Schulstreit in Niedersachsen Schüler protestieren gegen Klassenfahrt-Boykott der Lehrer

Niedersachsens Gymnasiallehrer sollen eine Stunde länger arbeiten - und streichen aus Protest die Klassenfahrten. Nun regt sich Widerstand in der Schülerschaft, die sich die Ausflüge nicht nehmen lassen will.

DPA

Von


Auf seine Lehrer ist Sebastian Klein, 17, gerade nicht gut zu sprechen. Er redet von "verspieltem Vertrauen" und kündigt an, dass seine Mitschüler und er sich das nicht gefallen ließen. "Die Lehrer tragen ihren Protest auf unserem Rücken aus", meint Sebastian, der in die 11. Klasse des Gymnasiums im niedersächsischen Wildeshausen geht.

Der Grund für seinen Zorn: Der Personalrat seines Gymnasiums hat Mitte Januar verkündet, künftig keine Klassenfahrten mehr anzubieten. Ab sofort gibt es also keine Kennenlernfahrt mehr für die fünften Klassen, die Rom-Fahrt ist genauso gestrichen wie der Skiausflug. Anders als etwa in Hessen gelten die Ausflüge in Niedersachsen als freiwillige Extraleistung, zu der Lehrer nicht verpflichtet sind.

Mit ihrem Boykott protestieren die Lehrer gegen eine geplante Erhöhung der wöchentlichen Unterrichtszeit in Niedersachsen von 23,5 auf 24,5 Stunden. "Aus pädagogischer Verantwortung und als Zeichen des Protests", schreiben die Lehrer, seien Klassenfahrten angesichts der steigenden Arbeitsbelastung für sie nicht mehr möglich.

Wildeshausen steht nicht allein: An mehr als der Hälfte der 265 Gymnasien in Niedersachsen wurden Klassenfahrten bereits abgeschafft. Die Lehrer hoffen, die rot-grüne Landesregierung in Hannover durch den so erzeugten öffentlichen Druck doch noch umzustimmen.

Nie mehr Klassenfahrt wegen einer Stunde Mehrarbeit?

Also nie mehr Klassenfahrt in Niedersachsen? Wegen einer Stunde Mehrarbeit? "Unterrichtszeit ist ja nicht Arbeitszeit", sagt Richard Lauenstein, Sprecher der Lehrergewerkschaft GEW in Niedersachsen. Eine Stunde mehr Unterricht sei inklusive Vor- und Nachbereitung mit zwei bis drei Stunden Mehrarbeit gleichzusetzen. "Wenn verlangt wird, dass sich die Lehrer übermäßig verausgaben, führt das nur zu einem höheren Verschleiß", sagt Lauenstein.

Bislang scheint es jedoch fraglich, ob die Lehrer sich mit ihrem Boykott nicht am Ende selbst schaden. In Städten wie Göttingen gingen zwar Hunderte Schüler für sie auf die Straße, doch andernorts sind Schüler und Eltern sauer. Sie können nicht nachvollziehen, wieso sie nun für die Lehrer leiden müssen. Auch das Kultusministerium bleibt hart: "Wir appellieren an die Vernunft der Lehrkräfte", sagt eine Sprecherin. Das Ministerium könne den Protest auch deshalb nicht nachvollziehen, da Lehrer an niedersächsischen Gesamtschulen zum Beispiel schon jetzt 24,5 Stunden unterrichten müssen und trotzdem Zeit für Klassenfahrten haben.

"Die Wut richtet sich mehr gegen uns als gegen die Regierung", glaubt Stefan Lahme, Lehrer am Herzog-Ernst-Gymnasium in Uelzen. Der Protest gegen unbezahlte Mehrarbeit sei verständlich, nähre aber das Klischee des faulen Lehrers. An seiner Schule seien die Kollegen noch unentschlossen, Ende Februar wollen sie über eine gemeinsame Haltung abstimmen. Lahme ist dagegen: "Klassenfahrten sind wichtig für das soziale Miteinander an der Schule."

In Wildeshausen ist der Eklat bereits da. Die Elternvertretung veröffentlichte Ende Januar eine Stellungnahme, in der sie den Protest als "unangemessen" und als "Instrumentalisierung" der Schüler abkanzelte. Im kommenden Oktober wollte der gesamte elfte Jahrgang zum Beispiel auf Abschlussfahrt nach Prag fahren, Sebastian und seine Freunde haben lange darauf hingefiebert, geplant und organisiert. Doch nun wird nichts daraus.

Boykott als "Notwehrmaßnahme"

Die Schüler hatten zunächst versucht, die Fahrt zu retten, indem Eltern die Lehrer als Aufsichtspersonen ersetzen sollten - doch die Schulleitung soll die Idee abgelehnt haben. Axel Meentzen, Vorsitzender des Personalrats, sagte SPIEGEL ONLINE, dass Eltern grundsätzlich für die Lehrer einspringen könnten, sich dann aber selbst versichern müssten.

Am kommenden Samstag will Sebastian mit seinen Mitschülern durch Wildeshausen ziehen, um gegen den Boykott der Lehrer zu protestieren. Protest gegen Sparmaßnahmen sei ja schön und gut, sagt Sebastian, aber die Arbeitszeiten der Gymnasiallehrer in Niedersachsen seien doch gar nicht so hoch. "Der Boykott ist nicht verhältnismäßig."

In der Tat sind die wöchentlichen Unterrichtsstunden der Gymnasiallehrer in Niedersachsen zurzeit so niedrig wie kaum in einem anderen Bundesland: Bayern, Baden-Württemberg oder Mecklenburg-Vorpommern verlangen beispielsweise bis zu 27 Stunden pro Woche.

"Das lässt sich nicht so einfach vergleichen", sagt Horst Audritz, Vorstand des Philologenverbands in Niedersachsen. In Thüringen müssten Lehrer zum Beispiel offiziell 26 Stunden in der Woche unterrichten, bekämen jedoch drei Stunden erlassen, wenn ein großer Teil der Stunden in der Oberstufe gegeben werde. Der Boykott sei eine "Notwehrmaßnahme", da Lehrer als Beamte nicht streiken dürften.

Die Fronten sind verhärtet, ein Ende des Boykotts bislang nicht in Sicht. Sebastian und seine Mitschüler haben die Hoffnung auf ihre Abschlussfahrt trotzdem noch nicht aufgegeben. Zusätzlich zu einem Protestmarsch Mitte Februar haben sie eine Online-Petition gegen den Klassenfahrt-Boykott gestartet.

Auf der Website seines Gymnasiums wird derweil noch immer von Klassenreisen als "unvergesslichem Erlebnis" geschwärmt. Die Fahrten seien "unendlich wertvoll auch für das Erleben und Erlernen eines verantwortungsvollen sozialen Miteinanders".

Dem Autor auf Twitter folgen:



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 327 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kdshp 13.02.2014
1.
Zitat von sysopDPANiedersachsens Gymnasiallehrer sollen eine Stunde länger arbeiten - und streichen aus Protest die Klassenfahrten. Nun regt sich Widerstand in der Schülerschaft, die sich die Ausflüge nicht nehmen lassen will. http://www.spiegel.de/schulspiegel/klassenfahrt-boykott-lehrer-niedersachsen-a-952579.html
Uverschämt auf dem rücken der kinder druck zu machen! Ich meine das gerade die was mehr verdienen wie eben auch lehrer mehr arbeiten müssen. Wir können uns das nicht mehr leisten das viele wenig arbeiten und andere viel. Gerade die die wenig verdienen wie leiharbeiter und zuverdiener arbeiten 40-60 stunden die woche.
f36md2 13.02.2014
2. Klassenfahrten
Zitat von sysopDPANiedersachsens Gymnasiallehrer sollen eine Stunde länger arbeiten - und streichen aus Protest die Klassenfahrten. Nun regt sich Widerstand in der Schülerschaft, die sich die Ausflüge nicht nehmen lassen will. http://www.spiegel.de/schulspiegel/klassenfahrt-boykott-lehrer-niedersachsen-a-952579.html
Lehrer haben es nicht immer einfach: Schüler, die durch Handy, Internet und RTL kurz vor der Verblödung stehen, Eltern, die glauben, dass ihr Sohn viel bessere Schulnoten erhalten müsste - aber liebe Lehrer, das ist alles harmlos gegen einen "richtigen" Job in der freien Wirtschaft. Einen Monat dort arbeiten - und ihr sehnt euch zurück nach einem Vierteljahr Ferien, nach Brückentagen und den regelmäßigen Krankenscheinen! In der Wirtschaft müsst ihr den Urlaub mit den Kollegen absprechen, wenn Termindruck oder wichtige Aufträge anstehen, dann wird es nix mit drei Wochen Kenia.
stephan.jannasch 13.02.2014
3. Umgehung des Streikrechts
mehr ist die Aktion nicht, da Lehrer im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen nicht streiken dürfen. Und jeder Streik tut weh, sonst wer er sinnlos. Übrigens beträgt die Wochenarbeitszeit mit Vor- und Nachbereitung, Konferenzen, Korrekturen, Fortbildung, Materialbeschaffung, schulinterner Verwaltung, ... ca 55Stunden pro Woche (ohne Ferienberücksichtigung) bzw. 46 Stunden pro Woche mit Berücksichtigung der längeren ferienzeiten.
matjesfischer 13.02.2014
4. Das ist nicht neu
Meine letzte Klassenreise erlebte ich in der 6. Klasse, es ging von Hamburg in den Harz (!). Danach weigerten sich die Lehrer in Niedersachsen wie in Hamburg, mit uns eine Klassenfahrt zu unternehmen. Und das ist schon ein paar Tage her: Mitte bis Ende der 70er. Ich persönlich habe es immer sehr bedauert, da eine Klassenreise den Zusammenhalt zwischen den Schülern zweifellos stärkt. Ein Lehrer sagte ganz klar, dass er nicht bereit sei, seine Freizeit für eine Klassenreise zu opfern. Thema aus.
mr_ray_five 13.02.2014
5.
Zitat von kdshpUverschämt auf dem rücken der kinder druck zu machen! Ich meine das gerade die was mehr verdienen wie eben auch lehrer mehr arbeiten müssen. Wir können uns das nicht mehr leisten das viele wenig arbeiten und andere viel. Gerade die die wenig verdienen wie leiharbeiter und zuverdiener arbeiten 40-60 stunden die woche.
Und mindestens genausoviel arbeiten die Lehrer auch, denn neben der Regelarbeitszeit fallen zusätzlich Präsenzen, Aufsichten, Sprechzeiten, Konferenzen und pädagogische Tage an, von der Vor- und Nachbereitung der einzelnen Unterrichtsstunden sowie der Korrektur der Arbeiten zu schweigen. Lehrer zählen sicherlich nicht zu den Minderleistern einer Gesellschaft, ihre Kritik ist somit fehl am Platz. Es ist das gute Recht auch eines Beamten, freiwillige Arbeit zu reduzieren wenn die Pflichtarbeitszeit erhöht wird. Wenn der Dienstherr Aktivitäten wie Klassenfahrten als notwendig erachtet, dann muss er sie mit einer entsprechenden Berücksichtigung der Gesamtarbeitszeit in das Pflichtdeputat der Lehrkräfte aufnehmen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.