Jungbürgermeister in NRW Hilfe, wir werden von Kindern regiert

dpa

Von

2. Teil: Spitzname "Aktenfresser" - an der Jugendpartei kommt Monheim nicht mehr vorbei


Zimmermann tätschelt das Dach seines Autos, ein 14 Jahre alter roter Renault Clio, geerbt vom Opa. "Den muss ich noch schwarz lackieren", sagt er und lacht. Ihm wurde nahe gelegt, sich ein neues Auto zu kaufen, wo er jetzt doch Bürgermeister ist. Aber er hängt an seinem Renault, genau wie an seinem Hollandrad. Für das ist er extra in die Niederlande gefahren, weil es dort günstiger ist.

Dienstagmittag hat er einen Interviewtermin beim WDR. Für Fernsehen oder fürs Radio? Weiß er nicht. Vorsichtshalber hat er sich etwas schicker angezogen. Jeans, rot-weiß-gestreiftes Hemd, dunkelgrünes Jackett. Der Mann am Empfang schickt Zimmermann in die Maske. "Na, wenn ich in die Maske muss, ist es wohl fürs Fernsehen", sagt er. Nervosität? Scheint er nicht zu kennen.

Das Gymnasium, das er und die anderen Gründer besucht haben, ist das einzige in Monheim. Den Schülern fällt es daher nicht schwer, sich mit Peto zu identifizieren. Mit fast 1400 Schülern, davon rund 500 Oberstufenschülern, gehört das Gymnasium zu den größten in Nordrhein-Westfalen, für Peto eine unerschöpfliche Quelle an potentiellen Mitgliedern.

Zimmermann und die anderen überzeugten zunächst ihre eigenen Mitschüler von Peto, die wiederum ihre Freunde, irgendwann lief es von allein und steckte auch Eltern und Großeltern an. Peto arbeitet sachpolitisch, die Partei lässt sich weder links noch rechts einsortieren, und die politischen Einstellungen der Mitglieder gehen sehr auseinander. Inzwischen hat Peto die "AG 30 plus" gegründet, sie wollen die gesamte Bevölkerung ansprechen. Zwar wollen sie junge Leute in die Politik bringen, aber nicht nur Politik für junge Leute machen.

Kinderpartei für die "Hauptstadt des Kindes"

Hagen Bastian, Schulleiter des Otto-Hahn-Gymnasiums, erklärt den Erfolg so: "Da kommt einer zu einer Sitzung und wird sofort ernst genommen. Das ist natürlich viel spannender, als in anderen Parteien erstmal als kleiner Junge oder als kleines Mädchen behandelt zu werden." Wer bei Peto arbeiten will, darf ran. Sofort.

"Wenn junge Leute ernst genommen werden, wenn sie ihre Ideen einbringen können, dann ist es ihnen nicht mehr so wichtig, dass sie sich mit irgendeinem Posten schmücken können", sagt die Fraktionsvorsitzende Lisa Riedel, 24. Viel wichtiger sei der Teamgeist, der bei Peto herrsche. Sogar die politischen Gegner loben diesen Zusammenhalt: In einer klassischen Partei beginne nach der Wahl eines Kandidaten die Verfolgungsjagd in den eigenen Reihen, sagt der scheidende CDU-Bürgermeister Thomas Dünchheim. "Die Peto-Partei zeigt, wie Mannschaftssport geht."

Von den zwölf Leuten, die für Peto in den Stadtrat einziehen, gehen fünf noch zur Schule. "Mangelnde Lebenserfahrung kompensieren wir mit genauer Vorbereitung", sagt Lisa Riedel. Die Peto-Partei habe sich dadurch hervorgetan, dass sie Vorlagen vollständig lese, sagt der bisherige Bürgermeister Dünchheim. "Die prüfen jedes Komma, jede Zahl, die die Verwaltung liefert" - deswegen auch der Spitzname "Die Aktenfresser".

Am Wahlabend schüttelten einige Herren im Rathaus noch fassungslos den Kopf. "Wir werden von Kindern regiert", soll der eine oder andere CDU-Ratsherr gesagt haben. Aber eigentlich passt das gut ins Konzept. Denn der Stadtrat hat vor einiger Zeit beschlossen, dass Monheim die "Hauptstadt des Kindes" werden soll.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.