbild)
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Jugendliche in Mexiko (Symbolbild)

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Was wird die Zukunft bringen? Wenn man jungen Menschen in Mexiko, Nigeria oder Kenia glaubt, dann vor allem Gutes. Denn in diesen drei Ländern schaut die Jugend sehr optimistisch nach vorn - anders als zum Beispiel in Schweden oder Frankreich.

Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die Meinungsforscher des Instituts Ipsos in 15 Ländern durchgeführt haben. Die Forscher teilten die Staaten dabei in zwei Gruppen auf: Die sieben Länder Australien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Schweden, Saudi-Arabien und die USA haben im Schnitt vergleichsweise hohe Einkommen. In Brasilien, China, Indien, Indonesien, Kenia, Mexiko, Nigeria und Russland leben deutlich mehr Menschen unterhalb der nationalen Armutsgrenze.

Details zur Erhebung
Wer wurde befragt?
Zwischen Anfang Juli und Ende August 2018 wurden insgesamt 40.506 Interviews in 15 Ländern durchgeführt. Befragt wurden Kinder ab zwölf Jahren und Erwachsene.
Wie wurde befragt?
Die Art der Befragung war nicht überall einheitlich. In Indien, Kenia und Nigeria wurden die Teilnehmer persönlich befragt, in den anderen Ländern online. In den sechs Staaten Brasilien, Mexiko, Russland, Indonesien, China und Saudi-Arabien sei der Internetzugang vor allem wohlhabenderen Schichten vorbehalten. Deshalb spiegelten die Ergebnisse dort vorwiegend die Einstellungen einer "aufstrebenden Mittelschicht" wider, schreibt Ipsos.
Wie aussagekräftig ist die Umfrage?
Die Definition für "Jugend" variiert zwischen den Länden. In den USA, Kenia und Nigeria sind damit 12- bis 17-Jährige gemeint, überall sonst sind es 12- bis 15-Jährige. Außerdem wurden sehr viel mehr ältere Jugendliche und Erwachsene befragt, nämlich pro Land gut 2000. Mit Kindern unter 16, beziehungsweise unter 18 Jahren wurden jeweils rund 500 Interviews durchgeführt, in Saudi-Arabien nur rund 200. Trotz dieser verzerrenden Faktoren liefert die Auswertung Hinweise darauf, wie junge Menschen aus Ländern rund um den Globus eingestellt sind.
Wer hat die Umfrage durchgeführt und finanziert?
Die Umfrage wurde vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut Ipsos durchgeführt und von der Bill and Melinda Gates Foundation finanziert. Die weltgrößte Privatstiftung hat bisher fast 50 Milliarden Dollar in Gesundheits- und Entwicklungsprojekte in mehr als 130 Ländern gesteckt.

Es zeigten sich deutliche Unterschiede darin, was junge Menschen in den jeweiligen Ländern in den kommenden Jahren erwarten. Demnach schauen Jugendliche in ärmeren Ländern tendenziell hoffnungsvoller auf ihr eigenes Leben und ihr Land - aber auch auf die Zukunft des gesamten Planeten.

Das hat vor allem damit zu tun, wo junge Menschen derzeit stehen. "Es macht einen Unterschied, ob man aus einem armen Land kommt und sich - hoffentlich realistisch - vorstellen kann, dass es eigentlich nur bergauf gehen wird", sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann dem SPIEGEL. "Da schwingen viel Hoffnung und viel Sehnsucht nach Verbesserung mit."

In einem wohlhabenderen Land werde Jugendlichen hingegen eher klar, dass eine weitere Verbesserung schwer zu erreichen sein dürfte. "Deshalb kommt hier die sehr zurückhaltende Einschätzung zustande", sagt Hurrelmann.

Auffällig ist: Obwohl es der deutschen Wirtschaft sehr gut geht, stimmt deutsche Jugendliche die Frage, wie sich ihr Lebensstandard in den kommenden 15 Jahren entwickeln wird, am pessimistischsten. Nur etwa jeder Dritte erwartet hier eine Verbesserung. 46 Prozent der deutschen Jugendlichen fanden, dass es ihnen besser gehe als ihren Eltern. Nur russische und französische Jugendliche stimmten dieser Aussage seltener zu.

Warum deutsche Jugendliche skeptisch in die Zukunft schauen, obgleich Deutschland wirtschaftlich vergleichsweise gut dasteht, wird in der Studie nicht näher erläutert. Eine Erklärung könnte die andauernde Berichterstattung in den vergangenen Jahren über die Finanz- und Eurokrise sein. Außerdem ist trotz der eher niedrigen Jugendarbeitslosigkeit die Situation auf dem Arbeitsmarkt für junge Menschen hierzulande teilweise schwieriger geworden. So unterschreiben Berufseinsteiger zum Beispiel häufiger befristete Verträge.

Junge Menschen in Ländern wie China, Indien und Nigeria scheinen zudem selbstbewusster, wenn es um ihre Möglichkeiten zur Mitbestimmung in Politik und Gesellschaft geht. So antworteten in China neun von zehn und in Indien und Nigeria fast acht von zehn Jugendlichen, dass ihre Generation einen positiveren Einfluss auf die Welt haben werde als die ihrer Eltern. In Deutschland und Frankreich glauben das nur rund vier von zehn Jugendlichen.

In Indien glauben sieben von zehn Jugendlichen, dass sie selbst mitgestalten können, wie ihr Land regiert werde. In Deutschland glauben das nur zwei von zehn jungen Menschen.

Weniger zufrieden mit der Gegenwart

Es spielt dabei wohl auch eine Rolle, dass die Jugend in ärmeren Staaten meist einen viel größeren Anteil an der Bevölkerung stellt. So sind in Kenia sechs von zehn Einwohnern jünger als 25 Jahre. "Wenn junge Menschen mobil machen wollen, könnten alle Regierungen in Ostafrika in wenigen Tagen zu Fall gebracht werden", zitierte die britische Zeitung "The Guardian" den Wissenschaftler Alex Awiti vom Ostafrika-Institut der Aga Khan University, an der rund 2200 Menschen in sechs Ländern studieren.

Wie Jugendliche die Gegenwart beurteilen, ist nicht so eindeutig an den Wohlstand des Landes gekoppelt, aus dem sie kommen. So sind junge Menschen in Nigeria und Schweden auf der Zufriedenheitsskala des Ipsos-Instituts am unglücklichsten, in Mexiko, Saudi-Arabien und den USA zeigten sie sich am zufriedensten.

Junge Nigerianer treibt dabei besonders die Sorge um, keinen guten Job zu finden. Außerdem sehen sie den Einfluss, den die Regierung auf ihre Leben nehmen kann, skeptisch. Mexikaner sind hingegen außerordentlich zufrieden mit den Beziehungen, die sie zu Freunden und Familie unterhalten.

Das Ipsos-Institut fragte auch, über welche Probleme sich Jugendliche am meisten Gedanken machen. So sorgt sich in China und Russland jeder Zweite um das Bildungssystem, in Frankreich fürchtet sich fast jeder Zweite vor der Arbeitslosigkeit. Die persönliche Sicherheit ist für rund vier von zehn Jugendliche in Mexiko, Indonesien, Nigeria und Schweden ein Thema.

Auch für deutsche Jugendliche ist die Sicherheit das Thema Nummer eins: Hier beschäftigt das jeden dritten 12- bis 15-Jährigen. Auf Rang zwei folgt der Umweltschutz, jeden vierten treibt das Thema Einwanderung um.



insgesamt 17 Beiträge
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sonnemond 25.09.2018
1. Nigeria
Fast 200 Millionen Einwohner. Die Fruchtbarkeitsrate in Nigeria beträgt 5,7 Kinder pro Frau. Etwa zwanzig Prozent aller jungen Frauen haben noch nie eine Schule von innen gesehen – mit fatalen Folgen: Die Bildungsmisere garantiert weiteres Bevölkerungswachstum, denn überall in den Entwicklungsländern bekommen Frauen ohne Schulbildung mit Abstand die meisten Kinder. Verhütungsmethoden beispielsweise werden von nicht einmal 16 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter genutzt. Von den heute 15- bis 24-Jährigen ist ein Drittel ohne Arbeit. Und sogar wenn sie einen Job finden, werden die meisten ihr Lebtag unter der Armutsschwelle bleiben. Gerade diese Altersgruppe wird sich bis 2050 zahlenmäßig fast verdreifachen. Und der sogenannte Youth Bulge, ein Überhang an jungen Menschen, die keine adäquate Rolle in der Gesellschaft finden können, gilt als Garantie für gewaltsame Konflikte. Deshalb ist Nigeria künftig nicht nur eines der jüngsten, sondern auch eines der gefährlichsten Länder der Welt. Nigeria ist fast völlig vom Öl abhängig. Ein sinkender Ölpreis, und in Nigeria ist die Hölle los. Vielleicht schauen die Kinder dort deshalb so hoffnungsvoll in die Zukunft, weil sie keine Fakten über ihr Land haben. Ich wünsche ihnen dennoch eine gute Zukunft. Die Kinder sind unschuldig an der unsäglichen Korruption in diesem Land.
jennerwein 25.09.2018
2. Welch eine Erkenntnis - einfach unglaublich
(oder wie man es immer wieder schafft durch Binsenweisheiten zu Geld zu kommen) - Synchron dazu: Im rheinischen Karneval hatten doch auch nur die "wenig Habenden" ihren Lattenrost verscherbelt. Der Besitzende hielt sich hingegen vornehm zurück. Geld hat mir für meine - damals als Kind schon - gemachte Beobachtung bis heute noch keiner gegeben. Wahrscheinlich hab ich das mit dem Vermarkten zu wenig drauf.
schokohase123 25.09.2018
3. Woran das liegt? Ganz einfach
Junge Menschen in Mexiko und Nigeria haben weitaus weniger zum Lebensstandard, insofern freuen sie sich auf alles was sie dazugewinnen können. Junge Deutsche hingegen haben häufig Sorge, dass sie den Lebensstandard der aktuellen Generation 40 nicht halten können (wobei ich damit definitiv Jammern auf hohem Niveau meine). Während sicherlich viele in Mexiko und Nigeria froh wären, wenn sie sich ein Auto leisten könnten, haben junge Deutsche eher Sorge, dass sie sich keinen Audi, kein Eigenheim und keine drei Urlaube im Jahr erlauben können.
Outdated 25.09.2018
4. Um die warum Frage zu beantworten:
Muss man nur auf die Gehalts/Kaufkraft Entwicklung der Menschen in den jeweiligen Ländern schauen. Da zu gabs schon einige interessante Untersuchungen und es ist Simpel. Wie z.B. für die USA errechnet wurde ist es für alle nach 1980 deutlich schwerer geworden den Wohlstand ihrer Eltern Generation zu erreichen. So ich micht recht erinnere schaffen es im schnitt nur 5% den standard ihrer Eltern zu übertreffen, die meisten müssen mit deutlich weniger auskommen und das bei im Schnitt deutlich besserer Ausbildung. Ähnlich sieht es überall im Westen aus, während sie eben in Ländern wie Mexico eine positive Entwicklung erwarten dürfen.
muellerthomas 25.09.2018
5.
Zitat von sonnemondFast 200 Millionen Einwohner. Die Fruchtbarkeitsrate in Nigeria beträgt 5,7 Kinder pro Frau. Etwa zwanzig Prozent aller jungen Frauen haben noch nie eine Schule von innen gesehen – mit fatalen Folgen: Die Bildungsmisere garantiert weiteres Bevölkerungswachstum, denn überall in den Entwicklungsländern bekommen Frauen ohne Schulbildung mit Abstand die meisten Kinder. Verhütungsmethoden beispielsweise werden von nicht einmal 16 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter genutzt. Von den heute 15- bis 24-Jährigen ist ein Drittel ohne Arbeit. Und sogar wenn sie einen Job finden, werden die meisten ihr Lebtag unter der Armutsschwelle bleiben. Gerade diese Altersgruppe wird sich bis 2050 zahlenmäßig fast verdreifachen. Und der sogenannte Youth Bulge, ein Überhang an jungen Menschen, die keine adäquate Rolle in der Gesellschaft finden können, gilt als Garantie für gewaltsame Konflikte. Deshalb ist Nigeria künftig nicht nur eines der jüngsten, sondern auch eines der gefährlichsten Länder der Welt. Nigeria ist fast völlig vom Öl abhängig. Ein sinkender Ölpreis, und in Nigeria ist die Hölle los. Vielleicht schauen die Kinder dort deshalb so hoffnungsvoll in die Zukunft, weil sie keine Fakten über ihr Land haben. Ich wünsche ihnen dennoch eine gute Zukunft. Die Kinder sind unschuldig an der unsäglichen Korruption in diesem Land.
Noch 1980 lag die Fruchtbarkeitsziffer aber bei 6,8 und 88% der Kinder gehen mittlerweile zur Schule - 1970 lag die Rate halb so hoch. Also ja, die Lage ist schwierig und wird schwierig bleiben, aber die Zahlen weisen in die richtige Richtung.
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