Studie zu Kindergeld und Co. Geld wird für Kinder ausgegeben - nicht für Alkohol

Schnaps statt Sport, Flachbildschirm statt Früherziehung? Eine Studie widerlegt Vorurteile über die Verwendung von staatlichen Leistungen.

Mädchen beim Fußball
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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Mehr Vereinssport und Musikunterricht und ein Plus bei der externen Betreuung: Kinder profitieren laut einer Studie direkt von staatlichen Leistungen wie dem Kindergeld. Das hat eine Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ergeben.

Die Autoren haben bei ihrer Analyse geprüft, ob sogenannte Direktzahlungen bei den Kindern ankommen - oder von den Eltern zweckentfremdet werden, etwa für Alkohol, Tabak oder Unterhaltungselektronik.

Wer hat die Studie in Auftrag gegeben?
Die Bertelsmann Stiftung hat die Studie in Auftrag gegeben. Durchgeführt wurde sie von Holger Stichnoth vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Der Titel der Studie lautet: "Kommt das Geld bei den Kindern an?"
Wie wurden die Daten erhoben?
Untersucht wurde die Verwendung von zwei staatlichen Leistungen für Familien: das Kindergeld und das Landeserziehungsgeld in verschiedenen Bundesländern. Dazu haben die Forscher Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 1984 bis 2016 ausgewertet. Um die Wirkung des Landeserziehungsgelds zu untersuchen, haben sie jeweils ähnliche Haushalte mit und ohne Landeserziehungsgeld miteinander verglichen. Den Effekt des Kindergelds haben die Studienmacher ermittelt, indem sie über die Zeit untersucht haben, wofür die Familien ihr Geld ausgeben, wenn das Kindergeld steigt oder die Kaufkraft inflationsbedingt sinkt.
Was war das Ziel der Untersuchung?
Es ging darum zu untersuchen, ob Eltern staatliche Leistungen, die sie für ihre Kinder bekommen, tatsächlich für ihre Kinder ausgeben.

Die wichtigsten Ergebnisse:

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Eltern finanzielle Leistungen wie das Kindergeld sinnvoll für Bildung, Betreuung und Freizeitaktivitäten ihrer Kinder sowie zum Wohnen einsetzen. Ein massiver Missbrauch der Gelder sei nicht nachweisbar.

Für das Landeserziehungsgeld stellten die Forscher fest, dass Haushalte mit einem entsprechenden Anspruch ihre Arbeitszeit reduzieren. Sie erkaufen sich mit dem Geld also Zeit für die Kinder, so wie es von der Politik bei der Einführung der Leistung vorgesehen war.

Beim Kindergeld kommt die Studie hingegen zu dem Ergebnis, dass sich die Zahlung nicht auf die Arbeitszeit auswirkt. Eltern gehen demnach nicht weniger arbeiten, wenn sie mehr Kindergeld bekommen. Dafür steige bei einer Erhöhung des Kindergelds um 100 Euro die Wahrscheinlichkeit, dass

  • ein Kind eine Kinderbetreuung besuche um fünf Prozentpunkte;
  • es zum Sport geht um acht Prozentpunkte und
  • es Musikerziehung bekommt um sieben Prozentpunkte für Kinder unter sechs Jahren und um elf Prozentpunkte für die Sechs- bis 16-Jährigen.
  • Die Ausgaben für Miete steigen bezogen auf 100 Euro Kindergeld um 14 Euro, die Wohnfläche wächst im Schnitt um gut zwei Quadratmeter.

Bei beiden Leistungen können die Forscher

  • keine Auswirkungen auf den Kauf oder Besitz von Unterhaltungselektronik feststellen.
  • Auch der Alkoholkonsum steige dadurch nicht.
  • Lediglich beim Tabakkonsum habe es vor 2008 Anzeichen für einen Anstieg gegeben. Demnach war für Frauen, die Landeserziehungsgeld bekommen haben, die Wahrscheinlichkeit zu rauchen erhöht. In den vergangenen zehn Jahren sei dies aber nicht mehr festzustellen. Beim Kindergeld sei der Anteil der Raucher zwar nicht gestiegen, aber Männer, die bereits rauchten, hatten ihren Zigarettenkonsum laut der Studie erhöht. Diesen Effekt gebe es seit 2007 nicht mehr. Die Wissenschaftler schlussfolgern daraus, dass der Missbrauch auch in Zukunft unwahrscheinlich ist.

Forderungen der Forscher

Die Studie liefert damit Argumente, das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket zu überarbeiten. Die Unterstützung für Familien, die schon Sozialhilfe, Wohn- oder Arbeitslosengeld beziehen, wurde bereits 2011 eingeführt. Allerdings kommen die extra zu beantragenden Zuschüsse für Schulessen, Nachhilfe, Musikunterricht oder Vereinssport nur bei gut einem Viertel der Berechtigten an. In Hartz-IV-Familien ist es laut einer aktuellen Auswertung der Wohlfahrtsverbände sogar nur jedes siebte Kind.

Dass das Bildungs- und Teilhabepaket mehr schlecht als recht funktioniert, ist seit Langem bekannt. Bereits in dem von der Bundesregierung vor zwei Jahren veröffentlichten Evaluationsbericht wurde deutlich, dass viele Leistungen kaum genutzt werden. Die Gründe: Die Beantragung ist oft zu kompliziert, die Hürden zu hoch - oder die Zuschüsse zu niedrig, um etwa tatsächlich Musikunterricht und ein Instrument bezahlen zu können.

Mehr Geld für arme Familien

Zudem gehen etwa 30 Prozent der Gelder für den Verwaltungsaufwand drauf, berichtet die Bertelsmann Stiftung. Das Geld müsste stattdessen direkt bei armen Kindern, Jugendlichen und ihren Familien ankommen, um die Kinderarmut zu bekämpfen.

Jörg Dräger, Vorstand der Stiftung, fordert dazu die Einführung eines Teilhabegelds. Es solle alle bisherigen Leistungen wie Kindergeld, Teilhabepaket und Kinderzuschlag ersetzen. Allerdings solle der Betrag mit steigendem Einkommen der Eltern sinken: "Anders als das Kindergeld erreicht es so gezielt arme Kinder und Jugendliche", so Dräger.

Die Studie hätte gezeigt, dass direkte finanzielle Leistungen für Familien sinnvoller sind als aufwendig zu beantragende Sachleistungen. "Eltern sollten nicht unter Generalverdacht gestellt werden", so Dräger. Er fordert eine Beweislastumkehr: "Der Staat sollte den Eltern vertrauen und Entmündigung sollte nicht zur Regel werden."


Zusammengefasst: Staatliche Gelder wie das Kindergeld kommen laut der Studie direkt bei den Kindern an. Eltern geben es für Bildung, Betreuung und Freizeitaktivitäten ihrer Kinder aus und investieren es in größeren Wohnraum. Die Wissenschaftler fordern deshalb die Abschaffung von extra zu beantragenden Geldern wie denen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Damit ließen sich Verwaltungskosten sparen und mehr arme Kinder und Jugendliche erreichen.

insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
sammilch 21.11.2018
1. Thema
Überraschung- ein, durch Sendungen wie Frauentausch, geprägtes Klischee existiert nicht. Das das Kindergeld in vielen armen Haushalten allen Familienmitgliedern zu Gute kommt kann ich so von unserer Familie jedoch bestätigen. Früher waren wir sehr dankbar für diese kleine extra Finanzspritze Mitte des Monats, mit der wir noch einkaufen gehen konnten bis es am Monatsanfang wieder Lohn gab.
sammilch 21.11.2018
2. Thema
Überraschung- ein, durch Sendungen wie Frauentausch, geprägtes Klischee existiert nicht. Das das Kindergeld in vielen armen Haushalten allen Familienmitgliedern zu Gute kommt kann ich so von unserer Familie jedoch bestätigen. Früher waren wir sehr dankbar für diese kleine extra Finanzspritze Mitte des Monats, mit der wir noch einkaufen gehen konnten bis es am Monatsanfang wieder Lohn gab.
isi-dor 21.11.2018
3. Kindergeld ist kein Almosen!
Kindergeld ist steuerrechtlich nichts anderes, als die pauschale Steuerbefreiung des Existenzminimums von Kindern, denn es gibt keinen Grund, Erwachsenen ein steuerbefreites Existenzminimum zuzusprechen, Kindern aber nicht. Viel wichtiger wäre es, z. B. die schwachsinnigen 19% Mehrwertsteuer bei der Schulverpflegung, oder der Bildungskosten endlich abzuschaffen, denn Bildungskosten sind Zukunftsinvestitionen für die Gesellschaft, die sich tausendfach amortisieren. Was für einen Sinn macht es für den Staat, am Schulmaterial, Schulessen etc. satt Geld zu verdienen?
JungUndFrei 21.11.2018
4.
Die Studie beleuchtet einen wichtigen Teil gar nicht... ALG2 Empfänger. Auch die Vorurteile die in dem Artikel erwähnt werden richten sich hauptsächlich gegen ALG2 Empfänger, das dürfte auch den Forschern bekannt sein. Insofern frage ich mich, warum man diese nicht einbezogen hat.
Tante_Frieda 21.11.2018
5. Schon mal nachgedacht?
Die Politiker,die gern darüber maulen,dass arme Eltern staatliche Leistungen lieber in Schnaps,Handys und Fernseher investieren statt sie ihren Kindern zugutekommen zu lassen,sind vermutlich eher im rechten Spektrum zu verorten,etwa bei der kleinen Klientelpartei der Wohlhabenden - der (banale) Grund ist einfach der,dass sie sich steuerlich überfordert sehen.Gewiss dürfte es einen (geringen) Anteil an Eltern geben,die das Kindergeld für Dinge ausgeben,die nichts mit ihren Kindern zu tun haben.Wie wäre es da,wenn der Staat ihnen Menschen an die Seite gäbe,die diesen durch ihre soziale Situation häufig sehr belasteten Eltern mit Rat und Tat zur Seite stehen?Gemeint sind da wirklich Helfer,keine Aufpasser.In manchen Orten gibt es bereits solche Personen,die man als Familienhelferinnen oder -helfer bezeichnen könnte.Das wäre eine sinnvolle Investition von Steuergeldern.
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