AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2002

Klüger werden mit: Manfred Fuhrmann

Der 77-jährige emeritierte Latinist über Bildung


SPIEGEL:

Ihr Buch trägt den schlichten Titel "Bildung". Was ist Bildung im Zeitalter von Pisa für einen Altphilologen?

Fuhrmann: Vor allem eine Form des Bewahrens, der Stiftung von Identität, wie etwa die Religion. Bildung hat auch den Zweck, Tradition zu vermitteln. Die Menschheit kann ja nicht immer wieder bei null anfangen.

SPIEGEL: Demnach wird in Pisa-Tests nicht nach Bildung gefragt?

Pisa-Protest: "Triviale Texte für die Aufgaben"
DPA

Pisa-Protest: "Triviale Texte für die Aufgaben"

Fuhrmann: Richtig. Diese Tests sind auf Technik und Wissenschaft hin konzipiert. Das abgefragte Wissen soll vor allem dem wirtschaftlichen Fortkommen nützlich sein. Die Bereiche des Musischen und des Historischen fehlen. Und die für die Aufgaben verwendeten Texte sind sehr trivial. Die von Pisa abgefragten Fertigkeiten sind, wenn es hoch kommt, die Voraussetzung von Bildung.

SPIEGEL: Inwiefern unterscheiden Sie sich vom Bestsellerautor Dietrich Schwanitz?

Fuhrmann: Sein Buch "Bildung ­ Alles was man wissen muss" läuft auf einen Kulturfahrplan hinaus, auf Faktenwissen. Ich dagegen würde den für gebildet halten, der auch ein Gedicht vortragen, ein Gemälde beschreiben oder ein Musikstück spielen kann.

SPIEGEL: Was hat den deutschen Bildungskanon zerstört?

Fuhrmann: Vor allem das Verschwinden der bürgerlichen Schichten, der Bourgeoisie, die sich in den beiden Weltkriegen zerrieben hat. Bildung ist zu einer Sache des Einzelnen geworden ­ man kann auch sagen: zu einer Chance jedes Einzelnen.

SPIEGEL: Wie lässt sich Bildung wieder beleben?

Fuhrmann: Wir brauchen an den Schulen wieder grundlegende literarische Texte. Die Leichenrede des Perikles bei Thukydides etwa sollte Pflichtlektüre sein. Da lernt man was fürs Leben ­ über die Antike, über den Staat, über Freiheit, über Kultur.




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