Klage von Schülerin Wegen Rechenschwäche mehr Zeit für Mathe-Tests

Wenn Kinder an Legasthenie leiden, bekommen sie ein Viertel mehr Zeit für Schulprüfungen - Schülern mit Dyskalkulie steht dieses Recht oft nicht zu. Eine 14-jährige Gymnasiastin zog gegen ihre bayerische Schule vor Gericht und erzielte einen kleinen Erfolg.


Augsburg – Eine 14-jährige Schülerin mit Rechenstörung hat gegen das Land Bayern vor dem Verwaltungsgericht geklagt, weil ihr Gymnasium sich weigerte, ihr für Mathematik-Tests ein Viertel mehr Zeit zu geben als anderen Schülern. Das Verfahren wurde zwar eingestellt, die Schülerin erzielte dennoch einen kleinen Erfolg: Die Schule sagte zu, sich außergerichtlich mit dem an Dyskalkulie leidenden Mädchen über Ausgleichsmöglichkeiten für ihre Krankheit zu verständigen.

Schüler mit Rechenschieber: Dyskalkulie kann selten behandelt werden
DPA

Schüler mit Rechenschieber: Dyskalkulie kann selten behandelt werden

Bislang hatte die Gymnasiastin 15 Prozent mehr Zeit für Mathematikprüfungen als andere Schüler. Nun sollen zusätzliche Tests zur Schwere ihrer Rechenschwäche folgen. Auch ein Schulpsychologe soll beurteilen, ob der Schülerin weitere zehn Prozent Extra-Zeit bei Prüfungen eingeräumt werden soll.

Bei Dyskalkulie handelt es sich nicht um eine körperliche Erkrankung oder Intelligenzminderung, sondern um eine Entwicklungsverzögerung und eingeschränkte Leistungsfähigkeit beim Erfassen mathematischer Systeme und Rechenvorgänge. Schon das Einmaleins ist für Betroffene nicht zu bewältigen; noch im vierten Schuljahr zählen Kinder mit den Fingern, verfügen über keinen Zeitbegriff und auch der Umgang mit Geld bleibt schwierig. Diese Defizite können auch bei ständiger Übung oder Betreuung nur teilweise behoben werden.

Keine gesetzlichen Richtlinien

Das Augsburger Mädchen hatte bereits die sechste Klasse wegen der Note 6 in Mathematik wiederholen müssen und befindet sich nun in der siebten Klasse. Ihr Vater wollte für sie gerichtlich die Gleichsetzung der Dyskalkulie mit der Legasthenie erreichen. Bei Menschen mit Rechtschreib- und Leseschwäche gilt eine Quote von 25 Prozent mehr Bearbeitungszeit für Prüfungen, einige Bereiche werden in der Schule gar nicht benotet.

Außerdem forderte der Vater für seine Tochter einen völligen Verzicht auf mündliche Prüfungen, weil das Mädchen zusätzlich an einer Sprechstörung leide, dem sogenannten elektivem Mutismus. Mit bestimmten Personen spricht die Schülerin wegen dieser Kommunikationsstörung gar nicht.

Der Vertreter Bayerns hatte vor dem Gericht darauf hingewiesen, dass es für die Behandlung von Legasthenie Richtlinien gebe, für Dyskalkulie jedoch nicht, da keine verbindliche wissenschaftliche Definition für die Rechenstörung vorliege.

Nachdem die Richter als sachverständigen Zeugen den Oberarzt einer Augsburger Klinik gehört hatten, will das Gymnasium nun aber alles "Machbare und Vertretbare" unternehmen, um dem Mädchen einen Ausgleich für die Störung zu gewähren. Der Richter hatte bei der Verhandlung allerdings bereits darauf hingewiesen, dass auf mündliche Prüfungen wegen des Grundsatzes der Gleichbehandlung aller Schüler nicht verzichtet werden könne.

cpa/dpa/ddp



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