Junge Supertüftler Deutsche Tröpfchenforscher holen Europa-Preis

Warum funkeln Wassertropfen, wenn sie von einer Höhlendecke fallen? Zwei junge Deutsche haben das Rätsel gelöst - und damit den europäischen "Jugend forscht"-Wettbewerb gewonnen.

Aus Valencia berichtet Frank van Bebber


Es war wie beim "Eurovision Song Contest", nur dass Deutschland am Ende mal die Nase vorn hatte: Rund 100 junge Leute aus über 30 europäischen Nationen zeigten in den vergangenen Tagen beim "European Union Contest für Young Scientists" in Valencia, woran sie in ihrer Freizeit getüftelt haben. Die Europäische Union lud die nationalen "Jugend forscht"-Sieger nach Valencia: Mal im T-Shirt, mal im Anzug kämpften sie für Malta oder Latvia, Italy oder Slovenia bei der Jury um Punkte.

Der Sieger am Ende: Germany! Henrike Wilms, 20, und Florian Ostermaier, 19, aus Baden-Württemberg gewannen mit ihrem Wassertropfen-Projekt 5000 Euro Preisgeld und ein Treffen mit Nobelpreisträgern in Stockholm. Auch die beiden anderen deutschen Teilnehmer heimsten beim Wettstreit der Junior-Superhirne Preise ein.

Asteroiden, 3D-Kamera, Höhlenforschung

Tschechien schickte gestylte Jungs mit zerrissenen Jeans, die mit einem neuen Getriebe ein Rennmotorrad um 0,2 Sekunden je Runde schneller machten. Für die Türkei warben zwei Mädchen mit Kopftuch für ihre Methode, mit Abluft-Hitze Wasser aufzuheizen. Eine Bulgarin versetzte bunte Ballons in Schwingung, um Gehörlose Musik spüren zu lassen. Mittendrin die vier Deutschen:

  • Raphael Errani, 17, aus Neuenkirchen, der den Computerraum seiner Schule elf Tage blockiert hatte, um zu berechnen, wann bei uns ein Asteroid einschlägt.
  • Florian Schnös, 18, aus dem bayrischen Niederwerrn, der eine 3D-Kamera erfand, die Entfernungen messen kann.
  • Henrike Wilms, 20, und Florian Ostermaier, 19, aus Tettnang in Oberschwaben. Sie erklären, wie Lichteffekte in Wassertropfen entstehen.

Henrike und Florian waren beim nationalen "Jugend forscht"-Wettbewerb in diesem Jahr im Fachgebiet Physik Erster geworden - und begeisterten mit ihrem Projekt auch die internationale Jury: Die Ideen haben zwar keinen Anwendungsbezug, aber aus ihnen spricht pure Lust an neuer Erkenntnis. Die beiden Gymnasiasten hatten in einer Tropfsteinhöhle bemerkt, dass die Wassertropfen seltsam aufblitzen, wenn sie von der Decke fallen.

Heute wissen Henrike und Florian: Beim Ablösen vom Stein beginnen die Tropfen zu schwingen und ändern ihre Form. Sie reflektieren das Licht immer anders, je nachdem, von wo man schaut. Fast ein Jahr tüftelten er und Henrike am Experiment, an der Formel und Simulation für die Tropfen: "Ich konnte mir einfach nicht erklären, woran das liegt", sagt Florian und denkt zurück an den Höhlenausflug im vergangenen Jahr - "da habe ich mich dazu entschlossen, es zu erklären".

"Wir sind alle geborene Forscher"

Solche Sätze hören die Wettbewerbs-Macher von der Europäischen Union gern. EU-Forschungskommissar Janez Potocnik sagte: "Im gewissen Sinne sind wir alle geborene Forscher, von frühester Jugend erkunden wir unsere Umgebung." Die Politiker wollen die Tüftler aus der Krabbelstube der Wissenschaft holen und ihnen mit dem Wettbewerb Lust auf eine Forscherkarriere machen.

Die EU belohnt das Engagement der Schüler mit Preisen bis zu 5000 Euro und mit Praktika bei europäischen Forschungseinrichtungen. Manchmal winken sogar höhere Ehren: Den Sieger 2006, einen 19-jährigen Polen, berief die Polnische Akademie der Wissenschaften in eine Forschergruppe.

Geht es nach der Statistik, muss sich vor allem ein Land keine Sorgen um die nächste Forschergeneration machen: Deutschland. Keine Nation hat mehr Preise abgeräumt. Seit 1989 läuft der europäische Wettbewerb, schon 18 Deutsche standen mit auf dem Siegertreppchen. Sie enträtselten zum Beispiel, warum der Strahl aus dem Wasserhahn im Waschbecken so spritzt, wie er spritzt, oder berechneten die Flugkurve eines Tischtennisballs.

Auch in Valencia nahmen alle deutschen Teilnehmer Preise mit: Asteroidenbeobachter Raphael Errani darf bei der Europäischen Raumfahrtagentur reinschnuppern, und Florian Schnös gewann mit seiner 3D-Kamera in Valencia immerhin den dritten Preis, dotiert mit 1500 Euro. Bettina Kempkes von einem Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in München schwärmte: "Hier würde ich gern ein paar Leute rekrutieren." Sie war Mitglied der 15-köpfigen Jury in Valencia.

Vielleicht sollte sie sich beeilen: Ein Berliner Professor entdeckte die Preisträger Henrike und Florian mit ihren Wassertropfen an ihrem Stand. Er hat sie eingeladen, ihn im Labor zu besuchen, denn einer seiner Studenten forsche ebenfalls an den Regentropfen.

Gleich nächsten Mittwoch kommen Henrike und Florian. Da sind die beiden sowieso in Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt die deutschen "Jugend forscht"-Sieger im Kanzleramt.

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