Kinder in Ägypten Wie kommt die Eurythmie in die Wüste?

Kinderarbeit und Analphabetismus zählen zu den größten Problemen Ägyptens. Dagegen kämpft eine Farm nahe Kairo: Dort müssen Kinder zwar zur Ernte auf die Felder, erhalten aber auch eine gute Schulbildung - anthroposophische Lektionen inklusive.

Von Amira El Ahl, Kairo


Alijas Stimme ist hell und klar. Sie ist ein zierliches Mädchen mit großen, dunklen Mandelaugen in einem kleinen Engelsgesicht. Ihren Schulkameraden singt sie einen Kinderreim vor. Es ist 8.30 Uhr, und sie steht mit 14 anderen "Kamillekindern" auf dem Feld. Sie heißen so, weil sie hier die Heilpflanzen sammeln müssen. Es ist heiß, es ist Erntezeit auf der rund 60 Kilometer nordöstlich von Kairo gelegenen Sekem-Farm.

Kinderarbeit und Analphabetismus sind zwei der größten Probleme des Landes. Fast ein Drittel aller Ägypter kann weder lesen noch schreiben. Häufig verlassen die Kinder die Schule schon nach wenigen Jahren, manche werden von ihren Eltern nie hingeschickt. Viele Familien sind darauf angewiesen, dass die Kleinen zum Unterhalt beitragen.

Seit 20 Jahren bietet die Sekem-Farm eine Alternative zur Kinderarbeit an. Die Kamillekinder arbeiten auf der Farm und bekommen dafür monatlich einen Lohn, damit sie ihre Familien unterstützen können. Aber sie werden auch in die Sekem-Schule aufgenommen, wo sie in kleinen Gruppen Schreiben, Lesen, Mathematik, Geografie, Geschichte und Naturwissenschaften lernen sollen - und auch anderes.

Gegen Mittag kommen die Kamillekinder in einem großen, lichtdurchfluteten Saal zur Eurythmiestunde zusammen. 130 kleine Körper bewegen sich fast lautlos zu leiser Klaviermusik. Zurzeit proben sie Grimms Märchen "Frau Holle", mitten in der ägyptischen Wüste bei 40 Grad. "Eurythmie ist mein Lieblingsfach", sagt Alija, 12, "ich liebe es, zu schauspielern und zu tanzen."

Doch wie kommt Eurythmie in die Wüste?

Die Sekem-Farm wurde 1977 von dem Ägypter Ibrahim Abouleish auf einem kargen Stück Land gegründet. Zuvor hatte er viele Jahre in Deutschland und Österreich gelebt und studiert, wo er sich mit den Schriften Rudolf Steiners, des Begründers der Anthroposophie, vertraut machte. 1988 entstand erst der Sekem-Kindergarten, ein Jahr später dann eine Schule mit einem Grund- und einem Mittelstufenzweig. Die Ausbildung wird vom ägyptischen Bildungsministerium überwacht.

Fast alle wollen in die Textilfabrik

Eine Berufsschule kam 1997 hinzu, "um jungen Menschen nach Beendigung der obligatorischen Schulzeit bei uns die Möglichkeit zu einer Fachschulausbildung zu geben", so der Gründer Abouleish. Der Mangel an ausgebildeten Fachkräften ist eines der Haupthindernisse für die Entwicklung Ägyptens. Heute gibt es 320 Schüler und 200 Auszubildende bei Sekem, plus etwa 100 Kamillekinder. Ihre Zahl steigt in den Sommerferien, wenn viele Schulkinder Aushilfsarbeit suchen. Sie sind zwischen 12 und 16 Jahren alt, stammen fast immer aus armen Familien.

Ahmed al-Sajjid al-Naggar, 14, gehört seit drei Jahren zu den Kamillekindern. Sein Vater ist Bauer und pflanzt Baumwolle, Weizen, Bohnen und Gemüse an. Jeden Abend muss der Sohn nochmal ein bis zwei Stunden zu Hause mit anfassen. Wo er lieber ist? Natürlich bei Sekem, sagt Ahmed, während er Guavenblätter von einem dünnen Ast rupft - "zu Hause ist die Arbeit viel, viel härter".

Ahmeds Traum ist es, später bei der Farm-eigenen Textilfirma Conitex in der Schneiderei zu arbeiten, wie die meisten seiner Freunde. "Fast alle wollen in die Textilfabrik", sagt sein Lehrer Samir Hassan. Weil sie früh körperlich hart arbeiten mussten, streben sie einen Job an, bei dem sie den ganzen Tag sitzen können.

Dabei gibt es Schlimmeres, als Baumwolle oder Gemüse auf den Feldern zu ernten. Viel schlechter dran seien Kinder, die in der Schwerindustrie und in Steingruben schuften müssten, sagt Hilmi Abouleish, 46, Sohn des Sekem-Gründers. Sein Ziel ist es, das Kamillekinder-Projekt auszuweiten, um möglichst vielen Kindern die Chance zu geben, Arbeit und Ausbildung zu verbinden.

"Diese Kinder können leuchtende Sterne sein"

Zwar herrscht in Ägypten Schulpflicht, jedes Kind sollte mindestens neun Jahre lang zur Schule gehen, das Einschulungsalter ist aber nicht festgelegt. Die meisten Kinder kommen im Alter von sechs bis neun Jahren in die Schule. Wer älter ist, wird nicht mehr aufgenommen. Punkt 8 Uhr beginnt der Tag für die Kamillekinder, genau wie für alle anderen Mitarbeiter und Angestellten auf der Farm. Jeden Morgen müssen sie zuerst zur medizinischen Untersuchung. Dann werden sie in Gruppen aufgeteilt, ihrem Wissenstand entsprechend. Die einen beginnen den Tag auf dem Feld, die anderen strömen in ihre Klassen, lernen Lesen oder lassen ihrer Phantasie freien Lauf beim Malen und Kneten.

Marwa Gamal, 13, sitzt über einem braunen Berg aus Ton und folgt aufmerksam den Anweisungen ihres Lehrers. Sie soll heute eine Seelandschaft kneten. Das Boot des Fischers schaukelt schon auf den braunen Wellen, gerade modelliert Marwa einen Fisch. Sie kannte keine Schule von innen, bis sie vor eineinhalb Jahren zu Sekem kam. "Uns ging es nicht so gut", sagt Marwa. "Hier passen die Menschen auf uns auf und versorgen uns."

Mit 16 kommen Kinder wie Marwa in die Berufsschule. Nach zwei Jahren sind sie dann ausgebildete Schreiner, Landwirte, Klempner oder Schneider. Meist finden sie sofort eine Stelle in den zahlreichen Firmen der Sekem-Gruppe, die organisch angebaute Lebensmittel verkaufen, Medikamente auf Naturbasis herstellen oder Baumwolle zu Textilien verarbeiten.

Vor kurzem war Suzanne Mubarak, die Frau des ägyptischen Präsidenten, bei Sekem zu Gast. Der Gründersohn Abouleish legte ihr das Kamillekinder-Projekt ans Herz: "Die Leute müssen sehen, was möglich ist. Sie müssen verstehen, dass diese Kinder leuchtende Sterne sein können, wenn man ihnen nur die Chance dazu gibt."



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