Muslime zum Kopftuchverbot "Meine Tochter soll selbst entscheiden"

Sollten Kopftücher für Mädchen unter 14 Jahren verboten werden? Hier erzählen muslimische Frauen, Eltern, Kinder und Lehrer, was sie von solch einer Regelung halten.

Asma Aiad;Chelebi.net;Lisa Wazulin;Katharina Stein;Akif Sahin;Getty Images

Von und


Wie kann man muslimische Mädchen am besten fördern? Ein Vorschlag führte in den vergangenen Tagen zu kontroversen Debatten: Österreichs rechtskonservative Regierung will Mädchen untersagen, mit Kopftuch in Kindergärten und Grundschulen zu kommen.

Nordrhein-Westfalens Regierung griff den Vorstoß auf und kündigte an, ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren zu prüfen. Die Argumentation: Kinder in diesem Alter seien religiös unmündig, und das Kopftuch zwinge sie in vorgefertigte Geschlechterrollen und hindere sie daran, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Das Thema ist umstritten, auch unter Muslimen. Viele wehren sich gegen ein staatliches Verbot, das sie als entmündigend und pauschalisierend empfinden. Andere, etwa Ali Ertan Toprak von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, fordern, Kinder besser vor dem "religiösen Totalitarismus der Eltern" zu schützen.

SPIEGEL ONLINE hat muslimische Lehrer, Kinder, Bloggerinnen und Eltern gefragt, was sie von einem Verbot halten. Lesen Sie die Antworten hier:


Aziz Chabani, Grundschullehrer, Essen: "Wichtig ist, was sie im Kopf haben, nicht darauf"

SPIEGEL ONLINE

"Kopftücher sind für muslimische Mädchen oft mit einem Gefühl verbunden, und Gefühle kann man nicht verbieten. Sie tragen es zum Beispiel aus Tradition am Ramadan, oder weil ihre Mutter eins trägt. Wenn man das untersagt, signalisiert man ihnen, dass ihre Mutter schlecht ist. Das ist verletzend.

Wir sollte lieber alles dransetzen, die Kinder zu stärken und zu fördern. Dafür ist es erst mal nicht wichtig, was sie auf dem Kopf haben, sondern was sie im Kopf haben. Solange sich ein Kind mit Kopftuch wohlfühlt, gibt es kein Problem. Wenn es das nicht tut, muss man mit seiner Familie reden.

Wir suchen an unserer Schule den Dialog mit den Eltern und bauen Vertrauen zu ihnen auf. Ein Kopftuchverbot könnte dazu führen, dass sie dieses Vertrauen wieder verlieren, weil etwas über sie und ihre Kinder entschieden wurde, ohne sie einzubeziehen."


Merve Kayikci, 23, Medienstudentin und Journalistin, Schwaben: "Mädchen, die das Kopftuch freiwillig tragen, werden grundlos bestraft"

Katharina Stein

"Ich habe in der fünften Klasse angefangen, ein Kopftuch zu tragen, und ich war damals genauso religiös mündig oder unmündig wie meine christlichen Freunde, die zur Kommunion gingen.

Meine Mutter fand, dass ich mit zehn Jahren noch zu jung für ein Kopftuch war. Doch ich dachte damals, dass mich meine Lehrer und Mitschüler an der neuen Schule mit Kopftuch leichter akzeptieren, wenn sie mich gleich so kennenlernen.

Viele Musliminnen passen sich in dieser Hinsicht ans deutsche Schulsystem an und tragen das Kopftuch erstmals mit dem Wechsel auf die Sekundarschule.

Wer Mädchen in diesem Alter helfen will, darf ihnen das Kopftuch nicht verbieten. Denn die, die es freiwillig tragen, bestraft man damit grundlos. Und die, die gezwungen werden, müssen es dann außerhalb der Schule trotzdem tragen. Das ist für diese Mädchen ein anstrengender Spagat zwischen den Kulturen."


Akif Sahin, 36, PR-Referent, Hamburg: "Meine Tochter soll selbst entscheiden"

Akif Sahin

"Ich halte die Diskussionen um das Kopftuchverbot bei Mädchen für grundsätzlich falsch. Meine vierjährige Tochter trägt eines, aber nur in der Moschee oder in ihrem Zimmer. Nicht, weil wir das so wollen. Im Gegenteil - meine Frau hatte das zunächst verboten. Doch meine Tochter findet das Kopftuch bei ihrer Mutter so schön, sie will ihr nacheifern.

Natürlich ist sie noch viel zu klein, um zu verstehen, was ein Kopftuch bedeutet. Ich möchte deshalb nicht, dass sie es in der Öffentlichkeit oder der Kita trägt. Ich möchte nicht, dass sie deshalb diskriminiert wird.

Keine islamische Quelle verlangt, dass Kinder vor der Pubertät ein Kopftuch tragen sollen. Werden Mädchen trotzdem dazu gezwungen, liegt das meiner Meinung nach an einem falsch verstandenen Islam. Und da helfen keine Verbote, sondern Aufklärung."


Cigdem Toprak, 31, Journalistin und Bloggerin, Frankfurt: "Ein Verbot ist ein notwendiger Eingriff"

Chelebi.net

"Ich gehöre der Religionsgemeinschaft der Aleviten an, wir tragen keine Kopftücher, zumindest nicht aus religiösen Gründen. Deshalb war das für mich auch nie ein Thema. Ich sehe das Kopftuch sehr kritisch, aber natürlich respektiere ich, wenn sich Frauen dafür entscheiden.

Doch junge Mädchen können das noch nicht, sie sind den Vorstellungen ihrer Eltern und ihrer Community ausgeliefert. Sie mögen es schön finden, ihren Müttern nachzueifern. Doch sie können nicht abschätzen, was es bedeutet, schon früh ein Kopftuch zu tragen.

Ein Kopftuch ist eine Lebensentscheidung. Die Mädchen bekommen damit antrainiert, wie sie sich als muslimische Frauen zu verhalten haben. Und wenn sie das Kopftuch später wieder ablegen wollen, ist das mit Scham verbunden.

Ein Verbot ist zwar ein schwerwiegender Eingriff, aber ein notwendiger, um muslimischen Mädchen die Möglichkeit zu geben, zu individuellen Wesen heranzuwachsen und ihren eigenen Lebensweg zu gehen - auch wenn der anders sein mag als der ihrer Mütter."


Fatima, 9, mit Mutter Kamila, 30, Hamburg: "Komisch angeschaut hat mich noch niemand"

Fatima: "Ich trage ein Kopftuch, weil ich es schön finde und weil ich an Allah glaube. Ich trage es immer, auf der Straße in der Schule oder auf dem Spielplatz, auch zu Hause lege ich es nicht immer ab. Ich liebe mein Kopftuch. In meiner Klasse bin ich die Einzige, die eines trägt. Das finde ich nicht schlimm, komisch angeschaut hat mich deshalb noch niemand. Wenn mir jemand sagen würde, ich muss das Kopftuch abnehmen, würde ich sagen: Nein!"

Mutter Kamila: "Ich frage Fatima immer, ob sie das Kopftuch tragen möchte. Und sie sagt immer Ja. Sie mag es eben. Ich freue mich natürlich schon, dass sie unsere Religion teilt. Ich will nur das Beste für sie. Wenn sie kein Kopftuch tragen möchte, wäre das kein Problem. Wenn das Kopftuch tatsächlich verboten werden sollte, dann würde sie eben keines tragen. Für mich würde das nicht viel ändern, aber ich glaube, Fatima wäre traurig."


Vanessa, 23, Hamburg: "Ein Verbot bedeutet Diskriminierung"

"Wenn meine Tochter von sich aus ein Kopftuch tragen möchte, dann soll sie es tun dürfen, auch wenn sie noch nicht 14 Jahre alt ist. Ich kenne beispielsweise zehnjährige Mädchen, die ein Kopftuch tragen möchten, weil sie es bei ihrer Mutter sehen. Dann tragen sie es eben mal einen Tag oder ein paar Stunden und nehmen es wieder ab. Was ist falsch daran?

Und: Nicht nur Muslime treffen religiöse Entscheidungen für ihre Kinder. Christen werden auch im jungen Alter getauft und jüdische Jungen beschnitten - ohne dass sie entscheiden können, ob sie das wirklich wollen. Müssten wir das dann nicht auch verbieten? Die Religionsfreiheit hat in Deutschland zu Recht einen hohen Stellenwert. Ein Kopftuchverbot bedeutet dagegen Diskriminierung."


Menerva Hammad, 28, Journalistin, Wien: "Mir wäre ein Verbot egal"

Asma Aiad

"Ein Kopftuchverbot für junge Mädchen würde mich und die allermeisten Muslime im Alltag überhaupt nicht treffen. Insofern ist es mir egal. Niemand weiß, wie viele Mädchen in Österreich im Kindergarten oder der Grundschule ein Kopftuch tragen - es dürften aber sehr wenige sein.

Man würde also etwas verbieten, dass es de facto gar nicht gibt. Das ist auch mit dem Burkaverbot in Österreich schon so. Ich finde das bekloppt. Wenn wir unbedingt etwas verbieten wollen, dann doch lieber Diskriminierung, Fremdenhass und Homophobie.

Mich stört auch die Absicht, die hinter dem Kopftuchverbot für Kinder steckt. Denn sie suggeriert, dass muslimische Kinder vor ihren Eltern geschützt werden müssten. Das ist totaler Quatsch. Ich würde meine Tochter niemals zwingen, ein Kopftuch zu tragen. Sie soll das selbst entscheiden.

Ich trage eines, seit ich 19 Jahre alt bin, meine Mutter trug zu dem Zeitpunkt keines. Das Kopftuch spielt in meiner Familie keine große Rolle. Es macht niemanden zu einer besseren oder schlechteren Muslima. In der Kopftuchdebatte geht es für mich nicht vordergründig um Religion. Egal, was Frauen mit ihrem Körper tun, es gibt immer jemanden, der sich darüber aufregt."



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