Spaßsport Jugger "Verdammt, ich wurde abgepompft"

Es sieht aus wie wilder Kampf, doch beim Jugger zählen vor allem Geschick und Fairness. Die Regeln für den Spaßsport sind komplex: Nur wer den Jugg hat, kann punkten. Und gefährlich wird es, wenn der Kettenmann die Kugel kreisen lässt.

DPA

Ein Sportplatz in Bamberg, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Ein paar Jungs üben mit einem Fußball Schüsse aufs Tor. Plötzlich stürmt eine Horde Jugendlicher das Spielfeld. Wie bei einem Gladiatorenkampf stellen sie sich gegenüber auf. "Drei - zwei - eins - Jugger!", schreit einer. Dann rennen sie aufeinander zu. Kurz vor einem Zusammenprall stoppen sie abrupt ab und versuchen einen am Boden liegenden Gegenstand in die Hände zu bekommen. Dabei attackieren sie sich mit Stöcken. (Jugger-Regeln in der Wikipedia)

Am Rand des Sportplatzes beobachten zwei Streetworker der Stadt Bamberg den Tumult. "Prima gemacht, weiter so", feuern sie die Gruppe an. Denn hier findet keine wilde Schlägerei statt, sondern es wird Jugger gespielt. Die junge Sportart ist eine Mischung aus Rugby, Handball und Fechten, eine Art Rollenspiel. Bamberg sei eine der ersten bayerischen Städte, sagt Stadtsprecher Tim-Niklas Kubach, die Jugger gezielt in der Jugendsozialarbeit einsetzt.

Ein Team besteht aus bis zu acht Spielern, wobei höchstens fünf pro Runde im Spiel sind. Es gibt einen Läufer, der als einziger den "Jugg" berühren darf und letztendlich die Punkte erzielen kann. Die übrigen vier Mitspieler sind mit verschiedenen, teils skurrilen Gegenständen ausgestattet, um den eigenen Läufer zu schützen. Die Spieler sehen dann aus wie moderne Ritter.

Jugger im Jugendstrafvollzug

Seit 2003 gibt es in Deutschland eine eigene Jugger-Liga. In der von den Streetworkern gespielten Freizeitversion gibt es - anders als bei Turnieren - keine Schiedsrichter. Fairness heißt deshalb die wichtigste Regel in der Bamberger Variante.

"Verdammt, ich wurde abgepompft", ruft einer der Jugendlichen. Die Spielutensilien, die nur von weitem wie Schlagstöcke aussehen, werden als "Pompfen" bezeichnet - und können niemanden verletzen. Sie bestehen aus einem Bambusstab, um den Isolierrohre aus Schaumstoff mit Klebebändern befestigt sind. Die Jugendlichen haben sie selbst nach einer Anleitung aus dem Internet gebaut. Wer "gepompft" - also getroffen - wird, muss sofort stehenbleiben und darf erst nach acht Sekunden wieder ins Spielgeschehen eingreifen.

Streetworker Thomas Neubert findet Jugger aus mehreren Gründen pädagogisch sinnvoll: "Durch Regelverstöße oder Streitereien zerfällt das Spiel sofort. Nur Teamgeist und ein Plan führen zum Erfolg", sagt er. Das gelte schließlich auch fürs Leben. Mädchen und Jungs jeden Alters können es zusammen spielen. "Außerdem muss man nicht sportlich sein, jeder ist bei Jugger nützlich - als Läufer, Verteidiger oder Angreifer", betont Neubert. "Jugger führt schnell zu Erfolgserlebnissen." Jugger werde sogar im Jugendstrafvollzug eingesetzt, berichtet ein Sprecher des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), damit die Gefangenen lernen, sich zu vertrauen.

Der unter den Spielern gefürchtetste Angreifer ist der Kettenmann: Der 19-jährige Moritz Lintner schwingt eine lange Plastikkette, an deren Ende ein Ball aus Schaumstoff befestigt ist. "Alles Marke Eigenbau", sagt er. Jeder, der von ihm mit der Kugel getroffen wird, muss zwölf Sekunden aussetzen.

Wöchentlich kommen in Bamberg 20 bis 30 Jugendliche zum Training. "Einen so großen Zuspruch hatten wir mit noch keinem Sportangebot", sagt Neuberts Kollege Thomas Lauterbach. Die beiden Streetworker sind meistens an den sozialen Brennpunkten der Stadt aktiv, Drogen, Alkohol, Schule schwänzen. Dem Kampf auf der Straße setzen sie seit einem halben Jahr den friedlichen Wettkampf auf dem Sportplatz entgegen. Mit einem verblüffenden Effekt: Zum Juggern kämen Jugendliche aus allen sozialen Schichten, was in der Jugendsozialarbeit nur selten gelingt, sagt Lauterbach. Studenten, Abiturienten, Mittelschüler, Arbeitsuchende - alle auf dem Platz vereint im gleichen Ziel: nicht abgepompft werden.

  • Maria Timtschenko
    Simon, Samim und Tamim schwitzen fast täglich im Fitnessstudio. Sie wollen "den Körper ausdefinieren", sagen sie, haben einen strengen Ernährungsplan. 900.000 Jugendliche gehen zum Kraftraining. Ist das noch Hobby-Sport - oder ungesunder Körperwahn? mehr...

Roland Beck/dpa/fln

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
ceratool 25.04.2014
1. Kein Rollenspiel
Ein Artikel mit interessanten Details. Aber schade das die Redakteure im ganzen Land sich anscheinend nie mehr als 10 Minuten mit dem Sport beschäftigen. Denn dann wüssten diese, dass Jugger kein Rollenspiel, sondern eine tolle, ernstzunehmende Sportart ist und in den letzten Jahren immer mehr Vereine und Mannschaften in Deutschland entstanden sind.
PeterPan95 25.04.2014
2. optional
"Die beiden Streetworker sind meistens an den sozialen Brennpunkten der Stadt aktiv, Drogen, Alkohol, Schule schwänzen." - Was ist denn das für ein Satzbau? Spielen wir Buzzword-Bingo? Ich gebe zudem #1 Recht, ein Rollenspiel ist etwas komplett anderes als ein Sport.
mac75 25.04.2014
3.
Wer sich näher dafür interessiert, kann sich den Lehrfilm "Die Jugger - Kampf der Besten" mit Rutger Hauer aus dem Jahr 1989 anschauen. :)
fingerschmied 25.04.2014
4. "Die Jugger - Kampf der Besten"
Zitat von mac75Wer sich näher dafür interessiert, kann sich den Lehrfilm "Die Jugger - Kampf der Besten" mit Rutger Hauer aus dem Jahr 1989 anschauen. :)
Stimmt. Schon komisch, wie man einen ganzen Artikel zu dem Thema schreiben kann, ohne diesen Film zu erwähnen, auf dem der ganze Sport ja schließlich basiert und von dem er auch den Namen hat. :-/ Trotzdem, interessanter Artikel. Mehr davon.
evilbernd 25.04.2014
5. Liegt daran,
Zitat von fingerschmiedStimmt. Schon komisch, wie man einen ganzen Artikel zu dem Thema schreiben kann, ohne diesen Film zu erwähnen, auf dem der ganze Sport ja schließlich basiert und von dem er auch den Namen hat. :-/ Trotzdem, interessanter Artikel. Mehr davon.
dass die Verfasser vermutlich zu jung sind und weder den Film noch Rutger Hauer kennen.
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