Knirpse und Fremdsprachen "Dem Gehirn ist das Wurscht"

Immer früher sollen Kinder Sprachen lernen, am besten schon im Kindergarten. International ist schick, Eltern hoffen auf rasante Karrieren ihrer polyglotten Alleskönner. Passt so viel Sprachwissen in so kleine Köpfe? Hirn- und Lernforscher geben eine glasklare Antwort.

Von Jens Radü


30 Sprachen spricht der Schotte Derick Herning, 10 davon praktisch akzentfrei wie ein Muttersprachler. Das an kehligen Lauten reiche Serbo-Kroatisch hat er sich angeblich an einem Wochenende beigebracht. Solche Fähigkeiten blieben nicht lange unentdeckt: Sein Sprachtalent bescherte ihm einen Job beim britischen Geheimdienst und einen Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde. Hernick war erster Preisträger des "Polyglot of Europe"-Wettbewerbs. Auch als Deutschlehrer hat er gearbeitet - und unter anderem Wilhelm Buschs "Max und Moritz" ins Shetländische übersetzte.

Lehrer der dreisprachigen Grundschule in Magdeburg: Vielsprachige Zukunft
DDP

Lehrer der dreisprachigen Grundschule in Magdeburg: Vielsprachige Zukunft

Von solchen Karrieren träumen Eltern kaum, wenn sie ihre Kinder an einer internationalen Grundschule anmelden. Doch auf eine rosige berufliche Zukunft für polyglotte Alleskönner spekulieren sie oft schon: "Wir haben sehr ehrgeizige und engagierte Eltern", erklärt Stefan Albrecht, Direktor der Internationalen Grundschule "Pierre Trudeau" in Magdeburg. Die Zukunft spricht viele Sprachen.

Überall in Deutschland wurden in den vergangenen Monaten internationale Grundschulen hochgezogen. Immer mehr Direktoren brüsten sich mit dem Stempel "mehrsprachiger Unterricht" - von Hamburg bis Stuttgart, von Magdeburg bis Köln. Und Englisch oder Französisch ab der dritten Klasse sind inzwischen Standard an deutschen Grundschulen.

In Baden-Württemberg werden die Lehrer seit 2003 sogar ab der ersten Klasse mit "Good morning" begrüßt. Auch die ersten internationalen Kindergärten unterrichten Fremdsprachen; Hörspielkassetten wie "Englisch lernen mit Benjamin Blümchen" für Kinder von drei bis sechs Jahren unterstreichen den Trend. Doch bei allem Ehrgeiz machen sich viele Eltern auch Sorgen und befürchten babylonische Sprachverwirrung: Wird mein Kind überfordert? Entwickelt sich eine Generation überforderter Halbsprachler?

"This isch a cat"

"Die Sorge ist unbegründet", sagt Georges Lüdi von der Universität Basel. "Im Gegenteil, wenn man früh eine andere Sprache lernt, dann profitiert auch die Muttersprache davon." Zusammen mit Neuropsychologen hat der Linguist erforscht, was im Gehirn passiert, wenn Kinder beginnen, sich im Sprachdschungel zu orientieren. Die verblüffenden Ergebnisse: Geht es mit der Zweitsprache früh los, denkt das Kind darüber nach, warum es im Deutschen so viele Artikel gibt und im Englischen nur einen - und lernt daraus. Vor allem aber fällt es Kindern jedoch leichter, sich weitere Fremdsprachen anzueignen.

Unterricht in Magdeburg: "Sehr ehrgeizige und engagierte Eltern"
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Unterricht in Magdeburg: "Sehr ehrgeizige und engagierte Eltern"

Eine entscheidende Rolle spiele dabei das Alter, so Lüdi - je jünger, desto besser. Die entscheidende Grenze überschreiten die Kinder mit dem vierten Geburtstag. Zuvor entwickeln sich im Gehirn die neuronalen Netze, in denen die Sprachen verarbeitet werden. Dort werden auch Fremdsprachen, die später hinzukommen, umgesetzt. "Hat das Hirn erst einmal die Infrastruktur ausgebaut, wird sie für jede Sprache genutzt, egal ob Ungarisch oder Französisch", erklärt Lüdi. Machen Kindern erst später die ersten fremdsprachlichen Gehversuche, legt das Gehirn für jede neue Sprache auch neue Netzwerke an - und das ist beschwerlich.

Die Erkenntnisse der Hirnforscher entkräften Elternängste und Argumente der Kritiker, die vor allem einen Sprach-Mischmasch befürchten: Flickwerksätze mit englischen Vokabeln und deutscher Grammatik, die für das Lernen der Sprache eher kontraproduktiv wären. Zudem klagen viele Grundschullehrer über den mangelnden deutschen Wortschatz ihrer Schüler. Für viele Kinder sind gerade veraltete Ausdrücke wie "holde Maid" Fremdworte. Märchen stehen eben nicht mehr hoch im Kurs, genau wie das abendliche Vorlesen. Ist es also übertrieben, auch noch Fremdsprachen ab der ersten Klasse zu lehren?

Die Pädagogen in den Modellschulen überschlagen sich mit Erfolgsmeldungen. Als Baden-Württemberg vor vier Jahren erstmals Englisch oder Französisch in Grundschulen einführte, surrten Videokameras in den Ecken der Klassen. Sprachwissenschaftler der Tübinger Uni begleiteten das Versuchsprojekt, filmten und analysierten das Unterrichtsgeschehen. Zwar berichteten sie von schwäbelnden Schülern: "This isch a cat". Doch ihr Fazit ist eindeutig: Erstaunlich schnell hätten die Kinder sich an die neue Sprache gewöhnt, unmotivierte Klassen habe sie nicht erlebt, erklärte Erika Werlen vom Institut für Erziehungswissenschaft.

Nicht nur Striche zählen

Englisch oder Französisch in der Grundschule ist also mehr als bloßes Werbe-Geklingel für bemühte Internationalität. Trotzdem gibt es Streitpunkte unter Lehrern, Schulleitern und Wissenschaftlern: "Die Qualifikation der Lehrer muss stimmen", fordert Ulf Rödde von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). In Baden-Württemberg sei die mangelnde Vorbereitung der Lehrer auf die frühe Fremdsprache anfangs das Hauptproblem gewesen. Grundsätzlich hat Rödde keine Einwände, wenn das Potential und die Neugier der Kinder früh genutzt werden. "Problematisch ist nur: Wie wird der Fremdsprachen-Unterricht gehalten?", sagt er - nämlich eher spielerisch oder als neues Fach mit Noten und Leistungsdruck.

Fremdsprachen: Überall in Deutschland auf dem Vormarsch
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"Es hilft nicht, nur Striche zu zählen und zu gucken, wie viele Fehler der Schüler im Diktat hat", bestätigt auch Frank Königs vom Marburger Informationszentrum für Fremdsprachenforschung. "This isch a cat" sei ein Zeichen dafür, dass eine Schülerin die Grundregeln der Grammatik verstanden habe - nur bei der Aussprache hapert es eben noch. Der Unterricht müsse gerade in der ersten Klasse darüber hinausgehen und die Sprachkompetenz als Ganzes verstehen, sagt Königs.

In Magdeburg an der internationalen Grundschule "Pierre Trudeau" wird deshalb auch auf Französisch gebastelt. Und gemalt. Und geturnt. Sport, Gestaltung, einige Stunden Mathematik und Sachunterricht - das alles unterrichten französische Muttersprachler. "Ab der dritten Klasse kommt dann noch Englisch dazu. Streng genommen sind wir also sogar trilingual", erklärt Schulleiter Stefan Albrecht.

Schule als Lebensinhalt

Vor der Einschulung nimmt der Direktor jeden Schüler genau unter die Lupe. Und er warnt Schüler und Eltern vor den anstrengenden Jahren, die vor ihnen liegen. "Schule wird hier nicht als Job verstanden, sondern als Lebensinhalt", sagt Albrecht, und es liegt keine Ironie in seiner Stimme. Die wäre bei 120 Euro Schulgebühren pro Kind und Monat auch unangebracht. Denn die Mütter und Väter erwarten die bestmögliche Ausbildung ihrer Kinder - und die erscheint oft als der persönliche Lebensinhalt der Eltern.

Französisch oder Englisch? In Hamburg heißt es eher: Portugiesisch oder Türkisch? In einem Modellversuch an sieben Hamburger Schulen wird seit fünf Jahren wahlweise Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Türkisch ab der ersten Klasse unterrichtet. Die Klassen sind gemischt: Kinder mit italienischen Eltern sitzen neben deutschstämmigen Schülern, alle lernen zusammen - und profitieren voneinander. "Sprache lebt schließlich vor allem von der Gelegenheit, sie zu sprechen", sagt Ingrid Gogolin, die das Projekt an der Universität Hamburg seit fünf Jahren mit regelmäßigen Sprachtests wissenschaftlich begleitet.

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Was sie herausgefunden hat, klingt paradox - und räumt mit einem hartnäckigen Klischee von Migrantenkindern auf. "Es nützt den Kindern nichts, wenn sie in der Schule nur ins Deutsche abgetaucht werden", berichtet Gogolin. Nach ihren Beobachtungen verbessern sich Kinder vor allem dann, wenn auch ihre Muttersprache in der Schule gefördert wird. Kommt dann in der dritten Klasse auch Englisch hinzu, fällt es allen Kindern umso leichter, sich auch in der neuen Sprache zurechtzufinden. Im Vergleich zum Portugiesischen ist die englische Grammatik schließlich eher simpel.

Gerade deshalb steht das Englische derzeit auf dem Prüfstand. Experten diskutieren nun vor allem, ob der Sprachhunger der Grundschüler nicht auch bundesweit besser mit einer komplexeren Sprache gestillt werden sollte. "Vieles spricht dafür. Die leichte englische Grammatik kann problemlos auch noch später erlernt werden", meint Sprachforscher Frank Königs.

Die meisten Grundschulen setzen jedoch weiter auf Englisch, die Hauptverkehrssprache nicht nur in Europa. Doch ob "oui", "si" oder "yes" - zumindest hirnphysiologisch ist das ohne Belang. Denn neuronale Netze kennen keinen Unterschied zwischen den Sprachen, erklärt Linguist Georges Lüdi: "Dem Gehirn ist das Wurscht."



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