Junger Konservativer Schwarz aus Überzeugung

Younes Ouaqasse, 20, arbeitete sich von der Hauptschule zum Gymnasium hoch. Er ist Sohn marokkanischer Einwanderer - und er führt als Bundesvorsitzender der Schülerunion den CDU-Nachwuchs an. Was macht ein gläubiger Muslim in der Partei mit dem hohen C? Ein Porträt.

Von Mathias Hamann


Er trägt ein ordentlich gebügeltes Hemd, darüber gern Pullover mit V-Ausschnitt, am Handgelenk eine große silberne Uhr. Er sagt Sätze wie: "Ich bewundere Helmut Kohl, den ewigen Kanzler." Ziemlich brav wirkt er. Manche würden sagen: wie ein typischer Schnösel.

Aber der Weg von Younes Ouaqasse, 20, ist ziemlich ungewöhnlich.

Schülerunions-Chef Ouaqasse: Von der Hauptschule an die Bundesspitze
Mathias Hamann

Schülerunions-Chef Ouaqasse: Von der Hauptschule an die Bundesspitze

Mit 15 trat er der Jungen Union bei, mit 16 auch der Mutterpartei CDU. Jetzt, mit 20, führt er deren Schülerorganisation an: Er ist Bundesvorsitzender der Schülerunion, 10.000 Mitglieder stark.

Und Younes Ouaqasse ist gläubiger Muslim.

Seine Geschichte lässt sich - je nach Standpunkt - erzählen als ein Kapitel aus dem Integrations-Bilderbuch oder als Aufsteiger-Story eines politischen Wunderkindes. Sie lässt sich werten als Symbol für die neue Offenheit der Union. Oder als Polit-Show, die diese Offenheit lediglich vorgaukeln soll. Ignorieren lässt es sich jedenfalls nicht, dass ein marokkanischstämmiger Jungpolitiker jener Organisation vorsitzt, in der schon einige Unionsministerpräsidenten ihre ersten politischen Gehversuche unternahmen - allen voran Roland Koch und Christian Wulff.

Schüler in Marokko und Mannheim

Zur Welt kam Younes Ouaqasse in Mannheim, Mutter und Vater stammen aus Marokko. Dorthin ging sein Vater mit ihm und seinem Bruder zurück, nachdem sich die Eltern getrennt hatten. Da war Ouaqasse vier. Seine Großmutter zog ihn auf. Er lebte mit Oma, Opa, Onkel, Tante und deren Kindern "in einem normalen Haus".

Was ist ein normales Haus in Marokko? "Eben ein normales Familienhaus." Ein Zimmer für jeden? "Nein." Er schlief bei den Großeltern im Zimmer.

Mit sechs Jahren ging er auf "eine normale Schule", erzählt er. Und was ist eine normale Schule? "Eine staatliche Schule, mit gemischten Klassen, Unterricht in Mathe, Zeichnen und anderen Fächern." Französisch und Arabisch lernte er ab der ersten Klasse. Normal heißt auch Prügelstrafe, die Ouaqasse miterlebte. Ob auch er geschlagen wurde, sagt er nicht.

Die Mutter holte ihn zurück nach Mannheim, da war er acht. Hier wiederholte er die dritte Klasse: "Ich konnte kein Deutsch, mein Stiefvater hat sich abends mit mir hingesetzt und gelernt." Dafür ist Ouaqasse ihm dankbar. Nach der vierten Klasse stand auf dem Zeugnis die Empfehlung für die Hauptschule. "Aus euch wird nie etwas", hätten manche Lehrer gesagt, erinnert sich Ouaqasse.

Diesen Lehrern wollte er es zeigen. Aber bis ihm das gelang, dauerte es noch ein bisschen. Erstmal hing er mit seinen Freunden rum und machte Rap-Musik - Ouaqasse rappte auf Französisch. "War 'ne geile Zeit, wir haben über das Leben getextet und Kool Aid, ein Getränkepulver", erzählt er. Das kauften sich die Jungs in den Supermärkten der US-Soldaten in Mannheim.

Die Eltern fanden: Younes trieb sich mit den falschen Leuten herum, der Mannheimer Norden war nicht unbedingt eine idyllische Gegend. Mutter und Stiefvater prüften ihre Finanzen und schickten den Jungen auf ein Schloss-Internat nach Schwäbisch-Hall.

"Ich bin der Beweis, dass es geht"

Dort wohnt Quaquasse und besucht die Hauptschule auf der anderen Straßenseite, an der er auch den Hauptschulabschluss macht - "in Baden-Württemberg", das betont er extra. Es klingt, als würde er sagen: Ich bin einen Marathon gelaufen – mit Gegenwind und Schneeregen. Derzeit lernt er an einem privaten Wirtschaftsgymnasium in Ludwigshafen, will das Abitur machen.

Mit seiner Bildungsbiografie stehe er für den Erfolg des deutschen Schulsystems, so sieht er das. Für den Erhalt des dreigliedrigen Modells aus Gymnasium, Real- und Hauptschule will Ouaqasse politisch kämpfen. Wenn er angesprochen wird auf Untersuchungen und Statistiken, die zeigen, wie sozial ungerecht dieses System ist und wie wenige den Sprung von der Hauptschule ans Gymnasium schaffen, dann sagt er: "Ich bin der Beweis, dass es geht."

Mit 15 beginnt er, sich für Politik zu interessieren. Linke Positionen sind ihm von Anfang an suspekt. Würde er für bessere Schulen streiken? Um Himmels willen, nein! Ouaqasse stören Streiks der Schüler während der Schulzeit, wie es sie zuletzt im November gab - die seien von linken Ideologen gefördert.

Links, das ist für ihn fast ein Schimpfwort. Wenn er etwa vor der Gemeinschaftsschule warnt, nennt er sie "linke Einheitsschule". "Eine Schule für alle ist leicht, eine Schule für jeden ist schwierig", sagt er, und es hört sich an wie auswendig gelernt.

Muslim in einer christlichen Partei - wie geht das?

Die CDU-Positionen findet Ouaqasse "realistisch"; mit 16 tritt er der Union bei. Aber wie geht das zusammen, Muslim in einer christlichen Partei? "Ich mag Politik, die auf einem religiösen Fundament aufgebaut ist", sagt er, "ein offener Islam und ein liberales Christentum sind sich doch sehr ähnlich." Beide betonten konservative Werte, die Familie und die Nächstenliebe. "Die Familie des muslimischen Deutschen wählt in der Heimat doch auch nicht die Sozis, die wählt die Konservativen", sagt er.

Ouaqasse beherrscht schon in jungen Jahren Grundregeln des politischen Geschäfts: Er hat verstanden, wie wichtig es in der CDU ist, das zu betonen, was die Partei traditionelle Werte nennt. Und er versteht es, sich ins Gespräch zu bringen. Manchmal gelingt ihm beides zugleich: Werte und Werbung, Kanon und knallige Sätze.

Als Konservativer verurteilt er natürlich Abtreibungen: "In Deutschland werden ungefähr 120.000 Kinder pro Jahr abgetrieben, das entspricht rund 4000 Schulklassen." Er will den Schwangerschaftsabbruch nur noch in Notfällen erlauben. Und wie findet er, dass es die Pille für Jugendliche gratis auf Rezept gibt? "Finde ich an sich auch nicht in Ordnung." Mit ähnlichen Äußerungen schaffte er es bereits in die "Frankfurter Rundschau" und die "Berliner Zeitung".

"Auch ich habe mich angepasst"

Zwar ist er Muslim, islamischen Religionsunterricht aber lehnt er ab: "Wir sind ein christlich geprägtes Land. Auch ich habe mich angepasst, ohne meine Werte zu verlieren." Islamstunden würden niemanden integrieren, außerdem müsste es dann Unterricht für jede Religion geben. Nein, katholischer und evangelischer Unterricht reicht! Zusätzlich plädiert er für Ethik: "Hier lernen alle gemeinsam andere Religionen kennen." Außerdem fordert er mehr und bessere Deutschstunden.

Mit ein paar alten Freunden aus seiner Hauptschul- und HipHop-Zeit hält er noch Kontakt, aber es ist nicht mehr seine Welt. Wie viele von denen machen Abitur? "Sieben oder acht", sagt er nach kurzem Zögern. Der Rest hätte eben kämpfen sollen.

Nun zieht er durchs Land für seine Ideale, für seine Partei, die CDU; sein Credo: "Politik macht Freude und Freunde." Im Frühjahr steht seine Wiederwahl an, die ersten Landesverbände haben ihn bereits nominiert. Doch eine Karriere als Berufspolitiker strebe er nicht an, sagt er. Nach dem Abi will er internationales Management studieren. Entspannung findet er nur noch selten, etwa bei House-Musik und Zeitungslektüre, bei Wein und Zigarren.



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