Kultusminister Der Unsinn der Elitenförderung

Jetzt sollen mal die Besten dran sein: Schulpolitiker wollen die Begabtenförderung ausbauen - und damit die unterstützen, die es am wenigsten brauchen. Ein falscher Entschluss.

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Schüler des Landesgymnasiums für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd: Künftig könnte es mehr Spezialeinrichtungen für die Schülerelite geben
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Schüler des Landesgymnasiums für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd: Künftig könnte es mehr Spezialeinrichtungen für die Schülerelite geben


Am Freitag will die Kultusministerkonferenz eine neue Zielgruppe für ihre Bemühungen ausrufen: Die besonders guten, talentierten Schüler sollen verstärkt gefördert werden. Man will endlich etwas für die Begabten tun.

Endlich? Dass Spitzenschüler plötzlich als benachteiligte Gruppen gelten sollen, ist paradox - und ein falsches Signal: Begabtenförderung gibt denen, die schon haben - schlimmstenfalls auf Kosten derer, die am meisten Unterstützung brauchen.

Sachsens Schulministerin Brunhild Kurth hat die Initiative angestoßen. In Deutschland, wünscht sich die CDU-Politikerin, müsse endlich wieder unverkrampft von Elitenförderung die Rede sein: "Es war ja geradezu verpönt, das Wort in den Mund zu nehmen." Solche Einlassungen hört man in jüngster Zeit häufiger, und man wundert sich über die unverhohlene Erleichterung. Was soll eigentlich jemals so schlimm daran gewesen sein, dass man in einem demokratischen Land das Wort Elite mit Vorbehalt gebraucht?

Dass die Spitze im Bildungssystem bisher zu kurz käme, ist ohnehin ein Mythos. Gut 7100 Euro jährlich investiert der Staat in einen Gymnasiasten, einen Realschüler lässt er sich dagegen 5600 Euro kosten. Lehrer am Gymnasium verdienen mehr als ihre Kollegen an anderen Schulen, weil ihnen die verheißungsvollere Klientel anvertraut ist. Viel Geld geht an vermeintliche Elite-Studenten, das Stipendienwesen wurde massiv ausgebaut. Ein guter Teil der Mittel fließt dabei nicht in Bildungsmaßnahmen, sondern direkt als Taschengeld an die Auserwählten.

Akademikerkinder profitieren überdurchschnittlich

Kinder aus privilegierten Familien profitieren praktisch immer überdurchschnittlich von der Begabtenförderung. Das zeigen bisher nahezu alle Evaluationen. Beispiel Brandenburg: 2007 wurden hier für begabte Schüler an einigen Gymnasien und Gesamtschulen Spezialklassen geschaffen. Knapp 74 Prozent der Jugendlichen dieser Klassen haben Eltern mit Abitur, bei ihren Altersgenossen in den Regelklassen kommen nur 58 Prozent aus Abiturientenfamilien. Für Bayern und Baden-Württemberg stellt eine Studie fest, dass in den Begabtenklassen vor allem Akademikerkinder sitzen.

In einem Schulsystem, in dem der Bildungserfolg schon jetzt stark von der Herkunft abhängt, müssen solche Ergebnisse alarmieren. Umso beachtlicher ist die Ignoranz der Kultusminister: Ihr Papier geht mit keinem Wort auf die bestens dokumentierten Ungerechtigkeiten der Begabtenförderung ein.

Überhaupt stellt sich die Frage: Warum sollte man ausgerechnet diejenigen besonders fördern, die ohnehin schon die besten Voraussetzungen haben? Die aus Familien stammen, die sich locker teuren Geigenunterricht und Sprachreisen für die Kinder leisten können?

Bildungspolitiker verweisen dafür gern auf die Vergleichsstudien wie Pisa. Deutschland hat in den vergangenen Jahren aufgeholt, vor allem die schwächeren Schüler schneiden inzwischen deutlich besser ab als noch vor einigen Jahren. Das ist eine gute Nachricht, die Ansporn sein sollte. Stattdessen wird ein neuer Makel entdeckt: Die besten Schüler haben ihre Ergebnisse nämlich kaum gesteigert.

Schwache fördern ist die beste Bildungspolitik

Ein Argument für mehr Begabtenförderung ist der Hinweis auf die Pisa-Ergebnisse nicht. Im Gegenteil: Der Befund zeigt eher, dass es sich vor allem lohnt, die Schwachen zu fördern. Und es ist ja bei Weitem nicht so, dass es keine Bildungsverlierer mehr gäbe: 14 Prozent der Schüler lesen laut Pisa-Studie so schlecht, dass sie einem Text einfache Informationen nicht richtig entnehmen können. Weniger als früher, aber immer noch zu viele.

Dennoch wird neuerdings lieber für die Spitze getrommelt, angeblich auch, weil von deren Förderung letztlich alle profitieren würden. "Wir sind Exportweltmeister. Damit das so bleibt, muss die deutsche Wirtschaft ihr Niveau halten. Dazu braucht es die Begabten", findet Kultusministerin Kurth. Eine gewagte Verknüpfung: Woher weiß man, dass ein elfjähriger Schüler eines Tages so viel für das Land zu leisten vermag, dass eine Extra-Förderung gerechtfertigt ist, die anderen vorenthalten wird? Und welche Art von Begabung sollte man dafür fördern? Besonders intelligente Schüler, die aber schlechte Noten haben? Gute Schüler, die bei IQ-Tests eher durchschnittlich abschneiden?

Gut möglich übrigens, dass Begabtenklassen eher schaden als nutzen - und zwar denen, die nicht das Glück haben, in sie aufgenommen zu werden. In den ganz normalen Klassen fehlen den Zurückbleibenden dann nämlich die Mitschüler, von denen sie am meisten lernen können.

Zum Autor
Lisa Meinen
Bernd Kramer ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Uni-/ SchulSPIEGEL.

E-Mail: Bernd_Kramer@spiegel.de

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insgesamt 491 Beiträge
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Seite 1
dreckswerbung73 12.06.2015
1. in welchen Land....
lebt der Schreiberling dieses Artikel eigentlich? Ohne Begabte gibt es keine Innovation, die Deutschland dringend braucht. Das die Förderung nur an Hand der Begabung und nur bei Bedürftigkeit erfolgen sollte, sollte unstrittig sein.
alexanderschleissinger 12.06.2015
2. Gute Analyse
Wir scheinen uns mittlerweile (wieder?) einer Gesellschaft zu nähern, die den "Wert" eines Menschen im Vergleich zu anderen festlegt. Und dann ist die Würde des Menschen scheinbar doch nicht mehr unantastbar...
s.g. 12.06.2015
3. JEDER hat ein Recht auf individuelle Förderung!
Normalerweise halte ich mich ja sehr zurück. Aber hier rutscht mir dann doch ein: "Selten so einen verblödeten Schwachsinn gelesen!" raus. Natürlich MUSS jedes Kind entsprechend seiner Fähigkeiten gefördert werden. Ansonsten wird aus einem hochbegabten Kind ganz schnell ein Bildungsverlierer. Und warum bitte sollen Kinder für die Bildung ihrer Eltern bestraft werden? Nur weil auch die Eltern schon auf dem Gymnasium waren dürfen die Kinder nicht gefördert werden? Diskrimierung in Reinform! Und dann im Artikel noch alles durcheinander schmeißen. Vielleicht sollte der Autor selbst nochmal die Schulbank drücken und sich erstmal über das Thema und die Probleme von Hochbegabten in unserem Schulsystem informieren bevor er hier so einen "Kommentar" schreibt. Alles was "normal" ist funktioniert in den Schulen ganz prima, aber sobald nach oben oder unten von der Norm abgewichen wird gibt es Probleme. Natürlich ist es daher richtig sich um diese "Problemfälle" zu kümmern. Und zwar um BEIDE. Ob man dazu mit Begabtenklassen separieren muss oder dies auf anderem Wege erfolgen kann wäre zum Beispiel ein interessantes Thema gewesen. Aber bitte erstmal die Vorurteile über Bord werfen und sich mit dem Thema beschäftigen!
1besserwisser1 12.06.2015
4.
Anstatt gegen die Begabten zu propagandieren, sollte SPON fragen warum die minister das tun. Der Grund dafür ist: Die Förderung schwacher brinht seit Jahren nichts, da sollte mam dann lieber die guten finanzieren damit diese den karren aus dem dreck ziehen.
brainforceone 12.06.2015
5. Kann man so machen....
...nur dann wird es eben schlecht. Warum werden bei uns ausschließlich die "Ränder" der Leistungskurve gefördert? Ausschließlich Inklusion/Begabtenförderung? Was ist mit der "großen Mitte"? Die sehe ich tatsächlich abgehängt... Der Artikel lässt mich fragend zurück, trifft jedoch meine Seele... Vielen Dank dafür an den Autor!
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