Kinder arbeiten für Taschengeld Die Einen-halben-Euro-Jobber

Wenn Eltern kaum verdienen, bleibt auch für die Kinder wenig übrig. In Dresden können sie deswegen in der Taschengeldwerkstatt für etwas Kleingeld arbeiten, beispielsweise für Kinokarten. Ein Versuch, Kindern zu helfen, die sonst ihre Tage auf der Straße zubringen.

DPA

Leon, 11, träumt schon lange von einem Fahrrad. "Aber das ist sehr teuer", sagt er. Und seine Eltern haben kein Geld dafür. Deswegen steht er jetzt in der Werkstatt, hält fachmännisch den Kopf schief, prüft die Abstände und setzt dann den kleinen Bohrer an, der sich langsam durchs Holz frisst. Neben ihm auf der Werkbank misst Kaspar, 10, mit einem Zollstock Holzbretter - für einen Gartenzaun.

Die Jungen kommen regelmäßig in die Taschengeldwerkstatt des Kinder- und Jugendhauses Emmers in Dresden: Sie sägen und schleifen in der Tischlerei, flicken kaputte Reifen in der Fahrradwerkstatt oder helfen beim Catering für Kindergeburtstage. Kleine Aufträge für ein Taschengeld von 50 Cent pro Stunde. "Die Kids sollen lernen, mit Geld umzugehen", sagt Jens Hilgner, stellvertretender Leiter des Jugendhauses. Bislang haben sie oft nicht die Erfahrung gemacht, dass Geld durch Arbeit verdient werden muss. "Hier übernehmen sie Verantwortung, lernen durchzuhalten."

Auch überregional erregte das Projekt bereits Aufsehen: Erst kürzlich wurde die Taschengeldwerkstatt mit einem Kinderschutzpreis ausgezeichnet. Die von der Hanse Merkur Versicherung vergebene Auszeichnung ist mit 20.000 Euro dotiert.

"Manchmal komme ich mir wie ein Ersatz-Papa vor"

Der Dresdner Stadtteil Pieschen-Süd gilt als sozialer Brennpunkt. "Es gibt viele Hartz-IV-Familien, viele moderne Straßenkinder", sagt Hilgner. Die meisten werden früh aus dem Haus geschickt und dürfen erst abends wiederkommen. "Zu Hause können sie sich keine Wünsche erfüllen, oft hapert es sogar an regelmäßigem Essen", sagt der Sozialpädagoge.

Etwa 40 Kinder und Jugendliche kommen regelmäßig. Die meisten sparen auf den Eintritt ins Kino oder Schwimmbad oder auf Auto-Spielkarten. "Einer der Jungs hat von seinem ersten eigenen Geld einfach nur ein Milchbrötchen gekauft", erzählt Hilgner.

In der Tischlerei nimmt Leons Geheimkiste langsam Gestalt an. "Die baue ich am liebsten", sagt er. Auch an einem Vogelhaus und einem Holzfisch hat er schon mitgearbeitet. Anleitungen bekommen die Jungen von Christian Schröder. Der 62-jährige Rentner ist jeden Tag in der Holzwerkstatt, zum Großteil ehrenamtlich. Er nimmt sich Zeit für die kleinen Handwerker, erklärt mit ruhiger Stimme, wie sie den Bohrer halten oder die Zwinge festschrauben müssen. "Mir macht es Spaß, ihnen handwerkliche Tricks und Kniffe beizubringen", sagt er. Er ist stolz auf seine Zöglinge, freut sich, wenn sie etwas geschafft haben. "Manchmal komme ich mir wie ein Ersatz-Papa vor."

In der Mitte der Holzwerkstatt steht eine große Werkbank, an den Wänden hängen ordentlich aufgereiht Bohrer, Hämmer und Sägen. "Es gibt sogar eine Tischkreissäge und eine Ständerbohrmaschine", sagt Schröder stolz. Viele aus dem Viertel nehmen die Dienste gern in Anspruch, geben kleine Arbeiten in Auftrag. Die Kinder arbeiten mal an einer Holzbank oder reparieren ein Aquarium. Und auch um die Organisation - von der Kostenkalkulation bis hin zur Auslieferung - kümmern sie sich.

Im Kinder- und Jugendhaus Emmers arbeiten vier Sozialpädagogen und zahlreiche Ehrenamtliche, bis zu hundert Besucher kommen jeden Tag - zum Mittagessen, Tanztraining oder zur Hausaufgabenhilfe.

Im großen Aufenthaltsraum hängt das Herzstück der Taschengeldwerkstatt: die himmelblaue Sparmaschine. Christian Schröder hat sie selbst ausgetüftelt. Über eine Seilwinde werden kleine Holzkugeln - rot steht für 50 Cent, blau für 20 Cent - zu Röhren aus Plexiglas transportiert. In Leons Sparröhrchen hat sich schon einiges angesammelt. Am Monatsende zählt er seine Kugeln und hofft, dass es vielleicht bald für die Erfüllung seines Traumes reicht.

Christiane Raatz, dpa/ fln



insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
krylon 30.08.2011
1. Kinderarbeit ist verboten und soll das auch bleiben
Zitat von sysopWenn Eltern kaum*verdienen, bleibt auch für die Kinder wenig übrig. In Dresden*können sie deswegen in der Taschengeldwerkstatt*für etwas Kleingeld arbeiten, beispielsweise für Kinokarten. Ein*Versuch, Kindern zu helfen, die sonst*ihre Tage auf der Straße zubringen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,783199,00.html
Warum kann man nicht Fahrradspenden sammeln oder Fahrräder, die bei Versteigerungen der Fundbüros übrig bleiben, Mit Kindern und Jugendlichen wieder herstellen und ihnen überlassen? Wenn Kinder ansonsten auf der Straße herum lungern, dann sollten die Pädagogen in Klausur gehen und ihre pädagogischen Angebote überdenken. Vielleicht gehen die Angebote an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder vorbei?
intergrund 30.08.2011
2. ?
Eine durchaus ambivalente Geschichte. Die Kinderarbeit fiel mir auch sofort ein, und dann auch noch für Hungerlöhnen??? Andererseits hat es auch etwas Gutes, wenn Kinder aus der gelernten Hilflosigkeit ihrer Eltern rauskommen und vernünftige Dinge machen. Der komische Beigeschmack bleibt trotzdem.
chlorid 30.08.2011
3. Differenziert sehen
Zitat von krylonWarum kann man nicht Fahrradspenden sammeln oder Fahrräder, die bei Versteigerungen der Fundbüros übrig bleiben, Mit Kindern und Jugendlichen wieder herstellen und ihnen überlassen? Wenn Kinder ansonsten auf der Straße herum lungern, dann sollten die Pädagogen in Klausur gehen und ihre pädagogischen Angebote überdenken. Vielleicht gehen die Angebote an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder vorbei?
Wieso denn? Ich hab auch schon ab 12 angefangen, Brot auszufahren, Obst zu ernten und leichtere Hilfsarbeiten auszuüben. Ganz freiwillig. Das war damals meine Idee und mein Wunsch. Es hat mir großen Spaß gemacht, ich hab was gelernt und das verdiente Geld durfte ich komplett behalten. Den größeren Teil hab ich gespart, den kleineren ausgegeben. Das war wunderbar und ich denke heute noch gerne daran zurück. Ich finde das daher eine sehr sinnvolle Maßnahme. Gibt den Kindern bestimmt auch Selbstvertrauen. Gegen Kinderarbeit bin ich dann, wenn sie unzumutbar ist, also körperlich schwer oder sonstwie die Möglichkeiten der Kinder überbeansprucht. Oder wenn sie von Erwachsenen erzwungen wird. Dann ist Kinderarbeit in der Tat abzulehnen.
Hercules Rockefeller, 30.08.2011
4. Es ist so beschämend
Es ist beschämend, wie wenig Anstand und Charakter mancher zu haben scheint! Was läuft bei jemandem falsch, der sich hinstellt, und Kinderarbeit als "sozialen Dienst" versteht? All diese Gewalt wird sich in den Altenheimen entladen-da kann man für den Heimplatz zahlen, was man will, es wird dieser Gesellschaft heimgezahlt werden! Und das ist auch gut so! Wer Kindern ihre Kindheit stiehlt, der darf im Alter dann auch fürs Hinternabputzen bezahlen. Wers nicht kann, hat Pech gehabt...
r.horn 30.08.2011
5. ...
Zitat von krylonWarum kann man nicht Fahrradspenden sammeln oder Fahrräder, die bei Versteigerungen der Fundbüros übrig bleiben, Mit Kindern und Jugendlichen wieder herstellen und ihnen überlassen? Wenn Kinder ansonsten auf der Straße herum lungern, dann sollten die Pädagogen in Klausur gehen und ihre pädagogischen Angebote überdenken. Vielleicht gehen die Angebote an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder vorbei?
Wenn Kinder auf der Strasse herumlungern, sollte man vielleicht auch die lieben Eltern mal ein wenig in die Pflicht nehmen. Aber nein, die andern werdens schon richten.
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