Kopfloses Internat Salem sucht den Über-Pädagogen

Jahrzehntelang war Bernhard Bueb Herbergsvater und Aushängeschild des Internats Schloss Salem - jetzt ist sein Name eher eine Last. Denn Gezänk um die richtige Leitung führte die Schule in heftige Turbulenzen. Die Ansprüche von Eltern und Lehrern sind hoch: Gesucht wird eine Lichtgestalt.

ddp

"Die Schule steckt in keiner Krise." Den Satz sagt Eva Marie Haberfellner immer wieder. Die amtierende Leiterin des bekanntesten deutschen Internats zeichnet das Bild einer Bildungsidylle am Bodensee: Alles laufe gut, es gebe genügend Anmeldungen, das Team leiste hervorragende Arbeit. Am vergangenen Wochenende feierte die Schule Salem obendrein ihr 90-jähriges Bestehen.

Aber hinter der Festkulisse trieb Schüler, Lehrer und Eltern vor allem eine Frage um, zu der Haberfellner nichts genaues sagen will: Wer soll ihr auf dem Sitz der Rektorin nachfolgen, wenn sie aufhört? Eigentlich wollte Haberfellner zum Ende des laufenden Schuljahres in Pension gehen, der Vertrag mit der Nachfolgerin Monika Zeyer-Müller war bereits unterschrieben. Doch Ende März hieß es plötzlich: Kommando zurück. Zeyer-Müllers Vertrag wurde aufgelöst. Haberfellner macht nun so lange weiter, bis klar ist, wer ihr nachfolgt - Interimslösung statt Ruhestand.

Das Eliteinternat Schloss Salem hat ein Führungsproblem. Und das in einer Zeit, in der nach einem langen Privatschul-Boom der Argwohn von Eltern gegen Internate wächst, wegen der vielen Enthüllungen über Missbrauchsfälle. Das Hickhack um Zeyer-Müller war nicht die erste Personalpanne in den letzten fünf Jahren. Damals, 2005, verließ Vorzeige-Rektor Bernhard Bueb, bekannt als gestrenger Bestsellerautor ("Lob der Disziplin"), die Schule nach mehr als 30 Jahren - und seitdem kommt die Schule kaum zur Ruhe.

Geschasste Leiterin sammelte "interessante Erfahrungen" in Salem

Buebs Nachfolgerin Ingrid Sund kam von der Deutschen Schule in Paris, startete mit Elan - und blieb nur ein Jahr. Die Chemie habe nicht gestimmt, so Salem-Pressesprecherin Susanne Lemke. Sund sagte SPIEGEL ONLINE lediglich, sie habe in Salem "viele interessante Erfahrungen" gemacht, wollte sich aber zu den Umständen, die zu ihrem plötzlichen Abschied führten, nicht äußern.

Im Januar 2007 übernahm Eva Marie Haberfellner die Leitung. Die Professorin lehrte bis dahin an der Wirtschaftsfakultät der Hochschule Reutlingen und war Mitglied im Vorstand des Salemer Internatvereins. Als "Glücksfall" bezeichnet sie Robert Schöttle, Präsident der Altsalemer, einem Verein der ehemaligen Schüler. Allerdings war Haberfellner bei ihrem Amtsantritt bereits 61 Jahre alt, bald stand die nächste Nachfolgersuche an.

Die schien zunächst glatt zu laufen: Monika Zeyer-Müller sollte die Schulleitung zum 1. September übernehmen. Ausgesucht hatte sie ein kleiner Kreis, nämlich der fünfköpfige Vorstand des Internatsvereins als Aufsichtsrat der Schule. Bei der Suche halfen Headhunter der Personalberatung Spencer Stuart. Laut "Stuttgarter Zeitung" betrugen die Kosten dafür 50.000 Euro; Spencer Stuart teilte mit, man habe "ohne Honorar mehrere Kandidaten vorgeschlagen".

Chronik des Scheiterns: Widerstand der Lehrer, Protest von Eltern

Am 5. März wurde Zeyer-Müller dem Leitungsgremium vorgestellt. Am Tag darauf nahmen die 57 Mitglieder des Internatsvereins die Entscheidung zur Kenntnis, so Michael Meister, Pressesprecher des Internats. Was dann kam, beschreibt Altsalemer-Präsident Schöttle auf der Homepage des Ehemaligenvereins als "wenig erfreulich".

Denn nicht alle Salemer waren von den Qualitäten der Schweinfurter Gymnasialrektorin Zeyer-Müller überzeugt. Annette Ohme-Reinicke, Mutter einer Salemer Abiturientin, verfasste einen offenen Brief, den 197 Schüler, Eltern und Ehemalige unterschrieben, darunter auch die beiden Töchter von Salem-Übervater Bernhard Bueb. Ohme-Reinicke sagte SPIEGEL ONLINE, sie habe das Schreiben spontan aufgesetzt und an ihr bekannte Eltern verschickt.

Zentrale Botschaft des zweiseitigen Briefes: Zeyer-Müller sei ungenügend qualifiziert und "politisch festgelegt"; ihre CSU-Mitgliedschaft gefährde die "parteipolitische Unabhängigkeit" der Schule. Obendrein ist sie den Unterzeichnern nicht weltgewandt genug für die jungen Schlossbewohner aus meist gutem Hause: Der Kandidatin fehle sowohl Erfahrung im Ausland als auch an einem Internat - beides gehöre aber "zu den unabdingbaren Voraussetzungen einer Gesamtleiterin der Schule Schloss Salem".

Dazu wollte sich Zeyer-Müller selbst gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht äußern. Der Elternbeirat distanziert sich inzwischen von dem Brief. Er sei weder mit der Form noch mit dem Inhalt einverstanden, schrieb Elternbeiratsvorsitzender Markus Kirchgeorg SPIEGEL ONLINE.

Energiefressende und teure Querelen

Der Trägerverein hielt zunächst zu Zeyer-Müller und erklärte die Vorwürfe für haltlos. "Der Vorstand ist einstimmig der Auffassung, dass Frau Zeyer-Müller alle Voraussetzungen mitbringt, um die Schloss Schule Salem erfolgreich zu leiten", heißt es in einer Mitteilung vom 12. März.

In einer Mitarbeiterversammlung vier Tage später trafen sich Vorstand und Zeyer-Müller mit dem Salemer Lehrerkollegium. "Dabei haben die Mitarbeiter ihre Fragen und Vorbehalte zum Ausdruck gebracht", so die Schule auf ihrer Internetseite. Anschließend habe das Kollegium die Bitte an den Vorstand formuliert, die Entscheidung für Zeyer-Müller zu überdenken, sagt Pressesprecher Meister. Am 22. März gab die Schule bekannt, dass Haberfellner vorerst Schulleiterin bleibt. Der Vertrag mit Zeyer-Müller solle aufgelöst werden, weil die "Voraussetzungen für ein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis und eine erfolgreiche Tätigkeit als Gesamtleiterin nicht gegeben" seien.

Das Gezerre um die Leitung kostet die Schule nicht nur viel Energie, sondern auch Geld. Schon der geschassten Leiterin Sund musste das Internat eine Abfindung für den frühzeitig aufgelösten Vertrag zahlen, laut "Stuttgarter Zeitung" eine sechsstellige Summe. Wie viel Zeyer-Müller für ihren geplatzten Vertrag bekommen soll, werde noch verhandelt, so Rektorin Haberfellner.

Weitere Konsequenz aus der missglückten Berufung: Der fünfköpfige Vorstand des Schulvereins trat Mitte April geschlossen zurück. Im Juni soll neu gewählt werden. Wie lange es dann dauert, bis es einen neuen Schulleiter gibt, will niemand mehr voraussagen. "Das hat keine Eile", so Übergangsrektorin Haberfellner.

Salems Problem: Wie findet man eine Lichtgestalt?

Warum bloß ist die Suche so schwierig? "Niemand ist unersetzlich", sagt Haberfellner. Aber es sei auch nicht einfach, eine Führungspersönlichkeit für Salem zu finden. Es brauche jemanden, der grundsätzliche Strategien vorgebe und gleichzeitig die Schule eine - mit "vielen Fähigkeiten, die man sonst als Schulleiter vielleicht nicht alle benötigt".

Markus Kirchgeorg vom Elternbeirat sieht genau darin das Problem: "Es wird eine Lichtgestalt gesucht, die es so kaum geben wird." Sein Vorschlag: ein "Führungsteam", in dem eventuell fehlende Kompetenzen ergänzt werden können - denn den weltgewandten jungen Alleskönner, den sich die anspruchsvollen Eltern wünschen, zu finden, daran glaubt in Salem keiner mehr wirklich.

Helfen könnte dem elitären Haus vielleicht ein Blick in die Vergangenheit: Mitte der Siebziger übernahm Bernhard Bueb den Posten - damals 36 Jahre jung. Zuvor war er Uni-Assistent in Göttingen und Bielefeld und zwei Jahre lang einfacher Lehrer an der reformpädagogischen Odenwaldschule, die heute für so viele Schlagzeilen sorgt.

Seinen Ruf als Instanz und Zuchtmeister in Sachen Bildung, als Vorkämpfer für Strenge und Disziplin hat sich Bueb erst im Laufe der Zeit erworben - auch und gerade durch seine Arbeit in Salem.

insgesamt 2 Beiträge
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TommIT, 06.05.2010
1. Die suchen keine Lichtgestalt
die suchen Ersatzväter und Ersatzmütter. Hobbykinderbekommer, statistisch vernachlässigbar.
Zylex 07.05.2010
2. .
Ne, die suchen nen neuen Gestapo-Chef. Die meisten jungen Leute werden einfach zu nett und realitätsnah sein, um in Salem die veralteten möchtegern englischen Pädagogikprinzipien "durchzuprügeln". Evtl sollten sie einen Pädagogen mit islamischem Hintergrund suchen, dort weiß man wenigstens noch wie man die Leute am besten unterdrückt und von kleinauf gefügig machen kann.
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