Schule in Syrien Krieg statt Kreide

In Syrien sind die Ferien vorbei, doch längst nicht alle Kinder gehen wieder zum Unterricht. Denn Hunderte Schulen sind zerstört oder zu Flüchtlingslagern umfunktioniert. Tausende Kinder müssen deswegen zu Hause bleiben.

REUTERS

Die neunjährige Rauan Mustafa kann in diesem Jahr nicht zur Schule gehen: Das Schulgebäude im Norden von Syrien ist zerstört, seit ein Flugzeug vor zwei Monaten hier Bomben abwarf. "Ich komme her, um Bücher zu suchen, die ich zum Lesen mit nach Hause nehme, meine Schwester hilft mir dabei", sagt Rauan, während sie den Schutt und halbverbrannte Schulbücher durchwühlt.

Am Sonntag vor einer Woche war offizieller Schulanfang in Syrien, doch der Bürgerkrieg hält Tausende Schüler wie Rauan vom Unterricht fern. Die Schulen sind entweder zerstört oder halten als Auffanglager für Flüchtlinge her. Einige Eltern haben auch Angst, angesichts drohender Gewalt ihre Kinder zum Unterricht zu schicken. Andere Kinder wiederum sind selbst zu Flüchtlingen geworden, die außer Landes flohen und daher in der Schule fehlen.

Vor 18 Monate begannen die Proteste, inzwischen sind sie in einen Bürgerkrieg umgeschlagen - wie viele Kinder deswegen in der Schule fehlen, ist ungewiss. Die Unicef-Abgesandte und Bildungsberaterin für die Region, Dina Craissati, schätzt, dass mindestens 200.000 syrische Kinder keinen Zugang zu Bildung haben, weil sie fliehen mussten. Vielleicht sind es aber auch viel mehr.

Unterricht im Schichtbetrieb

Etwa 2000 Schule wurden während des Konflikts beschädigt oder zerstört, fast 760 Schulen seien zu Notunterkünften umfunktioniert worden, teilte der syrische Bildungsminister Haswan al-Wass mit. Nach Angaben der Regierung wird an 22.000 Schulen weiter unterrichtet, manche unterrichten auch in Schichten, weil sie zusätzlich Kinder von geschlossenen Schulen aufgenommen haben. Am Sonntag hätten fünf Millionen Schüler am Unterricht teilgenommen.

Der zehnjährige Mohammed Rakani aus Sbeine, einem Vorort von Damaskus, gehörte nicht dazu. Er lebt mit seiner Familie in der Schule Somaja al-Machsomija in Damaskus, wo etwa 300 Flüchtlinge aus 65 Familien leben. "Ich will wieder zurück zur Schule, die ich so sehr liebe", sagt Mohammed während eines Besuchs in der Schule, den die syrische Regierung organisiert hat.

Im von Aufständischen kontrollierten Norden des Landes erklären Kommandeure der Rebellen, sie seien zu sehr beschäftigt, um sich um schulische Angelegenheiten zu kümmern. "Zurzeit liegt unser Fokus auf Essen, Unterkunft und medizinischer Versorgung", sagt Seif al-Hak, der zur Rebellengruppe Tauhid-Brigade gehört. Sie kümmert sich um zivile Angelegenheiten in der zweitgrößten Stadt des Landes, Aleppo, und der Umgebung.

"Vielleicht gehe ich Schafe füttern"

In den Gebieten in und um Aleppo finde kein Unterricht statt, sagt al-Hak, alle Schulen seien zerstört worden. "Wir versuchen im Untergrund Unterricht zu organisieren, wie Englisch- oder Computerunterricht." Sie befürchteten, dass notdürftig errichtete Schulen Luftangriffe auf sich ziehen könnten.

Auch der Physiklehrer Abu Ahmed in Tel Rifaat sagt, manche hätten überlegt, privat Unterricht zu organisieren - letztlich entschieden sie sich aus dem gleichen Grund dagegen. "Sie zielen überall dorthin, wo Menschen sich versammeln", sagt Ahmed, der seinen echten Namen nicht nennen wollte.

Zudem sind viele Lehrer aus der Nordprovinz selbst geflohen. Mohammed Ibrahim steht in einer Schulruine und sagt, Mathe sei sein Lieblingsfach, weil es seinen Kopf in Schwung bringe. Trotzdem war ihm sein Arabischlehrer immer am liebsten, weil er nie böse geworden sei. Aber er sei jetzt weg, genauso wie viele seiner Freunde. "Ich bin traurig, weil sie nicht hier sind", sagt der Junge. "Es ist langweilig ohne sie."

Warum so viele Schulen getroffen werden, ist nicht ganz klar. Die Anwohner von Kal Dschibreen sagen, ihre Schule sei nie von Rebellen genutzt worden, doch sei sie am Samstag fast von einer Rakete getroffen worden. Das Geschoss riss die Fassade eines benachbarten Hauses ein. Vor wenigen Wochen schlug eins im Schuldach ein und ließ die meisten Fenster zerspringen.

"Heute sollten wir alle in der Schule sein, aber wir dürfen wegen der Flugzeuge nicht hin", sagt Dargham Jassin, ein zwölfjähriger Junge mit Brille, der wie viele syrische Kinder jünger aussieht, als er ist. Ohne Schule wisse er nicht, was er mit sich anfangen solle. "Ich mache nichts", sagt er. "Vielleicht gehe ich Schafe füttern."

Dale Gavlak/Paul Schemm/dapd/fln

insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
porkypork 22.09.2012
1.
Wenn ausgerechnet in Homs - der Hochburg des Widerstands - inzwischen Versöhnungskomitees existieren und Rebellen von der FSA wieder desertieren, weil sie Nase voll haben vom Krieg und einfach nur zurück in ihr normales Leben wollen, ist es höchste Zeit, alles daran zu setzen, eine politische Lösung zu finden. Wer jetzt noch auf einen gewaltsamen Regime-Change setzt, soll dann auch keine Krokodilstränen mehr über die Opfer dieses Krieges vergießen.
topodoro 22.09.2012
2. Ein bischen einseitig, oder ?
Zitat von porkyporkWenn ausgerechnet in Homs - der Hochburg des Widerstands - inzwischen Versöhnungskomitees existieren und Rebellen von der FSA wieder desertieren, weil sie Nase voll haben vom Krieg und einfach nur zurück in ihr normales Leben wollen, ist es höchste Zeit, alles daran zu setzen, eine politische Lösung zu finden. Wer jetzt noch auf einen gewaltsamen Regime-Change setzt, soll dann auch keine Krokodilstränen mehr über die Opfer dieses Krieges vergießen.
Kein Wort darüber wie viele Schulen die "Aktivisten" der FSA zerbombt haben. Kein Wort darüber wie viele Lehrer von den "Aktivisten" der FSA getötet wurden. Ca. 10 % der Schulen wurden zerstört. Seit Sonntag gehen ca. 5 Millionen Kinder wieder zur Schule, die Ferien sind vorbei. Ca. 385.000 Lehrer unterrichten diese Kinder. Die hätte man ja auch mal interviewen können, oder ? Dass die Autoren nur die "Aktivisten" der FSA befragt haben, die ja kein Interesse an Bildung zeigen, zeigt sich auch an diesem Satz: ..."Etwa 2000 Schule wurden während des Konflikts beschädigt ..." Allahu Akbar ! rufen, dazu braucht man keine Schule. Denn eigenes Denken schadet da nur.
topodoro 22.09.2012
3. Der Spiegel berichtet ja wer die Schulen besetzt hält:
Zitat von porkyporkWenn ausgerechnet in Homs - der Hochburg des Widerstands - inzwischen Versöhnungskomitees existieren und Rebellen von der FSA wieder desertieren, weil sie Nase voll haben vom Krieg und einfach nur zurück in ihr normales Leben wollen, ist es höchste Zeit, alles daran zu setzen, eine politische Lösung zu finden. Wer jetzt noch auf einen gewaltsamen Regime-Change setzt, soll dann auch keine Krokodilstränen mehr über die Opfer dieses Krieges vergießen.
Hier die Schule von Sukkari: "Der 24-jährige Abu Anas aus Aasas ist der Kommandant der Truppe in der Schule von Sukkari. Er trägt einen Bart, schulterlange gewellte Haare, ein schwarzes Poloshirt, schwarze Hosen und ockerfarbene Militärstiefel. Abu Anas ist schon zu Lebzeiten so etwas wie eine Legende. Von einem Experten, der im Irak gekämpft hat, wurde Abu Anas in die Kunst des Bombenbauens eingeführt. In einem leeren Klassenzimmer präsentiert der junge Kommandant seine Sammlung: etwa 60 improvisierte Sprengsätze, von wenigen Kilogramm Gewicht bis zu Brummern von rund 50 Kilogramm. Aus Artilleriegranaten, die nicht explodiert sind, baut Abu Anas Bomben, die er in erster Linie gegen ungepanzerte Ziele einsetzt. "Sie sind wegen ihrer Splitterwirkung gegen Soldaten gedacht. Wir bringen sie in der Nacht in Häusern oder versteckt an Straßenrändern an. Wenn die Soldaten am Morgen kommen, zünden wir die Blindgänger per Funk oder über Drähte", erklärt Abu Anas." Alahu Akbar statt ABC.
michael.mittermueller 23.09.2012
4. School of War
The origins of the Taliban date back into the 70s and 80s, when George Bush, at that time chief of the CIA under Ronald Regan, started to support the insurgents in Afghanistan. Despite the conflict with Jimmy Carter on torture and the B1 Bomber that lead to the resignation of George Bush, the support with money, advisors and high tec weapons such as the Stinger was extended under Jimmy carter and his security advisor Zbigniew Brzezinski,. When Osama Bin Laden escaped serveral years later he was using tunnel systems build with almost one billion Dollars, by the US. The Taliban originally were kids educated in fugitive camps in Pakistan in schools that were funded by the CIA. And how far will those people go this time? Is the foe of a foe allways a friend ? And is he really a friend of human rights, education or democracy ? I doubt that and I have my reasons for that. ---Zitat von BBC--- BBC News - Who are the Taliban? (http://www.bbc.co.uk/news/world-south-asia-11451718) Pakistan was also one of only three countries, along with Saudi Arabia and the United Arab Emirates (UAE), which recognised the Taliban when they were in power in Afghanistan from the mid-1990s until 2001. ---Zitatende--- John McCain, Joe Lieberman, Lindsay Graham Urge To Arm Syria's Rebels (http://www.huffingtonpost.com/2012/09/07/john-mccain-joe-lieberman-syria_n_1865884.html) FIM-92 Stinger in the Soviet war in Afghanistan - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=qJaZtAYM9KU) Afghanistan war logs: US covered up fatal Taliban missile strike on Chinook | World news | The Guardian (http://www.guardian.co.uk/world/2010/jul/25/afghanistan-taliban-missile-strike-chinook) Bin Laden may flee in tunnels | World news | The Guardian (http://www.guardian.co.uk/world/2001/sep/18/september11.afghanistan)
wardawas? 23.09.2012
5. Bombenbau statt Mathe....
Na da schauen die Kinder ja in eine glänzende Zukunft. Die meissten Kinder sind neugierig, wollen Neues lernen. Wer ihnen dann lesen, schreiben, rechnen den Bau von Bomben beibringt missbraucht sie damit. Dass solche Typen dann sogar als Helden/Vorbilder verehrt werden, ist fatal - weil es damit die nächste Generation von ungebildeten leicht verführbaren erzeugt....womit sich der Kreis wieder schliesst. Oft wird gesagt : "die Kinder sind die Zukunft". Wer die Gegenwart nutzt um sie das Töten zu lehren, sagt mehr über sich selbst als ihm lieb sein kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.