Junge Indonesier im Trend-Stress "Das Internet ist mein Leben"

Ohne Twitter-Account bist du raus: Junge Indonesier fühlen sich gezwungen, jeden neuen Trend mitzumachen. Zu den Intensivnutzern sozialer Netzwerke gehören sie sowieso - aber auch mit K-Pop sollte man sich als indonesischer Teenager auskennen.

DPA

Karola trägt ein T-Shirt einer Heavy-Metal-Band, einige ihrer Haare sind rot gefärbt und auf die rechte Hand hat sie sich eine schimmernde Rose gemalt. 18 Jahre ist sie alt und lebt in Jakarta.

Auch wenn die Mehrheit der rund 250 Millionen Indonesier muslimischen Glaubens ist, spielt für viele junge Leute Religion kaum eine Rolle mehr. Das gilt auch für Karola. Der jungen Frau ist vor allem das Internet wichtig. Einen Tag ohne Facebook, Twitter oder Tumblr könne sie sich eigentlich kaum vorstellen.

"Ich kann sagen, dass das Internet mein Leben ist", erzählt die 18-Jährige. Jeden Tag sei sie mehrere Stunden im Netz unterwegs. Dort kann sie Dampf ablassen, Gefühle äußern, Urteile abgegeben, sagt sie.

Aber empfindet auch Druck, nicht auf dem neuesten Stand zu sein. Weil man schnell als ziemlich uncool gilt, wenn man nicht in den richtigen sozialen Netzwerken unterwegs ist. "Viele fragen: 'Was, du bist nicht auf Twitter? Es ist 2013, und du benutzt noch Facebook? Das hatten wir doch schon im vergangenen Jahr.'"

"Die Teenager von heute sind Digital Natives"

Facebook hatte im März in Asien nach eigenen Angaben 319 Millionen aktive Nutzer. "Für die Jugendlichen sind die sozialen Medien wie ein Ventil", sagt Muhammad Faisal, Psychologe und Direktor von Youth Lab. Die Firma untersucht das Verhalten von Jugendlichen im Land. "Sie wollen damit Anerkennung und Bestätigung von ihren Altersgenossen bekommen. Wenn das nicht klappt, fühlen sie sich unsicher." Auf Datenschutz und Privatsphäre achteten viele Teenager dabei nicht so sehr. Hauptsache, man gehöre dazu.

Indonesien ist ein junges Land: Das mittlere Alter liegt bei knapp 29 Jahren (Deutschland: 45,7). Das erklärt auch den großen Einfluss der sozialen Netzwerke in dem asiatischen Land. Auch in anderen Ländern gibt es zwar Facebook und Co. Doch selten treffen sie auf so junge Menschen wie in Indonesien.

"Die Teenager von heute sind Digital Natives. Als sie geboren wurden, gab es Handys und das Internet bereits. Und im Netz können sie sich darüber informieren, welche Trends und Ideen es in anderen Teilen der Erde gibt", erläutert Indri Savitri, Psychologin an der University of Indonesia. "Als Konsequenz verändern sich ihre Werte. Die Jugendlichen von heute blicken anders auf die Welt, sie gehen anders mit Beziehungen um. Und sie haben andere Möglichkeiten, wenn es zum Beispiel um die berufliche Karriere geht."

Hip-Sein ist bisweilen anstrengend

Raihana Derifiani wäre gern eine Sängerin. Bei einer Castingshow mitzumachen, traut sie sich allerdings nicht. "Ich glaube, ich habe Talent, aber ich habe noch nicht wirklich versucht, es zu zeigen. Bis jetzt singe ich nur im Badezimmer", sagt sie.

An Facebook und Twitter hat die 16-Jährige nicht so viel Interesse wie Karola. Sie hat sich zwar bei Facebook angemeldet, aber vor allem ist sie ein Korea-Fan. Raihana hört koreanische Popmusik, K-Pop genannt, schaut sich koreanische Filme an, trägt koreanische Mode und liest Magazine über Korea. "Meine Freunde in der Schule, sogar die Jungs, hören mehr K-Pop als westliche Musik. Es scheint so zu sein: Wenn du mit K-Pop nichts anfangen kannst, bist du nicht wirklich hip."

Ständig online sein, ständig den neuesten Trends nachjagen - nicht nur Karola findet das mit dem Hip-Sein bisweilen ziemlich anstrengend. Die Psychologin Savitri befürchtet, dass viele Jugendliche überfordert sind. "Mängel in unserem Bildungssystem führen dazu, dass Kinder zu wenig dazu erzogen werden, unabhängig zu sein, vernünftig zu entscheiden und sich sozial kompetent zu verhalten."

Auch bei Karola ist Unsicherheit zu spüren. Was will sie nach der Schule machen? "Gern würde ich in Frankreich oder England studieren, aber das erlaubt mein Vater nicht oder vielmehr noch nicht", sagt die 18-Jährige. "Ich habe viele Träume: Videoblogs machen, Schriftstellerin werden, in einer Band spielen und auf Tour gehen."

Ahmad Pathoni/dpa/seh



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