Junge Fantasy-Autorin Mit Drachen und Feen nach New York

Mit 13 begann Jenny-Mai Nuyen, Geschichten über märchenhafte Wesen in phantastischen Welten zu schreiben. Bald hatte sie ihren ersten 500-Seiten-Roman fertig. Heute ist sie 21, finanziert von den Honoraren ihr Studium in den USA - und konnte das Haus der Eltern kaufen.

cbt-Verlag/Jan Frommel

Von Sonja Salzburger


Jenny-Mai Nuyen kommt ins Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz. In dem Berliner Eckcafé sitzen junge Menschen hinter weißen Laptops an langen Tischen und starren auf ihre Bildschirme. Hier fühlt Nuyen sich wohl, in Cafés schreibt sie selbst am liebsten. Nuyen ist ungeschminkt, trägt ein blaues Kleid, schwarze Strumpfhose und Ballerinas. Sie legt eine pinkfarbene Sonnenbrille und eine kleine Handtasche mit Goldkettchen auf den Tisch.

Nuyen ist 21 Jahre jung - und Bestsellerautorin. Ihr Debütroman "Nijura - das Erbe der Elfenkrone" wurde über 100.000 Mal verkauft. Auch die nächsten drei Bücher wurden ein Erfolg. Schwärmerisch hoben Zeitungen sie in die "oberste Riege deutscher Fantasy-Autoren" oder feierten sie als "die Fantasy-Entdeckung der letzten Jahre". Momentan schreibt sie an ihrer ersten Trilogie.

Ihr Verlag verkauft sie gern als integriertes Gastarbeiterkind, weil Nuyens Vater aus Vietnam kommt. "Meine Geschwister und ich sind nicht besonders vietnamesisch erzogen worden. Nur manche Grundeinstellungen in meiner Familie sind typisch asiatisch", sagt sie.

In der sechsten Klasse hatte Nuyen beschlossen, dass sie wie ihre ältere Schwester auf eine englischsprachige Privatschule gehen möchte. Ihre Familie wohnt in einer Reihenhaussiedlung in München, der Vater ist Informatiker, die Mutter Hausfrau. Es war schwer für sie, das hohe Schulgeld aufzutreiben. Mittlerweile konnte Nuyen das Haus ihrer Eltern kaufen.

"Als hätte ich mich da selbst niedergeschrieben"

Sie ist das mittlere Kind, hat neben der älteren Schwester einen sieben Jahre jüngeren Bruder. "Das finde ich super, bei ihm habe ich das Gefühl, dass ich noch Einfluss nehmen kann", sagt sie und lächelt. So sei sie sein SMS-Guru: Wenn ihr kleiner Bruder ein Mädchen anschreiben möchte, diktiert sie ihm, was er schreiben soll - "aber das geht dann meistens nach hinten los".

Vielleicht ist es gut, dass Nuyen keine Liebesromane schreibt. Mit den Fantasy-Geschichten begann sie als 13-Jährige. Damals hatte ihre Familie Geldsorgen: "Ich fürchtete ständig, die Schule verlassen zu müssen - dass man mich ins Sekretariat ruft und nach Hause schickt." Nuyen träumte davon, mit ihren Büchern Geld zu verdienen, um die Sorgen zu vertreiben.

Wenn andere Jugendliche vor dem Fernseher saßen oder Gameboy spielten, hockte Nuyen an ihrem Schreibtisch und tippte Geschichten über Drachen und Feen in den Computer. Ihre Zimmertür stand immer offen, sie konnte das Radio aus dem Wohnzimmer hören oder ihre Geschwister. Bis heute schreibt sie am liebsten, wenn sie unter Menschen ist, in Cafés oder Bibliotheken.

500 Seiten war ihr erster Roman lang, sechs Monate hat sie geschrieben. "Ich hielt das dicke Manuskript in den Händen und hatte das Gefühl, als hätte ich mich da selbst niedergeschrieben." Sie schickte es an alle Verlage, die sie finden konnte, kassierte aber nur Absagen. Mit den nächsten beiden Geschichten lief es ähnlich. Doch sie gab nicht auf und bewarb sich mit 15 bei einer Literaturagentur, die aber ein Jahr lang keinen Verleger für sie fand. Erst ihr zweiter Agent konnte Nuyen an den cbj-Verlag vermitteln. Sie war 16, als sie die Verträge für ihre ersten beiden Bücher unterschrieb. Bis das erste Buch erschien, dauerte es fast zwei Jahre. Das Warten kam Nuyen unendlich vor.

Den Rummel bekam sie nicht richtig mit

Nach dem Abitur schrieb sie nur eine einzige Bewerbung - an eine teure Filmhochschule in New York. Dabei war das Buch noch nicht erschienen. "Es war überhaupt nicht klar, wie sich 'Nijura' verkaufen würde und ob ich das Geld für die Privatuni auftreiben konnte", erinnert sich Nuyen. Ihre Eltern hätten das teure Studium nicht bezahlen können.

Doch das Debüt wurde zum Erfolg: Das Buch verkaufte sich gut, die Studiengebühren waren kein Problem mehr. Nuyen aber bekam den Rummel um ihr Debüt gar nicht richtig mit - sie war bereits in Florenz und absolvierte dort die ersten beiden Semester der Filmhochschule. "Ich war viel zu beschäftigt, um den Erfolg richtig zu erleben." Außerdem schrieb sie bereits an den nächsten beiden Romanen. Eigentlich könnte Nuyen inzwischen das Studium bleiben lassen und sich nur noch dem Schreiben widmen. Doch die Vorstellung, schon mit 18 irgendwo anzukommen, schreckte sie ab.

An Fantasy gefällt ihr, dass man in den Geschichten Aussagen über die Realität treffen kann, ohne jemandem offensichtlich den Zeigefinger vorzuhalten. In ihrem neuen Buch "Feenlicht" geht es um den magischen Stoff Lirium, der sich allmählich verflüchtigt; eine Katastrophe für die Menschheit, weil sie von diesem Stoff abhängig ist. Nuyen sieht eine aktuelle Verbindung - "wir stehen ja momentan vor der Frage: Was tun, wenn uns das Öl ausgeht?"

Der kleine Bruder als Romanvorlage

Inspiration bekommt sie im Alltag, wenn sie beobachtet, was um sie herum passiert oder sich die Nachrichten anschaut. Viele Figuren aus den Romanen hat sie vorher gezeichnet und orientiert sich bei ihren Charakteren an Menschen, die ihr schon mal begegnet sind: "Ich merke immer wieder, dass mein kleiner Bruder in jedem Jungen steckt, der in meinen Büchern auftaucht."

Oft plagt Nuyen das Fernweh. Sie ist am glücklichsten, wenn sie jeden Tag ihre Koffer packen kann. "Wenn ich immer nur bei meinen Eltern in München sein würde, hätte ich Angst, etwas zu verpassen, das meinen Geschichten gut getan hätte." New York ist ihre Lieblingsstadt. Hier hat sie das Gefühl, dass viele Menschen, die dort leben, einen großen Traum verfolgen.

Am liebsten würde sie sowohl Schriftstellerin als auch Regisseurin und Drehbuchautorin sein. Allerdings träumt sie nicht davon, ihre Bücher zu verfilmen. Wenn sie einen Film drehen dürfte, würde sie sich lieber ein neues Drehbuch ausdenken. "Die Geschichten in meinen Fantasy-Romanen sind ja schon erzählt."

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