Kreationismus in Deutschland Vor uns die Sintflut

Die bibelfrommen Lehren der Kreationisten, die in den USA für einen Kulturkampf zwischen Forschern und Evolutionskritikern sorgen, erreichen Deutschland. Die Schöpfungsgeschichte wird inzwischen auch an deutschen Schulen verbreitet - zum Entsetzen von Wissenschaftlern.

Von Britta Mersch


Unterricht an der August-Hermann-Francke-Schule in Gießen. Schüler der achten Klasse ergänzen einen Lückentext. Fertig ausgefüllt lautet der Übungstext: "Die [Kontinentalverschiebung] setzte erst nach der Sintflut ein. Gott schickte die [Sintflut] auf die Erde, weil die [Menschen] so böse waren, aber Noah fand [Gnade] vor dem Herrn." Im unteren Teil der Seite wird die Welt nach der Flut beschrieben: "Der Mensch isst jetzt Fleisch, es gibt Naturkatastrophen und Klimaprobleme, Menschen werden nicht mehr so alt."

Evolutions-Ausstellung (in Dresden): Schöpfungslehre im Biologie-Unterricht?
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Evolutions-Ausstellung (in Dresden): Schöpfungslehre im Biologie-Unterricht?

Das hört sich ganz nach Religionsunterricht an - aber hier soll nach Aussagen eines ehemaligen Schülers Biologie das Thema sein, was Schulleiter Lothar Jost jedoch ausdrücklich bestreitet. Die staatlich anerkannte christliche Privatschule in Gießen lehrt neben der Evolutionstheorie nach Darwin einen Ansatz, der sich Intelligent Design nennt und auf einem christlichen Schöpfermodell beruht. Grundlage ist das Buch "Evolution. Ein kritisches Lehrbuch" von Reinhard Junker und Siegfried Scherer. Es wird von der Vereinigung Wort und Wissen herausgegeben, einem Zusammenschluss von Kreationisten. Sie vertritt die biblische Schöpfungslehre und will sie zwar nicht "gleichberechtigt zur Evolutionslehre in den Naturkundeunterricht zwingen" und zieht auch ausdrücklich keine juristischen Schritte in Betracht. Wort und Wissen bezeichnet aber die Evolutionstheorie als "weltanschauliche, auf unbeweisbaren Annahmen beruhende Gesamtdeutung"; die Kritik daran gehöre in den Biologieunterricht.

In den USA kämpfen Kreationisten schon lange dafür, dass das Darwinsche Evolutionsmodell aus den Schulbüchern verschwindet und durch die Schöpfungsgeschichte getreu der Bibel ersetzt wird. Während die Kreationisten im US-Bundesstaat Kansas Unterricht in Schöpfungsgeschichte durchsetzten, beschloss ein Gericht in Pennsylvania, dass Kreationismus nicht an einer High School in Dover unterrichtet werden darf. Auch in Kalifornien haben elf Eltern eine Schule zum Abschied von der religiösen Weltsicht gezwungen. Dort hatte eine Pfarrersfrau als Lehrerin die Schöpfungslehre verbreitet.

Die Filmemacher Peter Moers und Frank Papenbroock haben nun Anzeichen dafür gefunden, dass die Ansichten der Kreationisten auch in deutsche Schulen schwappen. Für ihren Dokumentarfilm "Von Göttern und Designern. Ein Glaubenskrieg erreicht Europa", der am heutigen Dienstag um 20.40 Uhr beim Fernsehsender Arte ausgestrahlt wird, haben sie zwei Schulen in Gießen ausfindig gemacht, wo das evolutionskritische Buch bereits auf dem Lehrplan steht: Neben der privaten und christlich ausgerichteten August-Hermann-Francke-Schule ist es auch das staatliche Liebig-Gymnasium. Lothar Jost bestätigt, dass in der August-Hermann-Francke-Schule im Biologieunterricht der Klasse 13 das umstrittene Buch teilweise als Ergänzungsmaterial verwendet werde. "Im Unterricht dürfen und müssen an jeder Schule über genehmigte Bücher hinaus ergänzende Materialien, Bücher oder Zeitungsartikel Verwendung finden, die nicht genehmigungspflichtig sind." Proteste von Eltern dagegen habe es nie gegeben.

Glauben heißt nicht Wissen

Ehemalige Schüler und Lehrer der Privatschule in Gießen melden sich in der Dokumentation zu Wort: "Der Lehrer hat gesagt, dass er an die Schöpfungstheorie glaubt, und dadurch wurden wir in unserer Meinungsbildung schon beeinflusst", beschreibt etwa der frühere Francke-Schüler Jakobus Gäth im Film seine Erfahrungen an der Schule, "wir haben uns eher dazu bewogen gefühlt, an die Schöpfungslehre zu glauben. Denn was der Biologielehrer denkt, das wird schon richtig sein." Jost widerspricht den Vorwürfen teilweise. So sei das im Arte-Beitrag erwähnte Lückentext-Arbeitsblatt im Religions- und nicht im Biologieunterricht behandelt worden, der Schüler habe es eigens für die Kamera in ein Biologieheft gelegt. "Fundamentalistische Tendenzen, nämlich dass eine einseitige, kreationistische Indoktrination erfolgt", gebe es laut Jost nicht. Allerdings räumt er ein, dass neben der Evolutionstheorie im Biologieunterricht zur Ergänzung der Diskussion auch Schöpfungstheorien behandelt würden.

Auch am staatlichen Liebig-Gymnasium in Gießen gibt es offenbar Verfechter der bibeltreuen Lehre: Biologie-Lehrer Wolfgang Meyer nennt sich selbst einen "Anhänger der Schöpfungstheorie". Es sei wichtig, seinen Schülern den Ansatz im Unterricht beizubringen, damit sie lernen, "dass die Aussagen, wie sie in den Schulbüchern stehen, durchaus hinterfragt werden können".

Beraten wurden die Autoren des Arte-Films unter anderem von Ulrich Kutschera, Professor für Evolutionsbiologie und Pflanzenphysiologie an der Universität Kassel. Er beobachtet seit gut zwei Jahrzehnten die kreationistische Bewegung, die vor allem in den USA immer wieder für Aufregung sorgt. Rund 1,3 Millionen Kreationisten gebe es in Deutschland, schätzt Ulrich Kutschera im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es handelt sich um evangelikale Christen, die sich eins zu eins zu den Wahrheiten der Bibel bekennen", so der Evolutionsbiologe. Evangelikale Christen berufen sich auf die Bibel als alleinige Glaubensgrundlage, sind oft in Freikirchen zusammengeschlossen und haben eigene Schulen. "Dass das Evolutionsbuch von Reinhard Junker und Siegfried Scherer hier mit benutzt wird, ist sehr wahrscheinlich", sagt Kutschera.

Kreationismus-Fibeln an Schulen verschenkt

Auf Anfrage bestätigt der Schulleiter einer Evangelikalen Schule in Bielefeld, die gleichzeitig Gymnasium und Gesamtschule ist, dass die christliche Schöpfungslehre als Unterrichtsgrundlage in Biologie dient: "Wir unterrichten aber auch die Evolutionstheorie. Weil die Schüler ja wissen müssen, dass es sie gibt." Das Evolutionsbuch der Kreationisten komme allerdings nicht zum Einsatz, "weil es vom Kultusministerium nicht als Schulbuch zugelassen ist".

Biologe Kutschera jedoch hat Briefe und Dokumente von Kreationisten gesammelt, die Versuche dokumentieren, das Evolutionsbuch in Schulen unterzubringen: "Es gibt einen emeritierten Physikprofessor einer Bundeswehrhochschule, der Schulleitern dieses Buch schenkt und um Weiterverbreitung bittet", erklärt Kutschera. Bisher scheint die Kreationisten-Fibel allerdings erst punktuell verbreitet zu sein. Ein Grund dafür könnte ein Brief Kutscheras sein, den er bereits vor einigen Jahren zusammen mit dem Verband Deutscher Biologen an alle Kultusminister geschickt hat: "Wir haben vor dem Buch gewarnt", erklärt Kutschera, "die Kultusminister haben mir versichert, dass das Buch nicht auf die Schulbuchlisten kommt."

In der Öffentlichkeit hingegen schwelt der Streit um die Evolutions- und Schöpfungslehre weiter. Nach einer Infratest-Umfrage im Auftrag des Magazins "Zeit Wissen" glaubt jeder zweite Deutsche, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben auf ihr geschaffen. Und immerhin 29 Prozent glauben nicht, dass Affe und Mensch einen gemeinsamen Vorfahren haben. "Das Problem ist, dass wir in Deutschland wissenschaftsfeindliche Strömungen haben, die zum Teil aus einem nicht vorhandenen Fachwissen zum Thema Evolution resultieren", sagt Ulrich Kutschera. Selbst viele Biologie-Lehrer hätten keine ausreichenden Kenntnisse über die Evolutionstheorie, weil sie im Studium oft nicht auf dem Lehrplan stehe.

Optimale Bedingungen also für Kreationisten, die in Deutschland, England, Frankreich und Holland massiv für ihre Schöpfungslehre werben. Sie setzen den Glauben an die Stelle der Wissenschaft. Die Filmemacher Moers und Papenbroock zeigen in ihrer Dokumentation, wie gerade junge Menschen auf Seminaren oder Kongressen von den Ideen des Kreationismus angezogen werden. "Wir haben einige junge Menschen gesprochen, die ganz beseelt aus diesen mehrstündigen Seminaren herauskamen und sagten: 'Das war so toll, jetzt habe ich wirklich neue Erkenntnisse'", erzählt Frank Papenbrook. Die Jugendlichen seien nach diesen Veranstaltungen überzeugt gewesen, dass die Erde erst 6000 Jahre alt sei - und der Grand Canyon Ergebnis der Sintflut.

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