Jugendliche und ihre Selfies Bin ich schön?

Im Netz gehören Selfies zu den häufigsten Motiven. Fotografin Vivian Keulards zeigt inszenierte Bilder von Jugendlichen –- und stellt ihnen nachdenkliche Porträts gegenüber.

Vivian Keulards / Anzenberger

Von


Schmollmund machen, Smartphone schräg nach oben halten und abdrücken - fertig ist das Selfie. Dann noch mit einem Filter bearbeiten, auf Instagram posten und hoffen, dass viele Likes und nette Kommentare folgen. Für viele Jugendliche ist das Alltag.

Die niederländische Fotografin Vivian Keulards beobachtete das auch bei ihrer 13-jährigen Tochter Eva. Das Mädchen schoss neben ihr häufig Selfies, veröffentlichte sie und prüfte dann alle paar Minuten, wie gut sie ankommen - folgten zu wenige positive Rückmeldungen, löschte sie das Foto wieder.

Was Keulards erstaunte: Die Bilder des coolen Mädchens aus der digitalen Welt ihrer Tochter stimmten so gar nicht mit ihrem Blick auf Eva überein. Sie nahm die 13-Jährige eher als zurückhaltend und unsicher wahr. Online setzte sie sich allerdings in Szene, versuchte selbstbewusst zu wirken - sie schien zwei komplett unterschiedliche Leben zu führen.

Mit einem Fotoprojekt wollte Keulards nun herausfinden, wie sich junge Menschen in den sozialen Medien präsentieren. Durch ihre Tochter und mit Hilfe von Aufrufen auf Plattformen wie Instagram und Facebook fand sie Jungen und Mädchen aus der 7. Klasse. Sie ließ sich von ihnen ausgewählte Selfies schicken, porträtierte sie danach selbst und stellte diese Bilder nebeneinander.

Fotostrecke

10  Bilder
Jugendliche über Selfies: "Die Leute schreiben immer so süße Kommentare"

Auf den selbst inszenierten Fotos ziehen die Teenager Grimassen, lachen, schreien, tragen Sonnenbrillen, sind geschminkt, wirken entspannt, glücklich, cool. Der professionelle Blick der Fotografin zeigt die Jungen und Mädchen von einer anderen Seite: nachdenklich, schüchtern, unsicher. "Die Kombination beider Ansichten ist fesselnd. Man sieht den Widerspruch beider Welten", sagt Keulards.

Ihre Porträts würden allerdings auch nicht die reale Welt zeigen, sondern nur ihren eigenen professionellen Blick auf die 13-Jährigen widerspiegeln - ebenso würden die Bilder aus den sozialen Medien nichts Falsches zeigen, aber eben einiges auslassen. "Sie filtern ihr Leben buchstäblich und zeigen nur ein positives Spiegelbild ihres Lebens, machen sich schöner, lustiger oder erfolgreicher, als sie eigentlich sind", sagt Keulards. "Das machen wir aber alle, nicht nur die Teenager."

Die Jugendlichen berichteten der Fotografin, was sie an den Selfies so fasziniert. Der 13-jährigen Ingrid gefällt, dass sie sich so zeigen kann, wie sie will. Auch Frouke betont, sie habe hier die Möglichkeit, ihren Lieblingswinkel, ihre bevorzugte Beleuchtung und Pose zu wählen. Es gebe ihr Selbstvertrauen, wenn Leute dann nette Kommentare schreiben würden.

Alle anderen sind beliebter

Das Hochladen von Selfies zeige die Sehnsucht der Jugendlichen nach sozialer Anerkennung, sagt Keulards: "Indem sie Selfies posten, und diese kommentieren lassen, testen sie ihre Freundschaften und ihren Status. Sie suchen nach Bestätigung für ihr Aussehen und ihre Handlungen." Es handele sich um die Suche nach der eigenen Identität, eine normale Phase also auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Doch hier werden die Jugendlichen auch verletzbar: Was, wenn andere nicht oder negativ auf mich reagieren? Oder wenn ich gegenüber anderen schlechter abschneide? Selfies können verängstigen, alle anderen scheinen beliebter, schöner als man selbst - zumindest in der gefilterten Ansicht. "Fotos und soziale Medien machen mich unsicher, weil ich zeigen muss, wie toll mein Leben online ist", sagt die 13-jährige Lola. Kaum jemand gibt online zu, wie verletzlich und unsicher er ist.

Wie schützt sich Lola davor? "Ich versuche zu ignorieren, was Leute über mich denken, das macht mich glücklicher. Ich will nur ich selbst sein." Auch Keulards Tochter Eva hatte anfangs ihre Probleme mit den Reaktionen auf ihre Fotos und mit den perfekten Bilder anderer. "Jetzt stört es mich nicht mehr. Ich weiß es besser: Man sollte sich nicht beeinflussen lassen und zu sich selbst stehen."

Video: Mit dem Selfie-Stick durch Südostasien

dbate.de
Mehr zum Thema


insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bärenfreund-tom 30.07.2018
1.
Die unerträgliche Selbstdarstellung und selbstverliebtheit der meist weiblichen selfiegeneration ist so peinlich
onelastremarktoall 30.07.2018
2. Ernsthafte Frage, weil ich es wirklich nicht...
...weiss: Wer hat damit eigentlich wann, wo und wieso angefangen und wieso ist das so verbreitet? Ich bin Rentner, komme aus der EDV/IT, entwickle Hobby-mässig Software, habe ein Tablet, um E-Dokumente zu lesen, aber nur ein einfaches Cellphone. Für Smartphones habe ich bisher noch keine mich interessierende Anwendung gefunden, weshalb ich so etwas nicht habe, zumal die Grösse der Displays für mich auch viel zu klein wäre. Ich fotografiere gerne, besonders Seevögel auf Halligen und Nordseeinseln, respektive Landschaften, allerdings mit Kameras und zumindest einem Einbeinstativ (bei, auf Analogkameras umgerechneten 900 Tele auch unbedingt empfehlenswert). Wieso aber jemand andauernd Bilder von sich selber macht und diese auch noch verschickt, kann ich nicht nachvollziehen.
bamesjond0070 30.07.2018
3. Zum Thema Selfiegeneration
SPON zeigt hier leider mal wieder ausschließlich Extrembeispiele, das ist nicht normal. Wäre cool, wenn Sie das benennen könnten.
Newspeak 30.07.2018
4. ....
@#1 Oh, keine Sorge, die Jungs sind genauso selbstverliebt. Aber sagen sie das Keinem, die schauen sie nur ungläubig an. "Das machen wir aber alle, nicht nur die Teenager." Es gibt noch Leute ohne Instagram und Facebook. Andererseits erklärt das Blendertum auch, warum die Welt so sch... ist, im Moment. Es zählt nur die Fassade.
loboloco 30.07.2018
5. Extrembeispiel?
Links wie rechts Kinder! Wo sind die selfie-queens & -dudes? Typisch Spiegel! Gewollt, nicht gekonnt! Leider nein. ;-]
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.