Jugendrichterin in Berlin-Neukölln "Nur bisschen Faust hin, Faust her"

Sie fährt einen harten Kurs, schickt junge Straftäter in den Knast. Zugleich aber sucht Jugendrichterin Kirsten Heisig nach neuen, besseren Wegen im Berliner Problemkiez Rollbergviertel - mit Mut und Elan redet sie Jugendlichen und ihren Eltern ins Gewissen.

Von Mirko Heinemann


In den Saal fällt trübes Licht. Heute verhandelt das Amtsgericht Tiergarten einen Fall aus Neukölln. Ein Mann wurde mit einem Messer verletzt. "Nee, echt, mit Messer habe ich keine Erfahrung", sagt der mutmaßliche Täter und hustet. 20 Jahre alt ist Kemal Cem*, sieht aber älter aus: Er trägt einen gepflegten Vollbart, kurze Haare, einen dunklen Kapuzenpulli, eine schwarze Lederjacke. Er ist verheiratet und hat ein kleines Kind. Als er den Kinderwagen aus der Haustür schob, soll ihm ein Mann den Weg versperrt haben.

Richterin Heisig: "Mit Samthandschuhen kommen wir nicht weiter"
Carsten Koall

Richterin Heisig: "Mit Samthandschuhen kommen wir nicht weiter"

Cem schildert, wie aus dem Wortgefecht - "was glaubst du, wer du bist?" - eine Rangelei wurde, bis der andere Mann weiterging. Einige Minuten später, so dessen Aussage, habe er gespürt, wie Blut von seinem Rücken lief. Polizei und Notarzt stellten eine Einstichwunde fest. Doch Cem will nicht zugestochen haben. "Keine Ahnung, woher die Wunde gekommen ist", sagt er, "das war keine Prügelei, nur bisschen Faust hin, Faust her."

Jugendrichterin Kirsten Heisig schüttelt ungläubig den Kopf. "Für mich ist das eindeutig eine Prügelei", sagt sie und schaut dem Angeklagten streng ins Gesicht. Der senkt den Kopf: "Ich hab den Jungen nicht abgestochen."

Solche Fälle verhandelt Kirsten Heisig, 47, täglich. Die zierliche Jugendrichterin ist seit einem Jahr zuständig für das Rollbergviertel in Berlin-Neukölln, einen Problemkiez mit vielen Migranten und sozialen Verwerfungen. Die Straftäter sind oft sehr jung, die Zahl ihrer Gewalttaten steigt, im öffentlichen Nahverkehr, in Schulen, auf der Straße. Manche Sozialarbeiter fordern schon lange massiveres Eingreifen von Polizei und Justiz. "Harte Strafen, die sich unter den Jungmännern herumsprechen", so formuliert es der ehemalige Neuköllner Quartiersmanager Gilles Duhem.

"Früh, konsequent, deliktbezogen verhandeln"

"Mit Samthandschuhen kommen wir nicht weiter", sagt auch Kirsten Heisig. Mit einem Kollegen hat sie das "Neuköllner Modell" entwickelt: Bei bestimmten Delikten soll nicht erst Monate oder Jahre später verhandelt werden, sondern binnen zwei Wochen - "früh, konsequent und deliktbezogen", damit ein Lerneffekt eintritt. Das gelte für jene Jugendlichen, bei denen sich schon früh eine kriminelle Karriere abzeichne, deren "große Brüder schon im Knast sitzen", so die Richterin. Schnelle Verfahren seien auch wichtig für die Motivation der Polizisten: "Stellen Sie sich vor, Sie sind Polizeibeamter, und die Bubis tanzen Ihnen auf der Nase rum, weil sie denken, denen kann sowieso nichts passieren."

Die Zuständigkeiten der Jugendrichter wurden neu geordnet. Früher hatte ein Polizeiabschnitt mit drei oder vier Richtern zu tun, jetzt nur noch mit einem. Jeder Polizist weiß, an wen er sich wenden muss. Kirsten Heisig hat sich freiwillig das Rollbergviertel ausgesucht, Abschnitt 55: "Wenn du schon so rumkrakeelst, dann musst du auch in einem Problembezirk arbeiten." Sie macht sich ein sehr konkretes Bild - spricht mit Polizisten, geht auf Kieztreffen, trifft Lehrer, Quartiersmanager und Sozialarbeiter.

Das neue System, inzwischen ausgeweitet auf zehn Richter in Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln, hat nicht nur Freunde - wohl auch, weil leicht erkennbar ist, warum welcher Vorgang wo gerade stecken bleibt. Kirsten Heisig möchte, dass Polizeibeamte vor Ort entscheiden, welche Verfahren sich für eine schnelle Bearbeitung eignen. "Die sollen einen Blick dafür entwickeln, ob hier ein potentieller Krimineller heranwächst." Die Richterin kann dann in wenigen Tagen reagieren.

Anfangs gab es Irritationen, manche befürchteten eine zu enge Verflechtung von Justiz und Polizei. Für solche Bedenken hat Heisig kein Verständnis. Sie will kürzere Dienstwege. Und an die Kids ran, bevor sie strafmündig sind: "Es kann nicht sein, dass ein 14-Jähriger vor mir steht, Käppi verkehrt rum auf'm Kopf, Hände in den Hosentaschen, 60 Straftaten begangen. Und kaugummikauend sagt: Mir kann eh keiner was."

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Seite 1
cathys 27.01.2009
1. ??
Zitat von sysopWas tun, wenn Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern? Geld könnte helfen, glaubt die Stadt Oer-Erkenschwick. In einem Experiment verteilt sie Bonuskarten als "Rabattmarken für vernünftiges Verhalten": eine gute Idee?
Wer legt denn "vernünftiges Verhalten" fest, um in den Genuss von Rabattmarken zu kommen? Wofür bekommt man dann den Rabatt?
Ulli11, 27.01.2009
2.
Zitat von cathysWer legt denn "vernünftiges Verhalten" fest, um in den Genuss von Rabattmarken zu kommen? Wofür bekommt man dann den Rabatt?
z.B. regelmässiger Schulbesuch der Kinder regelmässig zu den Untersuchungen beim Kinderarzt regelmässiger besuch der Elternabende. Alles was Eltern normalerweise so machen.
Lottoverliererin, 27.01.2009
3.
Zitat von sysopWas tun, wenn Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern? Geld könnte helfen, glaubt die Stadt Oer-Erkenschwick. In einem Experiment verteilt sie Bonuskarten als "Rabattmarken für vernünftiges Verhalten": eine gute Idee?
Ja, finde ich eine gute Idee. Ungewöhnliche, kreative Ansätze sind ja sonst nicht so die Stärke der Behörden ... in diesem Fall wohl schon. Irgendwie müssen die Sozialarbeiter den vernachlässigten Kindern und den ignoranten Eltern ja beikommen. Sehr gut, dass vom Erlös weder Alk noch Tabak gekauft werden darf.
Frost1 27.01.2009
4.
Zitat von cathysWer legt denn "vernünftiges Verhalten" fest, um in den Genuss von Rabattmarken zu kommen? Wofür bekommt man dann den Rabatt?
Wahrscheinlich dann, wenn der neue Plasma TV wenigstens einen Netzschalter hat und nicht nur auf Stand-By gehen kann...
marit, 27.01.2009
5.
Und was bekommen Eltern die von sich aus ein vernünftiges Verhalten zeigen? Nichts und die Rechnung für die Geschenke an die unvernünftigen.
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