Kinderarmut Wie der Aufstieg gelingt

Sie haben weniger Geld, weniger Bücher, weniger Chancen: Dennoch können Kindern aus armen Familien den Aufstieg schaffen, wie eine neue Studie zeigt. Doch dafür müssen Eltern, Kitas und Schulen eng zusammenarbeiten.

Kind in Hamburg: Wer aus einer armen Familie kommt, hat es schwerer
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Kind in Hamburg: Wer aus einer armen Familie kommt, hat es schwerer


Arme Kinder haben weitaus schlechtere Startchancen im Leben, sie müssen laut einer Langzeitstudie aber nicht benachteiligt bleiben - wenn Eltern, Kitas und Schulen an einem Strang ziehen. "Der Spruch 'einmal arm, immer arm' gilt nicht immer", sagte der Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (Awo), Wolfgang Stadler, bei der Vorstellung der Erhebung. Es sei die erste umfassende Studie in Deutschland zu Kinderarmut über einen längeren Zeitraum, sagte er.

Vor 15 Jahren ließ die Awo das erste Mal rund 900 Kinder befragen, sie standen gerade vor dem Übergang zur Grundschule, die Hälfte stammt aus armen Familien. Ihre Eltern verdienten höchstens halb so viel wie der Durchschnitt in Deutschland. Erneut wurden die Kinder während und am Ende der Grundschulzeit befragt. Die aktuelleste Erhebung liegt nun zwei Jahre zurück, da gaben immerhin noch 449 Jugendliche Auskunft - ein "hervorragender Wert für Studien über einen so langen Zeitraum", betonen die Autoren.

Auch wenn die Kinder nicht repräsentativ ausgewählt wurden, gibt die Studie einen interessanten Einblick. Sie zeichnet die Entwicklung der Benachteiligten über die Jahre hinweg nach. Die Untersuchung kommt unter anderem zu folgenden Ergebnissen:

  • Rund die Hälfte der Kinder schaffte den Sprung aus der Armut, nämlich 43 Prozent. Allerdings rutschte rund jedes fünfte Kind über die Zeit in ein armes Leben ab. "Es kommt auf eine kontinuierliche Betreuung an", sagte Stadler. Oft hapere es an den Übergängen etwa zwischen Kita und Schule.
  • Bei der Hälfte der befragten armen Familien waren die Eltern arbeitslos. Von jenen, die arbeiten, haben rund 70 Prozent einen Teilzeitjob. Zudem fiel auf: Die Gruppe derer, die vollzeit arbeiten und dennoch arm bleiben, wächst - die sogenannten "Working Poor".
  • Es zeigte sich erneut: Weniger die Herkunft der Eltern ist entscheidend für die Chancen eines Kindes als der soziale Hintergrund. "Junge Menschen mit Migrationshintergrund" als soziale Problemgruppe zu sehen, schreiben die Autoren, beruhe vor allem auf Vorurteilen. Arme Zuwandererkinder wachsen behüteter auf als arme deutschstämmige Jugendliche. Auch für Bildungschancen gilt: Der "Migrationseffekt" mildert die schlechteren Startchancen sogar ab.
  • Jugendliche aus Hartz-IV-Familien sind schlechter dran als Kinder aus armen Familien, in denen die Eltern arbeiten. Sie werden häufiger vernachlässigt, ihnen fehlt es häufiger an Kleidung und es gibt weniger Bücher in der Wohnung. Dabei haben Hartz-IV-Familien der Studie zufolge mehr Geld als die befragten arbeitenden armen Familien.

Studienleiterin Gerda Holz sagte, die Bedeutung von Eltern und anderen Bezugspersonen sei immens. "Kinder brauchen Orientierung. Sie sind keine kleinen Erwachsenen." Selbst für die 16- bis 17-Jährigen spielten die Eltern eine sehr wichtige Rolle. Brüche in der Betreuung durch Eltern, Erzieher und Lehrer seien ein großes Problem.

2,5 Millionen Kinder in Einkommensarmut - also jedes fünfte

Auch wenn einige Kinder später der Armut entkommen könnten, hätten sie schlechtere Startchancen. "Arme Kinder werden oft verspätet eingeschult", sagte Holz. An der Schule müssten sie häufiger Klassen wiederholen. Nur jedes dritte Kind (33 Prozent) aus einer armen Familie kam durch die Schule, ohne eine Klasse zu wiederholen. Unter den nicht armen Kindern war es die Hälfte (49 Prozent).

"Die Bewältigung von Armut ist eine Doppelbelastung", mahnte Holz. Solche Kinder müssten oft Aufgaben ihrer Eltern übernehmen und sich um kleine Geschwister kümmern. Zudem seien sie oft angehalten, sich mit Nebenjobs Geld zu verdienen. Dadurch bleibe automatisch weniger Zeit für die Schule. "Armut führt zu mehr Belastung und schlechteren Chancen."

In Deutschland leben über 2,5 Millionen Kinder in Einkommensarmut, wie der Deutsche Kinderschutzbund schreibt. Dies entspreche etwa 19,4 Prozent aller Menschen unter 18 Jahren. "Das Ausmaß der Kinderarmut ist seit vielen Jahren gravierend hoch." Zwar hatte die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg Anfang dieses Jahres gesunkene Zahlen von Kindern im Hartz-IV-System ermittelt, doch der Kinderschutzbund hatte die Berechnung angezweifelt. Schließlich sei auch die Zahl der Kinder in Deutschland zurückgegangen.

Auch die Studie der Awo zeichne teilweise ein ernüchterndes Bild: "Die Lebenswege beider Gruppen gehen weiter auseinander", sagte Holz. Auch deshalb müsse mehr in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche investiert werden, forderte Stadler. Das Betreuungsgeld sei dabei genau der falsche Weg.

otr/dpa/dapd

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insgesamt 8 Beiträge
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jens-o-mat 26.09.2012
1. Die einen leben den Gangnam-Style...
... die anderen schauen das Video. Die Zeit zwischen den 1960er und den 2000er Jahren wird bald mythisch als die "gute alte Zeit" verklärt werden.
Palmstroem 26.09.2012
2. Sozial ist, was Arbeit schafft
Zitat von sysopDPASie haben weniger Geld, weniger Bücher, weniger Chancen: Dennoch können Kindern aus armen Familien den Aufstieg schaffen, wie eine neue Studie zeigt. Doch dafür müssen Eltern, Kitas und Schulen eng zusammenarbeiten. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/kinderarmut-awo-stellt-studie-vor-a-857911.html
Dass in Bayern nur 6,8% der Kinder in Armut leben, in Berlin aber über 30% zeigt, dass Kinderarmut nicht Gottgegeben ist. Entscheidend für soziale Probleme ist vor allem der Arbeitsmarkt. Je geringer die Arbeitslosigkeit ist, desto geringer sind die sozialen Probleme. Dass staatliche Sozialleistungen das Problem nicht lösen und Geld nicht alles ist, läßt sich klar aus dieser Erkenntnis der Studie ablesen: "Jugendliche aus Hartz-IV-Familien sind schlechter dran als Kinder aus armen Familien, in denen die Eltern arbeiten. Sie werden häufiger vernachlässigt, ihnen fehlt es häufiger an Kleidung und es gibt weniger Bücher in der Wohnung.* Dabei haben Hartz-IV-Familien der Studie zufolge mehr Geld als die befragten arbeitenden armen Familien.*"
MrStoneStupid 26.09.2012
3. Wichtig ist die Einstellung, ...
... ein ehrliches und strebsames Leben führen zu wollen. Ein Umfeld von Faulenzern, Gangstern und Alkis ist dafür halt nicht so geeignet. Deutschland kriegt die Quittung für Kapitalismus, Korruption und Konsumterror. Da müssen Staat und Gesellschaft gegensteuern: nicht Party und Saufen sind cool, sondern lernen, gesetzestreue und ein gutes Sozialverhalten. Sehr hilfreich können auch die Religionen sein, denn die fordern ein besseres Leben und geben Halt. (imho)
e-cdg 26.09.2012
4. ARGE arg im Argen
Zitat von sysopDPASie haben weniger Geld, weniger Bücher, weniger Chancen: Dennoch können Kindern aus armen Familien den Aufstieg schaffen, wie eine neue Studie zeigt. Doch dafür müssen Eltern, Kitas und Schulen eng zusammenarbeiten. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/kinderarmut-awo-stellt-studie-vor-a-857911.html
Die Mitarbeiter dort haben täglich mit den ärmsten Menschen zu tun, kein Wunder, dass diese auch irgendwann an ihre Grenzen kommen. Ganz ehrlich, was hat das damit zu tun? Die Mitarbeiter der ARGE behandeln Alg2 Bezieher wie den letzten Dreck. Es ist eine Tatsache. Mein Bruder ist selbst Hartz 4 Empfänger gewesen und ich weiß wovon ich rede. Selbstverständlich gibt es auch Bezieher die selbst schuld sind. Er hat mitgearbeitet wo es nur ging und dennoch wurde er behandelt wie ein Stück Scheisse !!! Er ist selber immer kurz davor gewesen, auszurasten da er immer und immer und immer wieder so mies behandelt wurde. Was glaubt ihr wohl, wie viele Beschwerden er geschrieben hat ! Und was ist raus gekommen, man ist nicht drauf eingegangen. Es ist an der Zeit, Hartz 4 abzuschaffen, es ist an der Zeit die Sachbearbeiter zu kontrollieren. Aber wenn selbst der Leiter der örtlichen Arge ein Ar.... ist bringt das auch nichts. Es ist schlimm, dass so etwas wie heute früh passiert, sehr schlimm.... es ist unfaßbar und falsch, aber es zeigt, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Anstatt sich darum zu kümmern, feiern die Politiker den Geburtstag von Schäuble????!! Ich glaub' , mein SCHWEIN pfeifft !!!!!!!!!!!!!!!!!!!
unpolit 26.09.2012
5.
Zitat von MrStoneStupid... ein ehrliches und strebsames Leben führen zu wollen. Ein Umfeld von Faulenzern, Gangstern und Alkis ist dafür halt nicht so geeignet. Deutschland kriegt die Quittung für Kapitalismus, Korruption und Konsumterror. Da müssen Staat und Gesellschaft gegensteuern: nicht Party und Saufen sind cool, sondern lernen, gesetzestreue und ein gutes Sozialverhalten. Sehr hilfreich können auch die Religionen sein, denn die fordern ein besseres Leben und geben Halt. (imho)
Es gibt in jeder Personengruppe eine Spreizung von "Null-Bock" bis hochmotiviert. Nur dass es an den Rändern der Gesellschaft deutlicher mehr Beachtung erfährt. Sicher werden von "Staat und Gesellschaft" - wer auch immer konkret das sein mag - nie alle erreicht, aber wenn sich die Chancen erhöhen, mit mehr Leistung auch mehr Lebensqualität zu bekommen, dann werden möglicherweise auch mehr Menschen diese Chance nutzen wollen. Inwiefern Religionen eine besseres Leben fordern - wobei Sie sicher fördern meinten- ist mir völlig schleierhaft. Die Kirche hat doch kein Problem damit, Omas mit Grundsicherung eine Bettelbüchse zu geben, um damit für diese wohlhabende Institution Geld zu sammeln. Und als Wertelieferant versagt die Kirche komplett - schließlich sind es doch so genannte Christen, die täglich vormachen, was zähle: Kohle machen, egal wie. Wir haben nur eine Chance auf Besserung, wenn uns mehr Bildung bei einer größeren Schicht gelingt. Und dann aber auch eine realistische Chance auf Erfolg besteht. Und die Menschen hier und jetzt Verantwortung für ihr Handeln übernehmen - und nicht auf Heilsversprechen nach dem Tode bauen.
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