Kinderbetreuung Kostenlose Kitas - wer wirklich profitiert

Künftig sollen Eltern möglichst wenig für die Betreuung ihrer Kinder zahlen. Das kommt vor allem Besserverdienern zugute. Kommunen warnen vor steigenden Kosten, und manche überlegen sogar, Kitaplätze zu streichen.

Kita in Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern)
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Kita in Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern)


Der Kurs der Bundesregierung ist klar: Eltern sollen bei den Kitakosten deutlich entlastet werden bis hin zur Gebührenfreiheit - so steht es im Koalitionsvertrag. Das soll für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen und Familien finanziell entlasten, versprechen Politiker.

Studien zeigen: Noch immer entscheidet in Deutschland das Elternhaus, wie erfolgreich ein Kind in der Schule ist. So können Viertklässler deutlich besser lesen und mit Texten umgehen, deren Eltern Berufe mit einer höheren Qualifikation ausüben.

Frühkindliche Bildung ist deshalb umso wichtiger, denn in der ersten Klasse ist es oft schon zu spät. Während einige Kinder bereits ihren Namen schreiben und kleine Rechenaufgaben lösen können, hängen andere Kinder hinterher. Doch führt die Gebührenfreiheit dazu, dass Kinder aus bildungsfernen Familien in die Kita gehen? Und wer profitiert wirklich, wenn die Kita nichts mehr kostet?

Hier lohnt sich ein Blick nach Hamburg. In der Hansestadt können Eltern seit August 2014 ihr Kind fünf Stunden pro Tag kostenlos betreuen lassen. Tatsächlich besuchen seitdem mehr Kinder eine Krippe, eine Kita oder eine Tagesmutter. Laut den aktuellsten Zahlen wurden im Jahr 2016 etwa 83 Prozent der Vorschulkinder betreut. 2013 waren es erst 73 Prozent. Allerdings hatte der Anteil der betreuten Kinder auch in den Vorjahren stetig zugenommen.

Die zuständige Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (Basfi) ist sich dennoch sicher: Vor allem einkommensschwache Familien profitieren demnach von beitragsfreien Kitas. Studien hätten gezeigt, dass Kitagebühren Eltern mit wenig Einkommen abschrecken würden, teilte die Behörde dem SPIEGEL mit. Außerdem habe die Betreuungsquote in den sozial benachteiligten Stadtteilen wie Steilshoop, Billstedt oder Wilhelmsburg stärker zugenommen als im Rest der Stadt, gerade bei Krippenkindern.

In Problemstadtteilen besuchten 2016 demnach mehr als 38 Prozent der unter Dreijährigen eine Krippe; 7,4 Prozentpunkte mehr als noch vier Jahre zuvor. In den übrigen Stadtteilen ist der Anteil im selben Zeitraum dagegen nur um 6,8 Prozentpunkte gestiegen.

Ob der Anstieg jedoch darauf zurückzuführen ist, dass mehr einkommensschwache Familien ihre Kinder in die Kita schicken, ist unklar. Denn in allen Stadtteilen - ob sozial benachteiligt oder nicht - leben sowohl einkommensstarke als auch einkommensschwache Familien. Daten über die Einkommenssituation der Familien gibt es laut Behörde nicht.

"Gebührenfreie Kitas sind sozial ungerecht"

"Es ist ein Irrglaube, dass viele Kinder deshalb nicht in die Kita gehen, weil den Eltern die Gebühren zu hoch sind", sagt dagegen die Bildungsexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Katharina Spieß. Bereits jetzt besuchen laut einer DIW-Studie 98 Prozent der Fünfjährigen in Deutschland eine Kita, bei den Dreijährigen seien es 91 Prozent. Sprünge erwartet Spieß deshalb nicht. Gebührenfreie Kitas sind aus ihrer Sicht sogar sozial ungerecht, weil vor allem Besserverdienende finanziell entlastet werden.

Das ist auch in Hamburg so. Denn einkommensschwache Familien zahlten auch vor der kostenlosen Grundbetreuung weniger für die Kita. Durch die Fünf-Stunden-Betreuung sparen Besserverdiener nun bis zu 192 Euro pro Monat und Kind, Geringverdiener dagegen nur 27 Euro. Dieser Effekt wird in anderen Bundesländern noch verstärkt: In Berlin soll die Kita beispielsweise unabhängig vom Einkommen komplett kostenfrei werden, nicht nur fünf Stunden am Tag wie in Hamburg.

Das Problem beim Streit um die Kosten ist ein generelles. "Es gibt keine deutschlandweiten Untersuchungen, die zeigen, wie teuer ein Kitaplatz wirklich ist", sagt Spieß. Elternbeiträge in unterschiedlicher Höhe, Anteile von Kommunen und Land - alles sei ein Flickenteppich.

Niedersachsen kämpft mit der Umsetzung

Trotzdem wollen immer mehr Bundesländer die Kitagebühren abschaffen. Niedersachsen und Hessen peilen das noch für dieses Jahr an. Andere Bundesländer wie Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern wollen nachziehen. Doch die Länder kämpfen mit der Umsetzung, das zeigt sich gerade in Niedersachsen.

Dennoch ist unklar, wie der Wegfall der Elternbeiträge finanziert werden soll. Das Land und die Kommunen streiten seit Monaten darüber. Acht Stunden Betreuung am Tag für Kinder ab drei Jahren sollen künftig kostenlos sein.

109 Millionen Euro hat Niedersachsen dafür allein für 2018 eingeplant, im 2019 sollen es 270 Millionen sein. Zu wenig, meinen die Kommunen. "Ein Fünftel unserer Kommunen hätten dadurch keinen vollständigen Finanzausgleich", sagt Marco Trips, Präsident des Niedersächsischen Gemeindebunds.

Ein Viertel der Steuereinnahmen nur für Kitakosten

Wie viel einige Gemeinden zu Kitakosten beisteuern müssten, zeigt ein Blick nach Jesteburg. In der Kommune nahe Hamburg leben etwa 8000 Menschen. Allein für den Kitabereich rechnet Jesteburg in diesem Jahr mit einem Defizit von 1,5 Millionen Euro. Das sind knapp ein Viertel der gesamten Steuereinnahmen, wie die Vorsitzende des Finanzausschusses, Cornelia Ziegert, dem SPIEGEL mitteilte. Deshalb arbeite die Gemeinde gerade an "Einsparmaßnahmen in allen Teilhaushalten".

So könnten beispielsweise die Gebühren für Krippenplätze erhöht werden. Denn für die müssen Eltern weiterhin zahlen. Noch handele es sich um eine reine Absichtserklärung. Ein konkreter Beschluss soll erst gefasst werden, wenn genaue Zahlen vorliegen, heißt es aus der Gemeinde.

Gemeinde überlegt, Kitaplätze zu streichen

Eltern, die wegen Kostenlos-Kitas künftig mehr für Krippen berappen müssen? Klingt widersprüchlich, doch es geht noch absurder. Wegen der wegfallenden Elternbeiträge könnten einige Kitaplätze sogar ganz gestrichen zu werden. Das könnte vor allem den Jesteburger Waldkindergarten treffen, der auch bei Eltern aus umliegenden Gemeinden beliebt ist. Und genau da liegt das Problem.

Denn die Gemeinde muss auch für alle Kinder draufzahlen, die nicht aus Jesteburg kommen, und zwar etwa 525 Euro pro Monat und Kind, heißt es in einem Schreiben der Gemeinde, das dem SPIEGEL vorliegt. Deshalb wird diskutiert, eine Gruppe des Kindergartens zu schließen, womöglich bereits im August. Die Kinder aus den umliegenden Gemeinden würden dann ihren Platz verlieren.

Kitakinder in Jesteburg
Laura Gador

Kitakinder in Jesteburg

"Man kann doch nicht erst ein Kind aufnehmen und es dann wieder rausschmeißen", sagt Laura Gador. Ihre vierjährige Tochter ist eines der betroffenen Kinder. Der 35-Jährigen graut davor, nach einem neuen Kitaplatz suchen zu müssen. Ihre Tochter fühle sich in Jesteburg sehr wohl. Einen geeigneten Kitaplatz in ihrem Wohnort Buchholz habe die Familie nicht gefunden.

Sollte die Kitagruppe tatsächlich bereits im August aufgelöst werden, wäre das für die Gadors sehr hart. "Die Anmeldefristen sind längst vorbei und die Wartezeiten lang. Ich kann doch nicht mit meiner Tochter ein Jahr lang zu Hause bleiben, bis ich einen Kitaplatz gefunden habe", sagt Gador.

"Totale Fehlplanung"

Ob die Kinder aus den umliegenden Gemeinden bleiben dürfen, soll nun der Jesteburger Gemeinderat am 11. April entscheiden. "Wir hätten auch gern unsere zweite Tochter in Jesteburg angemeldet", sagt Gador. "Wir haben jedoch lieber darauf verzichtet, um ihr den Rausschmiss zu ersparen."

Die fünfköpfige Familie habe sich zunächst über die Gebührenfreiheit gefreut, schließlich würde sie so etwa 400 Euro im Monat sparen. "Doch so wie es im Moment läuft", kritisiert die dreifache Mutter, "sind gebührenfreie Kitas eine totale Fehlplanung."

Im Video: Cooles Konzept oder Kinderabschiebung? - Die 24-Stunden-Kita

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Mit Material von dpa



insgesamt 114 Beiträge
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Mephisto Müller 09.04.2018
1. Schnappatmung
" Gebührenfreie Kitas sind aus ihrer Sicht sogar sozial ungerecht, weil vor allem Besserverdienende finanziell entlastet werden." - Das ist natürlich zu viel des guten für den Linken ! Da bekommt man ja sofort Schnappatmung wenn die Säule dieses Landes, die sämtliche Eskapaden der Politik finanziert, entlastet wird ! (und obendrein mit hoher Wahrscheinlichkeit Nachwuchs in die Welt setzt der sich später mal selbst finanzieren kann... ) Jetzt gehts vollends Bergab mit diesem Lande ..
mapcollect 09.04.2018
2. Kinderbetreuung sollte kostenlos sein
Stattdessen sollte man über die Streichung des Kindergeldes nachdenken. Insbesondere für Kinder aus bildungsfernen Schichten, in denen zu Hause häufig kein deutsch gesprochen wird, wäre es extrem wichtig eine ordentliche frühkindliche Erziehung und Bildung zu bekommen. Oft bleiben aber gerade diese Kinder zu Hause, um das Geld zu sparen. Andererseits ist Kindergeld in dieser Schicht häufig ein falscher Anreiz um Kinder zu bekommen. Besserverdiener hingegen benötigen nicht wirklich Kindergeld.
muunoy 09.04.2018
3. Der planwirtschaftliche Staat wird scheitern
Tja, aus dem Schwachsinn wie Baukindergeld oder die Berechnung der Kita-Gebühren folgt doch lediglich nur, dass der Staat, der den Bürger als unmündiges Wesen ansieht, dessen sämtliche Lebensbereiche gesteuert werden müssen, folgt doch nur diese Art von Planwirtschaft, die schlussendlich scheitern wird. Die Kita-Gebühren werden vollkommen unterschiedlich ermittelt. In der Kommune, in der ich vorher lebte, zahlen einkommensschwache Familien mit einem Jahresbruttogehalt bis 30 TEUR gar keine Kita-Gebühren. Für Gutverdiener sind sie dagegen so hoch, dass sut-situierte Familien ihre Kinder besser nicht in die Kita geben, da man mit dem Geld locke ein Au-pair Mädchen oder gar eine professionelle Erzieherin bezahlen kann. Insofern könnte es tatsächlich so sein, dass mehr Kinder in die Kita bei Gebührenfreiheit kommen. Allerdings dann aus den einkommensstarken Familien. Vermögen spielt in keiner mir bekannten Kommune eine Rolle bei der Bestimmung der Gebühren. Das ist in Deutschland aber normal, da nur Einkommen durch Arbeitsleistung bestraft wird. In der Kommune, in der ich jetzt lebe, ist erstens die Progression bei den Gebühren nicht so hoch. Und zweitens legt man auf das Einkommen von Beamten noch mal 20% drauf, um die Gebührenermittlung zumindest ein wenig gerechter zu gestalten. Das Brutto-Einkommen ist nämlich eigentlich dafür vollkommen ungeeignet. Wenn man wirklich Familien fördern wollte, so ginge dies viel unbürokratischer und gerechter. Man streicht einfach den wilden Wust an Familienfördermaßnahmen und reduziert im Gegenzug die Steuern auf Arbeitseinkommen. Aber bei der eher sozialistischen und planwirtschaftlichen Denke der Politiker der etablierten Parteien wird es wohl kaum dazu kommen.
misterknowitall2 09.04.2018
4. Hä?
Kann mir bitte jemand erklären, warum es sozial ungerecht ist, wenn ein besserverdiener mal nicht zur Kasse gebeten wird und natürlich mehr spart als der Geringverdiener der eh schon weniger gezahlt hat? Und es ist Aufgabe des Staates diese kita-Plätze zur Verfügung zu stellen. Also nicht jammern, kita Plätze schaffen.
toranaga747 09.04.2018
5. Vom gravierenden Fachkräftemangel kein Wort.
Unfassbar dämlich diese Politiker.
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