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09. Mai 2017, 14:34 Uhr

Juniorwahl

"Schüler wählen weniger extrem"

Ein Interview von

Zur Bundestagswahl können Schüler ebenfalls ihr Kreuzchen machen - zumindest probeweise. Die Juniorwahl in den Schulen hat trotzdem Auswirkungen, bis hin zum Elternhaus, sagt Initiator Gerald Wolff.

SPIEGEL ONLINE: Die Wahlbeteiligung bei der Juniorwahl ist deutlich höher als bei der echten Wahl. Sind Schüler unter 18 die besseren Demokraten?

Wolff: Die Juniorwahl ist ein Projekt zur politischen Bildung. Im Unterricht werden die Themen Wahlen und Demokratie behandelt und am Ende steht keine Klassenarbeit, sondern ein Wahlakt. Wer das Thema vier bis acht Stunden behandelt hat, will dann auch sein Kreuzchen machen. Der Punkt ist: Die Schülerinnen und Schüler werden mit politischer Bildung erreicht - und das in einem Maße und einer Qualität, wie man es später im Leben nicht mehr ohne Weiteres schaffen wird.

SPIEGEL ONLINE: Die Schüler bekommen authentische Wahlunterlagen mit den Kandidaten aus ihrem Wahlkreis. Ist die Auseinandersetzung auch so lebensnah?

Wolff: Im besten Fall organisieren die Schüler den Wahlakt selbst, bilden einen Wahlvorstand, legen Wählerverzeichnisse an, verteilen Wahlbenachrichtigungen, richten den Wahlraum ein. Manche Schulen erweitern das Projekt, machen Podiumsdiskussionen, gehen in den Dialog mit den Wahlkreiskandidaten, besuchen Wahlkampfveranstaltungen und gestalten Wandzeitungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Juniorwahl 1999 initiiert, seitdem findet sie zu Landtags-, Bundestags- und Europawahlen statt. Wirkt sich die simulierte Wahl auf das spätere Demokratieverständnis der Schüler aus?

Wolff: Es gibt verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen, etwa von der Uni Stuttgart, aber auch Vergleichsstudien aus den USA, die mit der Initiative Kids Voting den gleichen Ansatz verfolgen. Nachgewiesen wurde, dass die Wahlbeteiligung der Eltern steigt. Durchschnittlich um vier Prozent, teilweise bis neun Prozent, vor allem bei sozial schwachen Familien.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Wolff: Weil Politik und Demokratie zu Hause wieder zum Thema wird und die Kinder ihre Eltern dadurch anregen, zur Wahl zu gehen. Das ist schon ein ziemlich großer Effekt.

Über die repräsentative Wahlstatistik in Bremen 2011 haben wir den Nachweis, dass in der Altersgruppe der 16- und 17-Jährigen die Wahlbeteiligung um 9,2 Prozent gestiegen ist. Das ist maßgeblich auf die Juniorwahl zurückzuführen. Darüber hinaus ist es laut den aktuellen Studien immens wichtig, den Erstwähler zu bekommen: Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er auch in seinem weiteren Leben wählen geht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Aufgabe ist es jetzt erst mal, die Schulen zum Mitmachen zu gewinnen.

Wolff: Die Kultusministerien haben die Schulen angeschrieben und es haben sich wirklich viele beworben. Das Interesse und Engagement ist sehr hoch. Wir glauben, dass zurzeit eine Politisierung stattfindet und der Wille da ist, den Schülern Demokratie nahezubringen. Insgesamt nehmen eine Million Schüler teil. Das ist schon heftig, auch für uns als gemeinnütziger Träger.

SPIEGEL ONLINE: Wer zahlt das?

Wolff: Der Bund finanziert 2500 Schulen die Teilnahme. Viele Bundesländer stocken die Zahl noch mal auf. Das Problem ist, dass die Kontingente in manchen Bundesländern schon voll sind, rund 300 weitere Schulen wollen teilnehmen. Wir gucken, wie wir das finanzieren können, die Materialkosten liegen bei 300 Euro pro Schule. Im Mai wollen wir die Unterlagen an die Schulen verschicken.

SPIEGEL ONLINE: Können sich auch Schüler bewerben?

Wolff: Es kommt zumindest vor, dass Schülervertretungen bei der Schulleitung sagen, dass sie gerne mitmachen wollen. Im besten Fall sagen die Lehrer: Super, wir machen den Unterricht und ihr seid verantwortlich, den Wahlakt zu organisieren.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Schüler dadurch mehr Unterricht?

Wolff: Es gibt bundesweit die Entwicklung, dass Politikfächer zugunsten von Pisa-relevanten Fächern aus dem Stundenplan gedrängt wurden - wir machen die Juniorwahl schon seit 18 Jahren, haben da also Erfahrung. Das großartige an der Juniorwahl ist, dass Politikunterricht durch Projektunterricht möglich gemacht werden kann. Das findet auch fächerübergreifend statt: Im Mathematikunterricht wird die Sitzverteilung berechnet, im Kunstunterricht werden Wahlplakate gemalt, im Deutschunterricht werden Wahlslogans besprochen.

SPIEGEL ONLINE: Und den Abschluss bildet dann die Wahl?

Wolff: Ja, in der Woche vor dem Wahlsonntag machen die Schüler ihr Kreuz. Wir tragen das dann zusammen, dürfen die Ergebnisse aber erst am tatsächlichen Wahlsonntag um 18 Uhr veröffentlichen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie auf die Ergebnisse der letzten Jahre blicken: Hätten wir eine ganz andere parteipolitische Zusammensetzung, wenn die Wahl der Schülerinnen und Schüler zählen würde?

Wolff: Da unterscheiden sich die Schüler nicht stark von den demoskopischen Untersuchungen zu Erstwählerinnen und -wählern. Was aber auffällt: Die Schüler wählen weniger extrem als die Erstwähler. Hier sieht man, dass politische Bildung greift, die Schüler Medienkompetenz entwickeln und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den politischen Themen stattfindet.

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