Kinder-Dokumentationen Kleine Riesen

Zwei Kino-Dokumentationen porträtieren auf sehr gegensätzliche Weise die Lebenswelten von Kindern - und kommen ihren kleinen Helden dabei unfassbar nah.

mindjazz pictures

"Ich finde, die Natur ist das schönste und größte Zimmer," sagt der blonde Junge und schnitzt hingebungsvoll an einem Steckenpferd. Sein Freund nickt bedächtig, während er fachmännisch die Rinde von einem Stock abschält. Die beiden Sechsjährigen sitzen inmitten Norwegens saftiger grüner Natur. Ein Erzieher oder Lehrer passt nicht auf sie auf - trotz der scharfen Messer.

Christopher und Uriel gehören zum "Club der Sechsjährigen" eines Waldorf-Kindergartens. Dort stromern sie durch den Wald, bauen merkwürdige Gebilde aus Holz und erklären Steine zu funkelnden Kristallen.

Mit ihrer Dokumentation "Kindheit", die an diesem Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, nimmt Margreth Olin den Zuschauer mit, wenn die kleinen Helden die Welt erobern. Schaut zu, wenn sie im Winter im Schnee toben und so viel davon essen, dass Eltern am liebsten gleich heißen Tee bereitstellen würden. Der Film bleibt nah dran, wenn sie aus weichem Moos Kissen formen und auf Bäume klettern.

Stiller Protest gegen die Verschulung von Kindergärten

Vor allem erlauscht Olin die Gespräche dieser Kinder. Das kann wahnsinnig rührend klingen, zum Beispiel so: "Wir können mit Mädchen spielen, aber nur, wenn sie uns nicht küssen. Wenn sie es versuchen, musst du um Dein Leben laufen." Oder sehr abgedreht: "Man muss Krokodilzähne und Skelette und grünen Schleim vermischen, das ergibt dann Liebe."

"Kindheit" zeigt, wie diese Kinder durch das Spiel ihre Umwelt begreifen, wie sie sich immer mehr entfalten - und das größtenteils ohne das Zutun Erwachsener. Olin bezeichnet ihren Film als stillen Protest gegen die ihrer Meinung nach immer stärkere Fokussierung von Grundschule und Kindergarten auf Leistung und Wettbewerb.

Die Filmemacherin will keine bestimmte - und auch umstrittene - pädagogische Methode propagieren. Der Waldorf-Kindergarten bot ihr einfach die besten Voraussetzungen für ihr eigentliches Ziel: der geheimen und für Erwachsene oft mysteriösen Welt von Sechsjährigen möglichst nahe zu kommen.

Ihr Zugang ist faszinierend, weil sie sich darauf einlässt, Kindern wirklich auf Augenhöhe zu begegnen - ohne einordnenden Kommentar oder erzählerische Dramaturgie. Allerdings zeichnet sie auch ein idyllisierendes Bild: Die Kinder sind ständig in der freien Natur unterwegs, kein Auto kreuzt ihren Weg, draußen brodelt die Suppe überm Lagerfeuer, und an Weihnachten schreien die Bilder förmlich: "Hygge!"

Den größtmöglichen Gegensatz dazu bietet eine Dokumentation, die sich ebenfalls mit Kindern befasst und Ende Mai in den deutschen Kinos anläuft. In dem österreichischen Film "Kinders" sagt die zehnjährige Nandu: "Ich weiß nie, warum ich wütend werde. Wut, Wut, Wut. Das ist mein Grundgefühl."

Der Film der Brüder Arman und Arash Riahi zeigt Zehn- bis Zwölfjährige in einem völlig anderen Lebensumfeld: Sie begleiten Schüler in Wien, die meisten von ihnen mit Migrationshintergrund und vielen Problemen. Sie alle nehmen an einem Musikprogramm teil, das von Caritas, Wiener Konzerthaus und den Wiener Sängerknaben ins Leben gerufen wurde und zum Ziel hat, die kreativen Potenziale von benachteiligten Kindern zu wecken.

Wo in "Kindheit" nur der Wald rauscht, lärmt in "Kinders" eine Asphaltmaschine. Davor platzieren die Regisseure die Protagonisten, sodass der zarte Klang ihrer Geigen beinahe untergeht. Aber sie geben nicht auf, spielen tapfer an gegen ein überwältigendes Außen. Ein großartiges Bild für den Mut, mit dem diese Kinder ihr Leben annehmen.

Erwachsene werden als Mutmacher gebraucht

Auch in "Kinders" gibt es Gespräche zu erlauschen, aber hier sind sie ungleich trauriger, fast immer fließen Tränen. Taib, Nandu oder Denise leiden unter der Trennung ihrer Eltern oder anderen Schicksalsschlägen. Sie sind schüchtern und übergewichtig oder trauen sich nichts zu, fühlen sich abgehängt. Einmal verbietet ein älterer Bruder seiner zehnjährigen Schwester, bei einer Kinderdisco zu tanzen, weil das unschicklich sei.

Auch hier spielen Erwachsene eine Nebenrolle, der Film lässt beinahe nur Kinder sprechen. Wichtig sind sie hier aber als Mutmacher, Herausforderer, Perspektivengeber. Denn in dem Musikprogramm sollen keine Talente gefunden oder Genies trainiert werden - auch wenn später ein Junge tatsächlich bei den Wiener Sängerknaben aufgenommen wird. Der spezielle Förderunterricht soll den Kindern ein Selbstwertgefühl geben und ihnen neue Chancen und Möglichkeiten eröffnen.

So unterschiedlich die Milieus und Perspektiven in "Kinders" und "Kindheit" auch sein mögen, an einem Punkt treffen die beiden Filme sich doch: Beide lassen sich ganz auf die Kinder ein, sie beugen sich zu ihnen herunter und sperren Augen und Ohren auf für ihre Welt. Zusammengenommen wird aus ihnen das faszinierende Porträt kleiner Menschen, die in Wahrheit Riesen sind.

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Senf-Dazugeberin 19.04.2018
1. Der ältere Bruder verbietet der 10-jährigen Schwester,
bei einer Kinderdisco zu tanzen weil das unschicklich sei. Und solche kinderfeindlichen Spinnereien sind das aktuelle Ideal vieler Politiker...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.