Junger Rennfahrer Motorbike statt Matchbox-Auto

Mit vier Jahren sagte Dennis Norick Stelzer seinen Eltern, dass er Rennfahrer werden will. Mit zehn Jahren gehört er zu den Nachwuchstalenten in Deutschland. Seine Eltern unterstützen ihn, wo sie können. Schließlich haben sie ihn schon nach einem Motorradfahrer benannt.

Rick Noack

Von Rick Noack


Dennis Norick Stelzer ist zehn Jahre alt und international erfolgreich. Er fährt mit seinem Motorrad ganz vorn mit, trainiert oft in Italien und war in diesem Jahr bei der Europameisterschaft dabei.

Jetzt steht er vor seinem Haus in Dohma nahe der sächsischen Landeshauptstadt Dresden - und hält zwei Zwiebeln in der Hand. "Schau mal Papa, das hier habe ich aus dem Schulgarten mitgebracht", sagt er. Dennis Norick Stelzer geht in die dritte Klasse und kämpft seit fünf Jahren mit einem sogenannten Pocket Bike, der Mini-Version eines Motorrads ohne Schaltung, auf Asphalt-Strecken um die ersten Plätze.

Zehn Jahre. Das ist ein Alter, in dem Mädchen noch davon träumen, Prinzessin zu werden und Jungen Plastik-Autos durchs Zimmer schieben. Dennis Norick hat auch mal geträumt. Da war er vier, er blätterte in einem Buch, zeigte auf das Foto eine Rennfahrers und sagte zu seinen Eltern: "Das will ich auch können." Er wollte, und er durfte. Heute zählt Dennis Norick Stelzer zu den Nachwuchstalenten des deutschen Motorsports.

Es ist die Geschichte eines außergewöhnlichen Teams. Dennis ist der kleine Star, seine Eltern sind Manager, Reifenservice, Techniker, Berater, Köche. Familiäre Absprachen statt millionenschwerer Verträge. Es gehe nicht ums Geld, "Adrenalin", darum gehe es, sagt Dennis.

Die Kommandozentrale im Einfamilienhaus

"Dass der Junge talentiert ist, steht außer Frage", sagt auch Gordana Kurzka vom Deutschen Motor Sport Bund. Zweimal habe sie ihn bereits bei Rennen erlebt. Der Deutsche Motor Sport Bund, für den sie den Motorradsport koordiniert, fördert Nachwuchstalente in verschiedenen Sportklassen. Die Kleinsten fahren mit dem Pocket Bike, einem Zweirad, dass knapp einen Meter lang und 50 Zentimeter hoch und breit ist. "Mit so einem Bike kann man allerdings nur bis zum Alter von zehn Jahren fahren", sagt Gordana Kurzka. Und um in die nächste Stufe wechseln zu können, müssten die Nachwuchsrennfahrer beweisen, dass sie talentiert genug sind.

Familie Stelzer weiß das. Sie sitzt jetzt in der Kommandozentrale, in ihrem Einfamilienhaus. Draußen weht der Wind die Blätter von den Bäumen, es ist Herbst, bald wird Schnee und Eis die Straßen bedecken. "Egal, wir trainieren bei jeder Jahreszeit", sagt Mutter Claudia selbstbewusst.

Entspannung ist das falsche Wort, um die Idylle bei Familie Stelzer zu beschreiben, vielmehr ist es Faszination. Denn Dennis Noricks Hobby ist für sie nicht nur ein Hobby, sondern es ist der wichtigste Teil ihres Lebens.

In Dennis Noricks Zimmer hängt der Beweis dafür an der Tapete: ein Poster von Norick Abe, einem japanischen Motorradrennfahrer. "1994 habe ich ihn zum ersten Mal fahren sehen, und danach war für uns klar, dass wir unseren Sohn nach ihm benennen werden", erinnert sich Vater Karsten lächelnd. Als Dennis Norick vier Jahre alt war, wünschte er sich ein Motorrad und wenig später stand es vor der Tür. Es sollte nicht das letzte bleiben, inzwischen sind es drei.

Ein gefährliches Hobby

"Unseren Urlaub verwenden wir im Grunde genommen nur, um uns auf die Rennen vorzubereiten", sagt Mutter Claudia. Die Familie besitzt einen Cateringservice, nur so kann sie das teure Hobby finanzieren. Denn es fallen ständig neue Kosten an für Ersatzteile, Benzin, Fahrtkosten, ein neues Bike oder Trainingslager im Pocket-Bike-Heimatland-Italien. Mit 10.000 bis 12.000 Euro pro Saison müssen junge Teilnehmer rechnen.

Im Hause Stelzer wird fast alles Wichtige in Teamarbeit erledigt. "Klar ist aber, dass man ein Pocket Bike nicht selbst basteln kann. Aber man kann es umbauen. Wie man das macht, habe ich mir selbst beigebracht", sagt Karsten Stelzer. Im Keller ihres Hauses haben Vater und Sohn sich dafür eine Werkstatt eingerichtet, in der sie das Bike anpassen und sicherer machen. Es riecht nach Benzin hier. "Nach meinem Lieblingsgeruch", erklärt Dennis Norick lachend.

Sein Bike fährt bis zu 80 km/h. Das kann durchaus gefährlich sein. Den Vorwurf unverantwortlich zu handeln, lassen die Eltern jedoch nicht gelten. Schule gehe vor, sagt Dennis Norick. "Wenn die Noten nicht stimmen, dann lassen wir das nächste Trainingslager halt ausfallen", fügt seine Mutter hinzu. Und dennoch: Ein gewisses Restrisiko bleibt immer. Norick Abe, der Rennfahrer, nachdem Dennis Norick benannt ist, starb 2007 bei einem Motorradunfall. Und auch Dennis Norick hat sich in seiner 5-jährigen Karriere schon das Schlüsselbein gebrochen. "Das war aber nicht seine Schuld, denn da war Öl auf der Fahrbahn. Der Kleine konnte es nach dem Sturz im Jahr 2009 gar nicht abwarten wieder auf das Pocket Bike zu steigen", erinnert sich Vater Karsten.

Dutzende Pokale, Urkunden, Auszeichnungen

Im Wohnzimmer von Familie Stelzer steht eine Glasvitrine vollgestopft mit Erfolg: mit Dutzenden Pokalen, Urkunden und Auszeichnungen. Dieses Jahr ist Dennis Norick wieder unter den besten Fahrern und sogar der beste Fahrer mit einem Zweitaktmotor. Die Gesamtplatzierung entscheidet sich erst in einigen Wochen. "Da ist jetzt nur noch so ein technisch natürlich besser ausgerüsteter Viertakter vor uns. Aber das schaffen wir schon noch", meint Karsten Stelzer und schaut seinen Sohn an.

Dass Dennis Norick zumindest in den nächsten Jahren weiter auf Rennstrecken unterwegs sein wird, steht außer Frage. Ab der nächsten Saison fährt der Junge nicht mehr mit einem Pocket Bike, sondern wird dann auf das Schaltbike umsteigen. Anders als Pocket Bikes haben Schaltbikes eine ganz normale Sechs-Gang-Schaltung. "Die Eltern allein werden solch eine finanzielle Last, die unter anderem durch teure Technik steigt, kaum schultern können", sagt Gordana Kurzka vom Deutschen Motor Sport Bund. "Aber ich kann mir gut vorstellen, dass ein Sponsor auf Dennis Norick aufmerksam wird."

Wenn alles gut geht, gehört Dennis Norick dann zu den Größeren. Gern würde er natürlich auch der Größte sein. "Weltmeister oder so", sagt Dennis Norick vergnügt. Und wenn es mit der Karriere als großer Rennfahrer doch nicht klappt? "Dann werde ich Sportreporter", sagt der 10-jährige.

Zunächst aber geht er erst einmal zur Schule. "Meine Freunde dort können sich nicht vorstellen, wie faszinierend es ist, mit einem Pocket Bike über den Asphalt zu rasen." Und so wird vorerst alles beim Alten bleiben. Dennis Norick wird sich an den Wochenenden weiterhin mit seinem Bike in Kurven legen und versuchen, der Schnellste zu sein. In der Woche wird er in der Schule sitzen - und Zwiebeln ernten.



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