Adoptierte Kinder in Russland Eine Familie, 16 Geschwister

Wie ist es, als adoptiertes Kind in einer russischen Großfamilie zu leben? Die Fotografin Ksenia Les hat es mehrere Wochen lang ausprobiert.

Ksenia Les

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Es herrscht großer Lärm im Wohnzimmer der Familie Morozovy aus der Nähe von Kaliningrad: Jungen und Mädchen spielen, schreien und lachen gemeinsam. Insgesamt 16 Kinder leben hier - sie alle wurden in den vergangenen Jahren von den Eltern Sergej und Larisa adoptiert. Die Fotografin Ksenia Les hat die Großfamilie porträtiert und zeigt sie in ihrem Alltag.

Nachdem ihre leiblichen Kinder ausgezogen waren, wollte die Mutter Larisa weitere Kinder haben, konnte aber keine mehr bekommen. Sie und ihr Mann kamen auf die Idee zu adoptieren. Zuerst nahmen sie fünf Kinder bei sich auf, nach und nach wurden es immer mehr. Die Jüngsten sind heute sieben Jahre alt, die Ältesten bereits 18.

Doch warum so viele? "Die Eltern sagen, dass sie gerne möglichst vielen Kindern helfen wollen, die keine Familie haben", erzählt Les. Seit die russische Regierung vor fünf Jahren US-Bürgern die Adoption von russischen Kindern verboten hat, finden viele Waisen kein neues Zuhause mehr. Neugeborene sind laut der Fotografin relativ leicht zu vermitteln, ältere oder kranke Kinder hätten es aber schwer, auch Geschwister würden selten gemeinsam aufgenommen.

Der Staat versucht, die eigenen Bürger mit Werbung und Geld zur Adoption zu motivieren. "Ich denke, dass auch bei der Familie Morozovy Geld eine Rolle spielt", sagt Les. Weder Vater noch Mutter arbeiten, das einzige Einkommen ist das Geld, das sie von der Stadt für die adoptierten Kinder bekommen.

Umgerechnet rund 200 Euro erhalten sie pro Monat für jedes Kind. Außerdem können sie für einen geringen Mietpreis einen ehemaligen Kindergarten als Wohnhaus nutzen. Trotzdem ist die Familie sehr arm, das Geld reicht gerade für das Nötigste. Extras wie Reisen kann sie sich nicht leisten.

Fotostrecke

10  Bilder
Drill, Rituale und Zusammenhalt: Alltag der Familie Morozovy

Ein Jahr lang verbrachte die Fotografin insgesamt mehrere Wochen mit der Familie und lebte sogar bei ihnen im Haus - manchmal auch mit mehreren Geschwistern gemeinsam in einem Zimmer. "Das war schon ganz schön anstrengend", sagt die 29-Jährige. "Die Eltern haben mich irgendwann auch als ihr Kind gesehen."

Les legt den Fokus auf die Kinder, nur auf wenigen Fotos sind die Eltern zu sehen: "Die Kinder haben sich ihre eigene Welt geschaffen, die sehr beeindruckend ist."

Die Jungen und Mädchen seien sehr auf sich alleine gestellt, jedes Kind bekomme nur wenig Aufmerksamkeit: "Die Eltern haben wenig Zeit, können sich nicht um jedes Problem kümmern. Auch körperliche Nähe gibt es auch kaum", sagt Les. Umso größer sei der Zusammenhalt zwischen den Geschwistern: Sie würden sich gegenseitig unterstützen, aufeinander aufpassen und miteinander spielen.

Regeln, Struktur und Ordnung seien den Eltern sehr wichtig. Werden sie nicht eingehalten oder die Hausarbeiten nicht verrichtet, drohen harte Strafen: "Jeder hat eine tägliche Aufgabenliste, die er erledigen muss, das sind manchmal schon fast militärische Verhältnisse."

Trotz dieser strengen Erziehungsweise und der Distanz nennen die Kinder die Eltern "Mama" und "Papa" und sind stolz, Teil der Familie zu sein. Die Mädchen würden sogar sagen, dass sie später selbst gerne eine Großfamilie hätten - und auch Kinder adoptieren wollten.

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