Jugendsprache-Duell Vollpfosten, Vollfrosch, Vollhorst

Jugendsprache-Lexika enträtseln angeblich die Sprache der Straße. Was taugen die Wörterbücher wirklich? Zum Test tritt heute ein Poetry-Slam-König mit seinem früheren Deutschlehrer an: Julian Heun, 18, und Roland Jerzewski, 57. Und sie werden sich schnell einig.

Von Mathias Hamann


In vier Duellen lässt SPIEGEL ONLINE in dieser Woche Schüler und Erwachsene gemeinsam rätseln, was welches Jugendwort wohl bedeuten mag - einen Fußballer und seinen Trainer, eine 14-Jährige und ihre Oma, eine Turbo-Abiturientin und einen Gesamtschullehrer. In der zweiten Begegnung treten heute an: Julian Heun, deutscher Meister im Slam-Poetry, und sein ehemaliger Deutschlehrer Roland Jerzewski.

Das Berliner Literaturhaus, im Wintergarten knarren die Korbsessel, von der Theke röchelt die Espresso-Maschine. Eine Verabredung mit Dichterkönig Julian Heun und Lehrer Roland Jerzewski. Thema: Jugendsprache - und was die Verlage Pons und Langenscheidt daraus machen.

Eine Gruppe älterer Damen mit Hut kommt herein und sucht nach einem Plätzchen. Das Langenscheidt-Wörterbuch meint, junge Leute würden diese Seniorencombo Krampfadergeschwader nennen. Was sagen Sie, Dichterkönig Julian? "Krampfadergeschwader, das erinnert eher an die apokalyptischen Reiter bei Heinrich Mann." Lehrer Jerzewski ergänzt: "Das hatte ja schon Georg Büchner", der jung verstorbene Dichter lässt in seinem "Lenz" ebenfalls ein apokalyptisches Reitergeschwader galoppieren.

Ah ja. Nächster Versuch: Was ist die Knödelfee? "Wohl eine rumpelige Frau", sagt Jerzewski und legt die Stirn in Falten. "Eine dicke Frau", sagt Julian Heun. "Aber das sagt kein Mensch – außer vielleicht der Redakteur bei Langenscheidt."

Was wären typische Begriffe für Frauen, Mädchen - "Braut" vielleicht? "Ach komm, nee", Julian schüttelt den Kopf: "'Bitch' sagen Jungs über Mädchen, das hat ein wenig seine negative Konnotation verloren." Herr Jerzewski hat früher die Tussi "adjektivisch aufgeladen".

Womit, das weiß er nicht mehr. Vielleicht, weil er und seine Dudes damals zu viel gebollert haben? Was das ist? "Ich hätte jetzt an eine Enervierungssituation unter der Gürtellinie gedacht," sagt Lehrer Jerzewski. Julian Heun guckt etwas fragend: "Geschlechtsverkehr?" Ja. Julian sagt: "Dude als Begriff für Freund kennt man schon. 'The Big Lebowski' ist schuld."

Gerade noch eine vier für die Lexika

In dem Film der Coen-Brüder spielt Jeff Bridges die White-Russian-trinkende Slacker-Ikone Jeffrey Lebowski, von allen der "Dude" genannt. Beim Dude liegt das Langenscheidt-Lexikon also gar nicht verkehrt, völlig daneben findet Julian aber bollern für Alkohol trinken: "Das war, ist und wird immer 'saufen' sein." Jerzewski zuckt nur mit den Schultern.

Die Kellnerin kommt mit der Rechnung, laut Langenscheidt-Jugenddeutsch ist sie eine Saftschubse. Julian winkt ab, sein Lehrer findet den Begriff "gekünstelt" - und zahlt schon mal sein Wasser.

Totale Niederlage für den Langenscheidt. Sind Jugendsprache-Übersetzer also Vollpfosten oder Intelligenzallergiker, wie das Pons-Buch als Trottel-Synonym vorschlägt? "Okay," sagt Julian, "Pfosten, das kenne ich, zwar sagt das auch selten jemand, aber es ist bekannt." Jerzewski zuckt nochmal mit den Schultern. Er findet den Begriff "bemüht".

Auf einer Notenskala also eine fünf, vielleicht gerade noch eine vier. Julian fällt noch etwas ein: "Voll wird oft kombiniert: Vollpfosten, Vollhorst oder Vollfrosch." Herr Jerzewski lächelt: "Naja, zu meiner Zeit war so ein Dödel eine Pflaume." Er selbst sagt sowas selten, Deppen gegenüber bleibt er sprachlich philanthropisch - er regelt das lieber über Ironie: "ein ganz Heller", der "sein Strickmuster zu Hause vergessen hat".

Der Universal-Ausdruck: "Deine Mutter"

Und wie steht es mit Paras schieben? "Wir hatten früher eher den Arsch auf Grundeis", sagt der Lehrer. Eigentlich alles cremig? Das schlägt Pons vor, für "etwas locker nehmen".

Julian schüttelt den Kopf: "Oh je, Hilfe, also cremig ist schon ein echter Uralt-Proll-Begriff." Jetzt schüttelt er sich heftiger. Was sagen die Prolls so, die er beobachtet? "Auf etwas klar kommen." Nun schaut sein Ex-Lehrer fragend: "Komm klar auf dein Leben, chill mal", sagt Julian. Und dann natürlich noch deine Mutter - Roland Jerzewskis hebt fragend die Augenbrauen: "Das geht als Universalwort, in jeder Situation – deine Mutter." Opfer, sagen viele als Beleidigung, ausgesprochen "Opfa". Oder auch: "du Toy."

"Jetzt gehe ich Klausuren korrigieren"

Sagt Julian das im Freundeskreis? "Meine Homies und ich", sagt er und meint es nicht, "nehmen sowas im Zweifelsfall, aber doppelt ironisch gebrochen." Dicker oder Alter hört er höchstens in der U-Bahn.

Ach ja: "Also Trottel, so richtige Vollfrösche, die heißen manchmal Skov oder mongoloider Braunbär". Mäßig lustig. Aber das sagen er und seine "Homies" eigentlich nie, naja, Skov schon.

Sind die Wörterbuch-Macher also Skovs? "Hm, die sind nicht mal verpeilt, höchstens witzlos", sagt Julian. Er und sein Jerzewski diagnostizieren: Es gibt keine einheitliche, universale Jugendsprache, die Idee sei schon unsinnig. Die Lexika seien Unterhaltung. "Nicht mal gute", brummt Roland Jerzewski.

Der Lehrer versteht seine Schüler auch ohne Wörterbuch. Und "pellt sich ein Ei" auf die Lexika. Ihm sind sie einerlei. Dann nimmt Jerzewski seinen Schirm, rafft den Mantel und sagt: "So, jetzt muß ich Klausuren kontrollieren." Und Julian geht fechten. Mit seinen Dudes? "Nee, mit Freunden." Na dann.

Im ersten Duell am Dienstag: Turbo-Abiturientin mit Lehrer - Marthe Deutschmann, 16, und Roman Voosen, 34.

Lesen Sie im dritten Duell am Donnerstag: Anne Wagner, 14, und ihre Oma Sabine Hambrecht, 63.

Letztes Duell am Freitag: Fußballtorwart Tom Tholl, 14, rätselt mit seinem Trainer Stephan Bartels, 40.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.