Katholiken-Moral Lesbische Lehrerin darf nicht unterrichten

Der lange Arm der Kirche reicht mitunter bis ins Klassenzimmer. In Trier darf eine Lehrerin keinen Religionsunterricht mehr an ihrem Gymnasium erteilen - das sittenstrenge Generalvikariat hat der Pädagogin jetzt die Lehrbefugnis entzogen, weil sie eine Frau geheiratet hat.


Trier - "Wir haben die Schule informiert, dass die Lehrerin im nächsten Schuljahr keine Religion mehr unterrichten kann", sagte Hans Casel, Pressesprecher beim Generalvikariat in Trier. Mit der gleichgeschlechtlichen Eheschließung zeige sie öffentlich, dass sie mit den katholischen Glaubensgrundsätzen nicht übereinstimme. Bundesweit handelt es sich damit um den zweiten bekannten Fall, in dem ein katholischer Lehrer die Missio wegen seines offenen Bekenntnisses zur Homosexualität entzogen bekomme, erklärte die Ökumenische Arbeitsgruppe "Homosexualität und Kirche" (HuK).

Schwule und lesbische Paare: Haben das Recht, aber nicht die Kirche auf ihrer Seite
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Die 33 Jahre alte Religionspädagogin hatte das Bistum selbst über die Heirat mit ihrer Lebenspartnerin informiert. Nun wird ihr die "Missio canonica" entzogen, wie die Lehrerlaubnis für den katholischen Religionsunterricht genannt wird; in der evangelischen Kirche heißt sie meist "Vocatio". Rechtlich müssen Religionslehrer nicht nur die staatlichen Prüfungen bestehen, sondern auch durch ihre Kirche beauftragt werden - selbst wenn sie, wie die Trierer Pädagogin, an einem staatlichen Gymnasium unterrichten.

"Eine Diskriminierung durch die Kirche", schimpft Kirstin Fussan, Bundessprecherin beim Lesben- und Schwulenverband in Deutschland über das Vorgehen in Trier. Auch HuK protestierte und nannte den Entzug der Lehrbefugnis "menschenverachtend und unbarmherzig". "Sie hat natürlich mit dieser Konsequenz rechnen müssen, als sie ihre Heirat öffentlich gemacht hat", meint Bundesvorständler Thomas Beckmann.

Ethik- statt Religionsunterricht

Die lesbische Lehrerin in Trier kann aber auch ohne "Missio" am Hindenburg-Gymnasium weiter unterrichten: Statt Religion werde sie ab dem nächsten Schuljahr Ethikunterricht geben, berichtete die Zeitung "Trierischer Volksfreund".

Die katholischen Bischöfe sehen in der "Homo-Ehe" einen "schwerwiegenden Loyalitätsverstoß" und drohten kirchlichen Mitarbeitern bereits im vergangenen Jahr, als das Gesetz über die eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaft in Kraft trat, mit Kündigung - allerdings nicht automatisch. Ein Verzicht auf die Kündigung sei möglich, "wenn schwer wiegende Gründe des Einzelfalls diese als uangemessen erscheinen lassen". Die Bischöfe berufen sich auf die seit 1993 geltende Grundordnung des kirchlichen Dienstes.

Die Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche rät Schwulen oder Lesben unter den katholischen Religionslehrern, sich mit einem weiteren Unterrichtsfach abzusichern - und ihre Neigung "nicht zu offensichtlich" auszuleben: "Vielerorts sehen wohl die kirchlichen Amtsträger und Vorgesetzten darüber hinweg, sei es, weil sie wohlwollend und mit der offiziellen kirchlichen Lehre selbst nicht glücklich sind oder weil sie einfach Aufsehen und Ärger vermeiden wollen." Man könne etwa der Weitergabe einer eingetragenen Partnerschaft vom Staat an die Kirche bei der Meldebehörde widersprechen.

Bei der evangelischen Kirche sieht die Organisation ohnedies eine "größere Meinungsvielfalt zum Thema Homosexualität" als bei den katholischen Hardlinern. Dort greift offenbar das Motto: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" - und die jahrhundertealte Tradition des verschämten Wegsehens.



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