"Abi-Krieg" in Köln Außer Kontrolle

In Köln sind in der Nacht 200 Abiturienten aufeinander losgegangen, zwei Jugendliche wurden schwer am Kopf verletzt. Was hat es mit dem "Abi-Krieg" auf sich?

Von , Köln

SPIEGEL ONLINE

Der Himmel ist sternenklar, die Nacht ist kalt. Um kurz vor drei Uhr steht nur ein einsamer Polizeiwagen vor dem Kölner Humboldt-Gymnasium. Drumherum sieht es aus wie nach Karneval: jede Menge Mülltüten, leere Eierkartons, zerbrochene Bierflaschen, Böllerpampe. Doch was hier ein paar Stunden zuvor passiert ist, hat mit Karneval wenig zu tun.

Rund 200 Schüler versammelten sich gegen 22 Uhr vor der Schule, "um sie anzugreifen", wie sie selbst sagen. Nach Aussagen eines Schülers sollen sich elf verschiedene Abiturklassen zu der Aktion verabredet haben. Auf die 200 Angreifer warteten am Humboldt-Gymnasium etwa 60 Verteidiger, sie zogen sich aber schnell auf den Schulhof zurück - weil neben Wasser- und Mehlbomben auch Böller, Eier, Stöcke und vereinzelt Flaschen flogen. Sogar ein Katapult sei zum Einsatz gekommen, sagt eine Schülerin. Mindestens drei Jugendliche wurden verletzt, zwei davon schwer. Sie werden zurzeit mit Kopfverletzungen im Krankenhaus behandelt.

"Die Verletzungen der Opfer lassen darauf schließen, dass Böller und Glasflaschen geflogen sind", bestätigte der Kölner Polizeisprecher Dirk Weber SPIEGEL ONLINE. Die Polizei habe die Auseinandersetzung gegen 23 Uhr beendet und Strafanzeige gegen alle Beteiligten wegen Landfriedensbruch erstattet. Es seien auch Drogen und Stichwaffen sichergestellt worden, berichtet der "Express".

Die Beamten ermitteln nun in drei Fällen gegen Unbekannt wegen gefährlicher Körperverletzung. Um die Verantwortlichen auszumachen, soll Videomaterial ausgewertet werden.

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Die Aktion war Teil des "Abi-Kriegs", den sich Kölner Abiturienten seit ein paar Jahren in der letzten Woche vor den Osterfesten liefern: Sie versuchen, Schmähplakate an anderen Gymnasien aufzuhängen - und die eigene Schule so gut es geht zu schützen. Das wirkte schon in den vergangenen Jahren manchmal martialisch, beschränkte sich aber meist auf den Einsatz von Wasserpistolen und Wasser- und Mehlbomben.

Am Humboldt-Gymnasium sind Wände, Fenster, Laternenmasten und Straßenschilder vollgepflastert mit runden Aufklebern, auf denen ein Schwein zu sehen ist, "Schweinerei 2016" steht darüber. Auf einem Instagram-Account, der sich dem Leonardo-da-Vinci-Gymnasium zuordnet, werden vermummte Schüler vor Transparenten gezeigt, auf denen "Entjungferung" oder "entjungfert" steht. Die Fotos sind mit Schlagworten wie #wirfickendenerich, #keinerhatnechance und #ihrwerdetvernichtet versehen.

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Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hatte es im Vorfeld zwischen den Abiturienten der verschiedenen Schulen Absprachen zur Deeskalation gegeben: Nur Wasserpistolen und -bomben sollten eingesetzt werden.

Auch im Vorspann eines Youtube-Videos, das am Sonntag hochgeladen wurde und dem Erich-Kästner-Gymnasium zugeordnet wird, heißt es: "Wir distanzieren uns ausdrücklich von jeglicher Form von Gewalt, rassistischen- und extremistischen Gruppierungen! (...) Wir streben eine fair geführte Mottowoche an und verlangen von allen Abiturjahrgängen, deeskalierend zu wirken." Im Video sind dann zu sehen: vermummte Schüler, die über Geländer springen und Pyrotechnik zünden.

Eine an der Aktion beteiligte Schülergruppe zeigte sich nach den Ausschreitungen schockiert. "Wir sind fassungslos", heißt es in einer noch in der Nacht im Internet verbreiteten Erklärung der "Schweinerei 2016". "Wir beenden ausdrücklich die Teilnahme am Abi-Krieg und raten allen anderen Gymnasien, dies auch zu tun und sich von derartigen Gewaltausbrüchen zu distanzieren, da dies nichts mit Abiturienten zu tun hat."

Bereits in den vergangenen Tagen musste die Polizei ausrücken, um die Auseinandersetzungen zwischen Kölner Schülern zu beenden. In der Nacht zum Montag hatten Jugendliche Feuerwerkskörper gezündet und Schulen mit Eiern und Toilettenpapier beworfen. Es gab Anzeigen wegen teils gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz. Am Freitag waren Polizisten von Schülern mit Gegenständen beworfen, bedroht und beleidigt worden.

Mit Material von dpa



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