Jugendzentren Kampf um die Kiddies

Brutale Cliquen, Drogenmissbrauch, überforderte Sozialarbeiter: Kriminologe Christian Pfeiffer sieht in Jugendzentren "Brutstätten der Gewalt" und fordert ihre Schließung. Kritiker laufen Sturm gegen die Initiative - und rühmen Sozialpädagogen als die wahren Helden des Alltags.

Von Jochen Bölsche


Als Heroen des Alltags - so sieht Benedikt Sturzenhecker, 50, Sozialpädagogen, die sich in Deutschlands Problemvierteln mit schwierigen Jugendlichen abmühen. Sie erinnern den Hamburger Pädagogikprofessor an "Helden in einem Westernszenario", die "sich im Auftrag braver Bürger auf vorgeschobenen Posten der Zivilisation der 'Wilden' annehmen".

Leider, bedauert Sturzenhecker, sei der heikle Job vielen Außenstehenden so "fremd und unbekannt", als lägen die Jugendzentren und -häuser, in denen Randgruppenarbeit geleistet wird, im "Herzen der Finsternis". Nur Insider wüssten gewöhnlich, "was abgeht" bei HipHop-Musik und beim Klicken der Billardkugeln. Selbst Kommunalpolitiker und Amtsleiter hätten "in der Regel keine Ahnung".

Unkenntnis wirft der Wissenschaftler vor allem einem prominenten Professorenkollegen vor: Christian Pfeiffer. Der hannoversche Kriminologe stellt die offene Jugendarbeit in Aufsätzen und Vorträgen radikal in Frage. Neuerdings fordert er gar die Schließung und den Verkauf von Jugendzentren, die zu "Brutstätten der Kriminalität" geworden seien.

"Klapprige Tischtennisplatten, gelangweilte Sozialarbeiter"

Damit hat Pfeiffer, ehemals niedersächsischer Justizminister und Träger des "Bullenordens" der Polizeigewerkschaft, einen Berufsstand zu schriller Gegenwehr provoziert, der sich ohnehin in seinem Renommee bedroht sieht: Die rund 45.000 Mitarbeiter in 17.000 Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit leiden nicht nur unter chronischer Personal- wie Finanznot. Ihnen mangelt es obendrein, so Sturzenhecker, an "politisch-öffentlicher Anerkennung".

Daher erscholl ein Aufschrei der Empörung, als Pfeiffer sich 2006 erstmals öffentlich gegen mehr Steuergelder für Jugendzentren aussprach. Die pädagogische Arbeit dort habe sich "nicht bewährt", viele Treffpunkte würden von "sozialen Randgruppen" beherrscht, es mangele an Konzepten - "da gibt es oft nur eine klapprige Tischtennisplatte und einen gelangweilten Sozialarbeiter".

Prompt entflammte der Pädagogenzorn. In einem offenen Brief. bekundeten über tausend Jugendpfleger, -helfer und -forscher, vorneweg Sturzenhecker, "fassungsloses Kopfschütteln" über Pfeiffers Philippika. Sie bezichtigten ihn der Verbreitung "pauschaler Diffamierungen" und "populistischer Vorurteile".

Es war der Auftakt zu einem erbitterten Schlagabtausch, wie er in der Hochschulwelt selten ist. Die Kritiker könnten "schreiben, was sie wollen", verkündete Pfeiffer unbeirrt und legte mehrfach nach - im Herbst etwa in der "Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe" (ZJJ).

Sind Jugendzentren "gruselige und gefährliche Orte"?

Pfeiffer und seine Mitautoren Susann Rabold und Dirk Baier beschreiben darin Jugendzentren als "eigenständige Verstärkungsfaktoren der Jugendgewalt". Nötig sei daher eine "schrittweise Schließung von Freizeitzentren"; Sozialarbeiterstellen und Sachmittel sollten in Ganztagsschulen verlagert werden.

Seither hagelt es abermals Proteste wie von der "Expertengruppe Offene Jugendarbeit": Ein halbes Dutzend Professoren wirft dem Pfeiffer-Team vor, es bediene sich "subtiler Diffamierungen" und stelle Jugendzentren als "gruselige und gefährliche Orte" dar, abweichend von der "völlig anderen Wirklichkeit".

Pfeiffer stützt sich auf eine Studie seines Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Eine Befragung von 3661 Neuntklässlern habe ergeben, typisch für die zu zwei Dritteln männlichen Besucher von Freizeitzentren sei eine "Zusammenballung von Belastungselementen": unterdurchschnittliches Bildungsniveau und überdurchschnittlicher Ausländeranteil, niedrige Selbstkontrollfähigkeit und ein hoher Anteil straffälliger Freunde. Zudem sei dort der Anteil der Schulschwänzer und Konsumenten harter Drogen dreimal so hoch wie unter den Nichtbesuchern.

Die Tendenz zur Negativauslese in den Freizeitheimen lasse "vermuten", so die Kriminologen, dass sich "innerhalb dieser Gruppe eine Dynamik ergibt, die sich als gewaltfördernd auswirkt" und der "pädagogisch schwer zu begegnen" sei. Erst eine Verlagerung der Jugendarbeit an Ganztagsschulen biete Cliquen die Chance, "aus ihrer sozialen Isolation herauszufinden und in besser durchmischte Freundschaftsnetzwerke hineinzuwachsen".



Forum - Jugendzentren schließen?
insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
PeterShaw 02.12.2008
1. Raus aus meinem Blickfeld!?
Zitat von sysopJugendzentren seien "Brutstätten der Gewalt". Mit dieser Begründung fordern drei hannoversche Kriminologen die Schließung von Freizeitstätten. Sozialpädagogen werfen ihren Kritikern dagegen Unkenntnis und Bösartigkeit vor. Soll man Jugendzentren wirklich besser schließen?
Wenn man Bettler vom Bürgersteig vor dem Schmuckladen entfernt, könnte die Einkäuferin meinen, dass es keine Bettler gibt. Wenn man Hauptschulen schließt, gibt es keine Hauptschüler mehr!? Wenn man Alkohol und Fernsehen verbietet, stirbt die Dummheit aus? Es ist wohl nicht ganz so einfach. Eine Brot-und-Spiele-Herrschaft muss man sich etwas kosten lassen. Da müssen schon echte Löwen ran. Und wenn man das Geld dafür nicht ausgeben will, dann werden die Bettler entweder zu Bürgern mutieren oder im Schmuckladen "einkaufen". Die angesprochene Mutation ist übrigens nicht völlig von der Hand zu weisen. Seit dem Rauchverbot wird weniger geraucht. Fazit: Entweder statten wir die Jugendzentren gut aus (vor allem personell) oder wir schließen sie.
discipulus, 02.12.2008
2.
Zitat von sysopJugendzentren seien "Brutstätten der Gewalt". Mit dieser Begründung fordern drei hannoversche Kriminologen die Schließung von Freizeitstätten. Sozialpädagogen werfen ihren Kritikern dagegen Unkenntnis und Bösartigkeit vor. Soll man Jugendzentren wirklich besser schließen?
Gehört vielleicht dazu der sattsam bekannte "Kriminologe" mit den drei "F", der wieder einmal eine neue Sau durch 's Dorf treibt, um im Gespräch zu bleiben?
Senfkorn, 02.12.2008
3.
Wie man Jugendzentren optimal führen kann weiss ich nicht. Meine Kinder haben, jedes zu seiner Zeit, das real existierende Jugenzetrum im Ortsteil einmal und nie wieder besucht. Tenor, "da geht man nur für Randale hin". Anders wäre mir auch lieber gewesen, ist aber leider die Realität.
DJ Doena 03.12.2008
4.
http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,593856,00.html Der Pfeiffer wieder. Von Nichts eine Ahnung, was und warum viele U30 bestimmte Dinge machen, aber zu allem eine Verbotsforderung in der Tasche...
LittleBoy 03.12.2008
5.
Zitat von SenfkornWie man Jugendzentren optimal führen kann weiss ich nicht. Meine Kinder haben, jedes zu seiner Zeit, das real existierende Jugenzetrum im Ortsteil einmal und nie wieder besucht. Tenor, "da geht man nur für Randale hin". Anders wäre mir auch lieber gewesen, ist aber leider die Realität.
Vielleicht der Tenor in ihrem Dorf, aber nicht überall, daher ist eine Generalisierung nicht angebracht. Zudem haben immer mehr Familien Probleme und die Erziehung der Jugendlichen gerät immer mehr ins Hintertreffen. Dass diese Jugendlichen sich dann in Jugendzentren sammeln ist ein Glücksfall und keine Bedrohung. Denn die Alternative sähe so aus, dass sie sich öffentliche Räume suchen und diese besetzen. Dann haben ihre Kinder nicht mehr das Problem, nicht mehr ins Jugendzentrum zu können, sondern die und die Straße oder den und den Platz nicht mehr besuchen zu können. Und zum Ruf von uns Sozialarbeiter: Ich fände es mal toll, wenn wir alle mal streiken würden, damit die Gesellschaft mal sieht, um was wir uns tagtäglich kümmern müssen und dass sie das auch mal würdigt! Denn wir kümmern uns um die Unerwünschten und Chancenlosen, die unser System tagtäglich produziert. Und noch was: Wer das alles nicht glaubt, der soll mal ein paar Tage als Sozialpädagoge arbeiten.
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