Kämpferische Auszeit Nach dem Abi in den Kung-Fu-Tempel

Fünf Monate verbrachte Bianca Haufe, 20, nach ihrem Abitur in einer chinesischen Shaolin-Schule. Im SchulSPIEGEL-Interview erzählt sie, wie sie mit und ohne Schwert zu kämpfen lernte - und was Kung-Fu-Kämpfer gegen Muskelkater tun.


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Im Kampfkloster: Everybody is Kung-Fu fighting
SPIEGEL ONLINE: Viele Abiturienten gehen als Au-Pair nach London oder entscheiden sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr. Wie kamst du auf die Idee, Schülerin an einer Kung-Fu-Schule zu werden?

Bianca Haufe: Meine Eltern haben mir geraten, vor dem Studium ins Ausland zu gehen. Und weil ich seit vielen Jahren begeistert Karate mache und mich sehr für Asien interessiere, hat mir mein Trainer den Vorschlag gemacht, doch in China Kung-Fu zu lernen. Ich habe mich dann im Internet informiert und konnte mit den Lehrern auf Englisch per E-Mail kommunizieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich die Schule vorstellen - mit nur einer Handvoll Schüler oder mit gigantischen Sportanlagen?

Haufe: Die Schule gehört zum buddhistischen Shaolin-Tempel und lässt sich mit einem Sportinternat vergleichen. Sie liegt in der Provinz Henan und heißt "Xiao Long Wu Yuan", was soviel bedeutet wie "Schule des kleinen Drachen". Etwa 4000 chinesische Schüler lernen dort, es gibt aber auch ein Gebäude für Ausländer, die trainieren möchten. Die meisten von ihnen bleiben zwischen zwei Monaten und einem Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Konntest du schon vor deiner Abreise Chinesisch sprechen?

Haufe: Ja, ich habe in Deutschland abends einen Sprachkurs besucht und den Tag über in einer Bäckerei gejobbt, um mir den Flug und den Schulbesuch zu verdienen. Das ist aber nicht teuer. Ausländer zahlen etwa 300 Euro pro Monat für Unterkunft, Training und Essen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann gibt es hartes Training vom Morgen bis in die Nacht?

Haufe: Im ersten Monat saß ich vormittags im Sprachunterricht und habe nachmittags und abends Kung Fu trainiert. Das bedeutete: Um halb sechs für die erste Frühsporteinheit aufstehen und manchmal bis neun Uhr abends trainieren. Gestört hat mich etwas, dass wir die Schule nur zweimal in der Woche verlassen durften. Abends durften wir nie raus.

SPIEGEL ONLINE: Warum denn das?

Haufe: Es gab strenge Regeln, die für uns ebenso galten wie für die chinesischen Schüler. Wir mussten die Schule auch schriftlich informieren, wohin wir wollen und wann wir zurückkommen. Uns wurde erklärt, das sei zu unserer Sicherheit: damit die Schule weiß, wo sie uns suchen muss, falls wir nicht pünktlich zurück sind.

SPIEGEL ONLINE: Shaolin Kung Fu ist eine Kampfkunst, die der Legende nach chinesische Mönche erfunden haben. Haben Mönche auch Unterricht gegeben?

Haufe: Die ausländischen Schüler wurden von sogenannten Shifus trainiert. Ein Teil dieser Trainer hat ihre Kung-Fu-Ausbildung im Shaolin-Tempel erhalten. Mönche waren leider nicht darunter, sie sind für Ausländer normalerweise unerreichbar.

SPIEGEL ONLINE: Hast du auch mit Waffen geübt?

Haufe: Ich habe mit und ohne Waffen trainiert. Anfangs musste ich eine waffenlose Form und eine Stockform lernen, also Bewegungsabläufe, die zu den Grundtechniken gehören. Später konnte ich mich für Waffenformen wie Schwert oder Speer und für waffenlose Formen wie Tierformen entscheiden, die mir schnell am besten gefallen haben. Normalerweise lernt man pro Monat ein bis zwei Formen, die dann intensiv geübt werden.

SPIEGEL ONLINE: Scharfe Schwerter, die durch die Luft sausen - ist Kung Fu überhaupt noch zeitgemäß?

Haufe: Kampfkunst wurde einst zur Verteidigung, zum Angriff und im Shaolin-Kloster zur eigenen Vervollkommnung geübt. Die ersten beiden Gründe sind nicht mehr zeitgemäß. Trotzdem hat das Training einen nützlichen Effekt, ob nun mit Schwertern oder ohne Waffen. Beweglichkeit, Ausdauer, Koordination und Disziplin - diese Eigenschaften sind auch heute noch von Vorteil.

SPIEGEL ONLINE: In Karate hast du den schwarzen Gürtel. Hat dir das geholfen?

Haufe: Kung Fu ist schon anders. Die Bewegungen sind weich und fließend, im Karate dagegen kraftvoll. Auch die Kampftechniken sind unterschiedlich. Mir haben meine körperliche Fitness und die Erfahrung, auf was es in einer Kampfkunst ankommt, aber sehr geholfen. Ohne Magnesium hätte sich der Muskelkater trotzdem nicht vermeiden lassen.

SPIEGEL ONLINE: Trainieren Frauen und Männer in der Shaolin-Schule gemeinsam?

Haufe: Ja, formal wird kein Unterschied gemacht. Männliche Schüler waren aber in der Mehrheit, und Schülerinnen wird weniger zugetraut. Das hat mich umso mehr angespornt.

SPIEGEL ONLINE: Hast du dich nie einsam gefühlt?

Haufe: Ich hatte keine Zeit, mich einsam zu fühlen. Zwei, drei Tage habe ich schon gebraucht, um mich einzuleben. Dass ich eine deutsche Mitbewohnerin hatte, war sehr hilfreich.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt deine Begeisterung für asiatische Kampfkunst?

Haufe: Meine Mutter wollte, dass ich und meine Schwester einen Kampfsport lernen, damit sie sich nicht so viele Sorgen machen muss, wenn wir allein unterwegs sind. Ich bin dann sehr schnell süchtig geworden nach Karate.

SPIEGEL ONLINE: Für wen ist ein Aufenthalt an der Shaolin-Schule geeignet?

Haufe: Für jeden, der sich fit fühlt. Ob man in Kung Fu Anfänger ist oder schon fortgeschritten, spielt dagegen keine Rolle. Die Trainer nehmen Rücksicht.

Das Interview führte Antonia Kurz



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