Bistum Hamburg schließt Schulen Wo die Nächstenliebe aufhört

Die katholische Kirche will acht Schulen in Hamburg aufgeben und schockiert damit Kinder, Eltern und Lehrer. Auch in anderen Bistümern sind Bildungsstätten bedroht - obwohl die Kirchensteuern sprudeln.

Eltern und Kinder demonstrieren in Hamburg gegen Schulschließungen
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Eltern und Kinder demonstrieren in Hamburg gegen Schulschließungen

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Die Nachricht traf Reika, 13, vormittags nach dem Englischunterricht. Ihre Lehrerin habe während der Stunde schon verweinte Augen gehabt, erzählt die Hamburger Schülerin. Danach habe ihre Klasse erfahren: Ihr Gymnasium soll schließen, und ihr Jahrgang das Abitur dort nicht mehr machen können. "Wir haben geweint, und dann war da einfach nur Wut", sagt die Siebtklässlerin.

So wie Reika ging es am Freitag vor einer Woche Lehrern und Schülern an mehreren katholischen Schulen in Hamburg. Insgesamt acht der 21 Einrichtungen will das Erzbistum in den kommenden Jahren dichtmachen und so seinen überschuldeten Haushalt sanieren. Unter anderem belasten hohe Rückstellungen für die Altersvorsorge des Personals die Bilanz.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young hatte dazu geraten, die Schulen zu schließen. Der Schritt traf Rektoren, Lehrer, Eltern und Schüler unvorbereitet. Am Niels-Stensen-Gymnasium, auf das Reika geht, hätte am Freitag eigentlich ein Tag der offenen Tür stattfinden sollen. Er wurde abgesagt, als Kuchen und Schulorchester schon bereitstanden.

Von der Schließung bedrohte Domschule St. Marien
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Von der Schließung bedrohte Domschule St. Marien

Bundesweit gibt es rund 900 katholische Schulen mit knapp 360.000 Schülern. Die überstürzte Hamburger Sparmaßnahme sucht in den katholischen Bistümern ihresgleichen. Doch auch woanders steht es nicht gut um die Finanzen. Denn vor allem im Osten, deren Gemeinden zu DDR-Zeiten einen schweren Stand hatten, leben nur wenige Katholiken. In Erfurt sind es 150.000 Gläubige, in Dresden-Meißen, Magdeburg und Görlitz noch viel weniger.

Ihre Zahl ist seit 1996 teilweise drastisch gesunken, in Magdeburg hat sie sich auf 84.000 Gläubige mehr als halbiert. Dementsprechend fließen auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer noch spärlicher als zuvor.

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Offiziell gibt es derzeit keine Pläne, deshalb katholische Schulen im Osten zu schließen. Doch man erhöhe zum Herbst das Schulgeld von 95 Euro auf 135 Euro, teilte das Bistum Magdeburg mit. Und eine verbindliche Perspektive für die Schulen im Osten mag kaum jemand geben. "Schule ist eine wichtige Aufgabe, aber es gibt viele wichtige Aufgaben", heißt es aus dem Bistum Dresden-Meißen.

Der Generalvikar des Berliner Erzbistums, das 2003 vor der Pleite stand, lässt mitteilen: "Wir ermöglichen das, was heute gebraucht wird und was uns heute möglich ist. Diese Frage werden wir uns immer wieder neu stellen und unsere Entscheidungen entsprechend überprüfen."

Marie-Theres Kastner ist Vorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED), und sie ärgern solche Halbherzigkeiten. Die deutschen Bischöfe hätten sich erst vor Kurzem in einem Thesenpapier gemeinsam dazu bekannt, wie wichtig ihnen die katholischen Schulen seien. "Dann muss man jetzt auch schauen: Wie kriegt man das hin?"

Kastner fordert mehr Solidarität reicherer Bistümer, deren Vermögen sich zum Teil auf mehrere Milliarden Euro belaufen. So hat Köln seine Bildungsausgaben gerade erst um 14 Prozent auf 88 Millionen Euro aufgestockt. Paderborn hat im vergangenen Jahr für 25 Millionen Euro eine Schule neu errichtet.

Doch dort stößt der Vorschlag nicht auf Begeisterung. Das Erzbistum Köln möchte den "Austausch zwischen den Bistümern" gar nicht kommentieren. Aus Paderborn heißt es, so etwas könne nur der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD), in dem alle 27 Bistümer zusammengeschlossen sind, gemeinsam entscheiden.

Über den Verband erhalten finanzschwache Bistümer bereits eine jährliche Unterstützung. Für Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg sind es derzeit zusammen 57 Millionen Euro. Hamburg bekommt 1,2 Millionen und Berlin 1,7 Millionen Euro.

Zum Vergleich: Die bundesweiten Einnahmen aller Bistümer aus der Kirchensteuer beliefen sich 2016 auf mehr als 6 Milliarden Euro - dank der guten Konjunktur so viel wie noch nie. Zehn Jahre zuvor lagen sie noch bei gut vier Milliarden Euro.

Trotzdem fahren auch wohlhabende Bistümer einen Sparkurs. Denn fast überall sinkt die Zahl der Katholiken seit 1996 stark - und damit wohl irgendwann auch die Einnahmen.

Die Angst vor der Zukunft zehrt an der Solidarität der Gegenwart: Der VDD hat beschlossen, die Zahlungen an Hamburg und Berlin in den kommenden Jahren auslaufen zu lassen. Die Hilfen an die vier ostdeutschen Bistümer werden bis 2020 auf 40 Millionen Euro jährlich gesenkt.

Es gibt in der Sparkommission des VDD offenbar die Überlegung, die Beiträge an Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg nach 2020 ebenfalls einzustellen. Aus der Deutschen Bischofskonferenz heißt es dazu: Die Verhandlungen würden derzeit geführt. "Auskünfte über diese Gespräche können zum jetzigen Zeitpunkt nicht gegeben werden."

Für den Osten wäre das hart. In Erfurt macht der Strukturbeitrag ein Viertel des Haushalts aus. Aus Dresden-Meißen heißt es, nur dank der "Unterstützung der Geberbistümer" sei es möglich, die sechs eigenen katholischen Schulen zu betreiben.

Ginge es nach Daria Wolf, hätte Hamburg die anderen Bistümer schon längst um Hilfe gebeten, um seine acht Schulen zu retten. Wolf ist Vorsitzende eines Pfarrgemeinderats im Hamburger Süden, wo gleich drei Schulen betroffen sind. "Warum sollten katholische Schulen in Köln wichtiger sein als in Hamburg?", fragt sie. "Das Bistum spart an der Zukunft der Kinder."

St. Mariendom des Erzbistums Hamburg
imago

St. Mariendom des Erzbistums Hamburg

Es spart womöglich auch an der Zukunft der Kirche: Katholische Schulen sind offen für alle Kinder und je nach Region besteht die Schülerschaft vorwiegend aus Nichtkatholiken, die dort einen Glauben kennenlernen, den sie vielleicht auch zu ihrem eigenen machen könnten.

Doch das Hamburger Erzbistum hat es nach eigenen Angaben nicht erwogen, andere Bistümer um Hilfe zu bitten. Das sei keine Lösung, sagt ein Sprecher. "Wir müssen unsere Hausaufgaben selbst machen und uns für die Zukunft aufstellen."

Eine gute Note bekommen sie dafür zumindest von Hamburger Schülern und Eltern nicht. Die 13-jährige Reika kann nach derzeitigen Plänen nur noch bis zur zehnten Klasse aufs Niels-Stensen-Gymnasium gehen. Auf ein anderes katholisches Gymnasium wolle sie danach auf keinen Fall, sagt sie. "Dafür bin ich viel zu sauer."



insgesamt 102 Beiträge
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Falcon030 29.01.2018
1. Das...
... ist natürlich eine fantastische Werbung für den Katholizismus - nicht. Wer jetzt die Schule wechseln muss, weil die Kirche sie schließt, wird zumindest dieser Glaubensrichtung in Zukunft wohl nicht mit allzu viel Wohlwollen gegenüberstehen. Und obwohl die Kirchen Mitgliederschwund beklagen, sägen sie mit solchen Aktionen fleißig an dem ohnehin nicht sehr dicken Ast, auf dem sie derzeit sitzen.
oliver_koenig p 29.01.2018
2. Kirche und Geld
Der Kirche in D geht es doch seit langem nur noch ums Geld. Und genau deswegen bin ich ausgetreten.
laracrofti 29.01.2018
3. Da kommt Freude auf,
wenn man als gläubige Katholikin schön brav die Kirchensteuern bezahlt, und dann werden aus Geldmangel Schulen geschlossen. Und die anderen Bistümer helfen nur ungenügend, ist das die gelebte christliche Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft? Schade dass Spiegel nicht recherchiert hat, wohin das meiste Geld fließt, außer dem Personal. Und welche Projekte/Einrichtungen weiterhin finanziert werden.
c.PAF 29.01.2018
4.
Wie jedes andere Wirtschaftsunternehmen achtet auch die Kirche auf die Rendite. Was ist daran jetzt so ungewöhlich? Oder hat wirklich jemand die Masche mit der Nächstenliebe vollständig geglaubt?
max-mustermann 29.01.2018
5.
Na wenn der Wirtschaftsprüfer das empfohlen hatt dann ist das ja praktisch alternativlos für ein gewinnorientiertes Unternehmen wie die Kirche. Pharisäer würde mann die Kirchenoberen glaube ich in der Bibel nennen.
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