Kräutermischung aus England Jugend berauscht sich an rätselhafter Biodroge

Eine frei verkäufliche, preisgünstige Modedroge ist seit einigen Monaten auf dem Markt: "Spice" ist eine Kräutermischung, deren Zusammensetzung sogar Experten nicht kennen. Auch über den möglichen Suchtfaktor weiß man nichts. Ist alles nur ein PR-Gag?

Von Bernd Dicks


Thomas Morczynek verkauft in seinem kleinen Laden in der Düsseldorfer Altstadt normalerweise hauptsächlich Wasserpfeifen, Tabak und Zubehör für Kiffer. Seit ein paar Monaten wird aber immer häufiger nach "Spice" gefragt, einer Kräutermischung aus England, die vor allem unter minderjährigen Konsumenten in Mode gekommen ist.

Denn an die getrockneten Pflanzen kommen auch Teenager leicht heran: Offiziell ist die Substanz ohne Altersbeschränkung völlig legal erhältlich, weil sie nicht als Tabakware, sondern als Gewürz- und Räuchermischung deklariert wird. Es handelt sich jedoch nicht um harmloses tabakähnliches Kraut. Wird die Mischung geraucht, soll sie berauschend wie Cannabis wirken. Davon wird jedoch auf jeder Packung dringlich abgeraten. "Pro Tag wollen 70 bis 80 Leute das Zeug kaufen", sagt der Ladenbesitzer.

Die Kräutermixtur, abgepackt in kleinen, bunten Tütchen, ist seit Wochen in vielen Headshops ausverkauft, denn sie ist problemlos mit dem Taschengeld finanzierbar. Trotz seines Ausverkaufs hat Morczynek die drei großen, grünen Werbeplakate für den "entspannenden Kräutermix" nicht aus seinem Schaufenster genommen. "Ich verkaufe jetzt ein ähnliches Produkt, das die gleiche Wirkung hat."

Woraus die als psychoaktive Gewürzmischung umworbene Substanz wirklich besteht, weiß keiner so genau. Dass sich darin chemische Zusätze verbergen, kann nicht ausgeschlossen werden. Der 19-jährige Kiffer Lukas*, der sich gerade für 30 Euro drei Gramm gekauft hat, schaut etwas verdutzt auf die Inhaltsangabe: "Die meisten Sachen kenne ich gar nicht. Klingt aber nach harmlosen Kräutern." Die Inhaltsstoffe, die auf der Packung deklariert sind, sind in Deutschland legal: Meeresbohne, Blaue Lotusblume, Indischer Lotos und Helmkraut. Exotischer klingen Namen wie "Indian Warrior", "Wild Dagga" und "Maconha Brava".

Toxikologe Thomas Daldrup von der Uniklinik Düsseldorf, der die Kräutermischungen derzeit untersucht, vermutet, dass es sich bei einigen Zutaten um Phantasienamen handelt: "Ich habe keine Ahnung, was das ist. Diese Kräuter tauchen in den mir zugänglichen Kräuterbüchern nicht auf."

Drogentests schlagen nicht an

Überrascht war der Toxikologe nicht nur von den Namen der angeblichen Zutaten, sondern auch von dem Ergebnis seiner vorläufigen Untersuchung: "Ich habe keine der gängigen Alkaloide gefunden, die man sonst in berauschenden Mitteln nachweisen kann. Lediglich eine sehr hohe Dosis Vitamin E ist mir aufgefallen." Doch dass Vitamin E die Konsumenten in einen Rauschzustand versetzt, hält der Wissenschaftler für abwegig.

Schüler Lukas wagt in Düsseldorf unterdessen den Test. Ein paar Meter neben dem Shop baut er sich auf einer Holzbank am Rhein einen Joint und steckt sie sich an. "Es schmeckt zunächst ziemlich unauffällig, kaum anders als eine Zigarette", sagt der 19-Jährige nach den ersten Zügen. Nachdem er aber aufgeraucht hat, zeigen die Kräuter anscheinend ihre Wirkung: "Ich habe schon einen erhöhten Pulsschlag, wie beim Kiffen, und irgendwie bin ich ein bisschen breit." Lukas lallt ein wenig. "Und man bekommt irgendwie Probleme beim Sprechen." Lukas schwankt mit dem Kopf hin und her.

Die Ratlosigkeit über den Inhalt der Kräutermischung bereitet nicht nur dem Toxikologen Kopfzerbrechen, sondern auch der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Sabine Bätzing. Bätzings Behörde möchte das Phänomen ungern kommentieren: "Wir wollen der Droge keine mediale Plattform bieten." In punkto gesundheitlicher Gefahren oder möglichem Suchtpotential tappen die Suchtexperten ebenfalls im Dunkeln. Eine offizielle Risikoanalyse sei aber inzwischen beauftragt, sagte eine Sprecherin gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Doch nur ein Placebo?

Für die Polizei ist eine Droge, deren Inhalt man nicht kennt, höchst problematisch. "Solange Spice und andere angeblich berauschende Kräutermischungen nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, sind wir machtlos", sagt Michaela Heyer vom nordrhein-westfälischen Landeskriminalamt (LKA). "Es gab bisher noch keine Fälle, bei denen Spice-Konsumenten auffällig geworden sind", sagt Heyer. Ein Drogentest kann allerdings erst denn entwickelt werden, wenn die Zusammensetzung von Spice genau bekannt ist.

Toxikologe Daldrup tendiert dazu, die Kräutermischung als PR-Gag einzustufen, mit der Jugendlichen das Geld aus der Tasche gezogen werden soll. Die angeblich berauschende Wirkung könnte auch ganz andere Gründe haben: "Es werden in jedem Fall durch das Verbrennen toxische Gase inhaliert, die Kreislaufstörungen hervorrufen können. Das kann dann leicht als Rausch interpretiert werden." Einen ähnlichen Effekt würde man erhalten, wenn man zu stark an einer Shisha (Wasserpfeife mit Fruchttabak) zieht. Obwohl keine Drogen im Tabak enthalten sind, erführe der Konsument einen kurzen Rauschzustand. "Gesundheitsschädlich ist es allemal", ergänzt der Toxikologe.

15 Minuten nach seinem Joint findet Lukas auf der Holzbank seine Wort wieder: "Die Wirkung lässt schon wieder nach." Lukas ist enttäuscht von seinem Kräuterrausch: "Ich werde es mir wohl nicht noch mal kaufen. Schließlich konnte mir nicht mal der Verkäufer sagen, was da wirklich drin ist."

* Name geändert



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