Lehrergeständnisse Ich bin Lehrerin - und liebe meinen Beruf

Lehrer sind faul, schlecht angezogen - und jetzt streiken sie auch noch. Grundschullehrerin Sabine kann die Vorurteile nicht mehr hören, denn: Für sie ist es der schönste Beruf. Auch weil sie Beamtin ist.

Lehrerin (Archivbild) über Vorurteile: "Wir tragen Birkenstock-Sandalen und sind vom Typ her eher träge."
Corbis

Lehrerin (Archivbild) über Vorurteile: "Wir tragen Birkenstock-Sandalen und sind vom Typ her eher träge."


Wir sind die Faulen. Wir tragen Birkenstock-Sandalen, sind eher träge, und arbeiten - obwohl wir nur einen Halbtagsjob haben - ständig auf die Ferien hin. Wir ruhen uns auf unserem krisenfesten Job aus und sind trotzdem die Jammerer der Nation, nervös-labil und burnout-gefährdet. Und jetzt streiken einige von uns auch noch!

Mit Vorurteilen wie diesen werden Lehrer ständig konfrontiert, von Fremden, von Eltern, sogar - angeblich nur scherzhaft gemeint - von Freunden. Manchmal gehen mir diese Phrasen wahnsinnig auf die Nerven, aber meistens stehe ich recht gelassen drüber, denn: Ich habe den schönsten Beruf, den ich mir vorstellen kann.

Jeden Morgen komme ich in meine Grundschulklasse, und 24 kleine Menschen freuen sich darüber. Ich werde entweder heftig umarmt oder schüchtern angelächelt. Mehrere Schüler berichten mir gleichzeitig über das letzte Fußballspiel oder die Reitstunde. Sobald ich meine Tasche ans Pult gestellt und mich hingesetzt habe, sitzt auch schon jemand auf meinem Schoß und strahlt mich an. Wer kann das schon über seinen Beruf sagen?

Kein Vorgesetzter, der mir täglich auf die Finger schaut

Natürlich gibt es auch Tage, an denen mich jemand weinend empfängt, an denen ich auf die Schnelle einen Streit schlichten muss oder die Jungs doch wieder im Gruppenraum Fußball spielen, unerlaubt und in einer trommelfellgefährdenden Lautstärke. Aber das ist nicht die Regel.

Das Schönste: Ich kann meinen Arbeitstag, trotz der Lernvorgaben aus dem Bildungsplan, frei gestalten. Laut Stundenplan wäre Deutsch dran, aber Mascha hat ein Fossil mitgebracht. Also sprechen wir die ersten 30 Minuten ausgiebig darüber, nahezu jeder kann etwas beitragen. Oder: Viele Kinder waren am Wochenende im Kino und haben "Ice Age" gesehen, ihr Interesse an der Eiszeit ist daher riesig. Wir stimmen ab und beschäftigen uns die kommenden vier Wochen mit Gletschern, Mammuts, Säbelzahntigern und Ötzi. Am Ende haben wir alle eine Menge gelernt. Oder: Im Deutschunterricht stehen die Aufsatzerziehung und die Überarbeitung von Texten an. Eine Schriftstellerin besucht uns und zeigt, dass auch Profis weder druckreif schreiben noch nach der ersten Version fertig sind.

Ich könnte noch Hunderte solcher Beispiele aufzählen, doch es geht nicht darum zu zeigen, wie mein Unterricht aussieht. Es geht darum, welche Möglichkeiten ich in meinem Beruf habe. Wenn ich es für sinnvoll halte, kann ich mich eine Woche lang in einem Fach mit nur einem Thema beschäftigen, wovon ich, wenn ich möchte, drei Tage an außerschulischen Lernorten stattfinden lassen kann und die restlichen Tage in Zusammenarbeit mit der Lehrerin der Parallelklasse. Mir wird vertraut. Da ist kein Vorgesetzter, der mir täglich auf die Finger schaut und dem ich schriftlich Rapport abliefern muss.

Alkoholiker, Dauerkranke, Burnout-Patienten? Bei uns nicht

Und wenn es mal Probleme mit der Schulleitung gibt, habe ich keine Angst, meinen Mund aufzumachen, denn, ja, mein Job als Beamtin ist sicher. Das weiß ich, und ich schätze es sehr. Die meisten meiner Freunde und Bekannten arbeiten in der freien Wirtschaft, und die Geschichten von dort klingen leider ganz anders.

Übrigens: In meinem Kollegium gibt es - zumindest soweit ich weiß - keinen Alkoholiker, keine Dauerkranken und auch keine mit Burnout. Wir sind gut gekleidet, lachen viel und die meisten von uns sitzen oft am Wochenende und auch in den Ferien viele Stunden an ihren Schreibtischen. Natürlich sind auch wir gerade am Ende eines Jahres und besonders vor den Sommerferien oft geschlaucht und auch erschöpft, aber das geht wohl den meisten Arbeitnehmern so.

Was ich sagen will: Ich habe verdammt viel Glück, so einen wunderbaren Beruf zu haben!

Sabine, 45, unterrichtet an einer Grundschule in Hamburg.

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insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 12.03.2015
1. Logisch...
...wenn man sich erst mal eingerichtet hat, geht der Job weitgehend stressfrei von statten. Man darf sich nur nicht für die Schüler einsetzen oder engagieren sondern sie einfach als Lernvieh sehen...dann kann man mit den 3 Monaten Urlaub + Klassenfahrten (oh...sorry ist ja Schichtdienst) ein lockeres Leben führen. Und als Beamter kommen dann noch 4-6 Wochen krankfeieren ohne Risiko der Entlassung dazu...tja...
ssommerf 12.03.2015
2. Vorurteile
Da mag jeder seine haben. Das bringt es doch auf den Punkt: "...mein Job als Beamtin ist sicher. Das weiß ich, und ich schätze es sehr. Die meisten meiner Freunde und Bekannten arbeiten in der freien Wirtschaft, und die Geschichten von dort klingen leider ganz anders." Möglicherweise geht einfach vielen (?) das - durchaus vorhandene - Gejammer über die schlecht bezahlten und knapp vor dem Kollaps (bis spät in die Nacht Arbeiten korrigiert) stehenden Lehrer einfach genauso auf die Nerven. Liebe verbeamteten Lehrer, ihr wußtet vieles vorher und einer der motivierensten Gründe für euch Lehrer zu werden ist die Sicherheit durch Verbeamtung. Lebt damit oder verzichtet auf diesen Status, der Rest der Welt schafft das auch...
h-i-2224 12.03.2015
3. Und warum muss ein Lehrer deshalb verbeamtet sein?
Wenn der Beruf Spaß macht, toll. Aber anderen Menschen macht ihr Beruf auch Spaß und sind nicht verbeamtet.
uksubs 12.03.2015
4. bestätigung
also sorry - ich will bestimmt hier nicht in das allgemeine lehrer-bashing einstimmen. aber der letzte satz der guten frau beschreibt doch schon alles - sie hat einfach viel glück. da frage ich mich ein wenig, wofür gestreikt wird.
open.eyes 12.03.2015
5. @uksubs
es wird dafür gestreikt, das alle für die gleiche arbeit gleiches gehalt bekommen.
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