Jura - in echt Zwischen "Tagesschau" und Vorlesung

Stures Paragrafen-Pauken allein bringt es nicht, hat Johannes Pinkl gemerkt. Der 20-Jährige studiert im dritten Semester Jura in Passau und wendet seine juristischen Kenntnisse jetzt lieber auf Fälle aus der "Tagesschau" an.


"Juristen haben keine Freunde, Juristen haben Bücher. Klar kenne ich den Spruch. Er ist uralt, aber nicht ganz falsch. Anders als Lehramtsstudenten müssen Juristen im Studium wirklich ackern. Es gibt Wochen, da verbringe ich mehr Zeit in der Bibliothek als zu Hause.

Mehr Bücher als Freunde: Johannes Pinkl, Jurastudent in Passau

Mehr Bücher als Freunde: Johannes Pinkl, Jurastudent in Passau

Stures Paragrafen-Pauken bringt dennoch nichts, auch wenn das viele glauben. Entscheidend ist, die Systematik des Rechts zu durchdringen und den Sinn dahinter zu erkennen. Wenn M dem A das Fahrrad klaut, muss ich wissen, welche Folgen das hat und wie der Diebstahl rechtlich geregelt wird. Da hilft es wenig, einzelne Paragrafen auswendig zu können.

Gesetzestexte sind trocken, Rechtsfälle oft langatmig, und es gibt sicher spannendere Dinge als 'privatrechtliche Anspruchssystematik'. Das Jurastudium ist trotzdem praxisnäher, als ich gedacht hätte. Um Staatsrecht zu verstehen, müssen wir Zeitungen lesen und fernsehen - denn was abends in der "Tagesschau" läuft, kann am nächsten Morgen durchaus Thema in der Vorlesung sein.

Ein anderes Klischee ist das des versnobten Jurastudenten mit Stehkragenhemd und Designerschuhen. Auch da ist etwas Wahres dran. Auf unserem Campus hängt ein Schild, auf dem steht: 'Kragen runter'. Manche kämpfen nur für sich. Das geht so weit, dass Bücher in den letzten Ecken der Bibliothek versteckt werden, damit andere nicht daraus lernen können.

Wer Jura studieren will, sollte das nicht aus Verlegenheit tun. Mathe, Sprachen und Wirtschaft nicht zu mögen, reicht nicht, um ein Staatsexamen hinzulegen. Wer kein Interesse für Recht mitbringt und nicht bereit ist, Nächte auch mal mit Gesetzesbüchern zu verbringen, der wird an Jura schnell verzweifeln."

Aufgezeichnet von Maximilian Popp



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