Höchstbegabt Das wunderliche Kind

Mit acht Jahren hat er sein Abi gemacht, sein IQ liegt über 145: Laurent Simons wird als neues europäisches Wunderkind gefeiert. Wie tickt der Junge? Ein Besuch in Amsterdam.

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Von und (Video)


Laurent Simons gibt es in zwei Ausführungen. Einmal ist da das achtjährige Wunderkind, das in einem Alter die Schule beendet hat, in dem sie andere gerade erst beginnen. Und dann ist da der Junge, der gern Achterbahn fährt, Actionfilme guckt und Panini-Bildchen sammelt. Glaubt man seinen Eltern, unterscheiden sich beide Laurents fundamental voneinander.

Das Wunderkind dürstet nach Wissen, liest ein Buch nach dem anderen, bricht sein Spielzeug auseinander, um zu verstehen, wie es funktioniert. Laurent, der Junge, spielt mit Freunden, planscht im Pool, tippt auf seinem Smartphone herum.

Seinen Sohn könne man nicht in eine Schublade stecken, sagt der Vater Alexander Simons. Laurent sei zwar hochintelligent, aber trotzdem ganz anders als andere Hochintelligente, die gern Schach spielen oder Musikinstrumente lernen. Er fühle sich nicht einmal sonderlich wohl, wenn er mit ihnen zusammen sei. Die Eltern bemühen sich sehr, Laurents kindliche Unbeschwertheit ans Licht zu bringen.

Laurent Simons in seinem Zuhause in Amsterdam
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Laurent Simons in seinem Zuhause in Amsterdam

In Amsterdam liegt das Haus der Familie an einer Gracht im Zentrum der Stadt. Steile Treppen führen nach oben in Küche und Wohnzimmer: zwei Fensterfronten, großer Flachbildfernseher, Donald-Duck-Comics sind auf dem Sofa drapiert und ein riesiges Schwarz-Weiß-Gemälde von Laurent und seinem Vater hängt an der Wand. Das Wohnzimmer sieht eher aus wie in einem Hotel als das Zentrum einer Familie. Es gibt kaum persönliche Sachen hier, alles ist sehr aufgeräumt.

Straffes Programm in den Sommerferien

Seit ein paar Wochen hat Laurent nun schon Sommerferien, doch die Eltern haben ein straffes Programm für ihn vorgesehen. Erst am Morgen sind die Simons aus Frankreich zurück gekommen, am Nachmittag soll es weiter nach Belgien gehen und dann irgendwann nach Spanien. Dazwischen liegen zahlreiche Termine mit der Presse.

Party@Bruges!

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Laurent - kinnlange Haare, wache Augen, graues Polohemd - ist europaweit bekannt, weil er gerade mit acht Jahren sein Abi gemacht hat. Das macht ihn zu einem der jüngsten Menschen der Welt mit einem Schulabschluss. Jünger war nur der US-Amerikaner Michael Kearney, der die Schule mit sechs Jahren beendete. Minu Tizabi und Franz Kiraly, Deutschlands jüngste Abiturienten seit dem Zweiten Weltkrieg, waren 14 Jahre alt.

Laurent will ab dem Wintersemester studieren, entweder Mathematik oder Ingenieurwissenschaften. Die Uni, die er besuchen wird, soll nicht weit weg von den Großeltern sein, die in Ostende leben, einer kleinen Stadt im Westen von Belgien. Laurent wird dort nicht mit den anderen Studenten an Vorlesungen teilnehmen, sondern es wird ein Programm auf ihn zugeschnitten - auch ein Auslandsaufenthalt in den USA ist vorgesehen.

Laurent ist höflich und zurückhaltend. Er redet nicht viel. Fragen beantwortet er meist nur mit einzelnen Wörtern oder Halbsätzen. Von Laurent, dem Kind, ist nicht viel zu spüren.

"Was ist dein Lieblingsbuch?"

Laurent: "Dieses da." Er zeigt auf das Buch "Eine kurze Geschichte von fast allem" von Bill Bryson. Später sagt sein Vater, Laurent habe es noch gar nicht gelesen.

"Wer ist dein Vorbild?"

Laurent: "Mh".

"So jemand wie Stephen Hawking oder Albert Einstein?"

Laurent: "Albert Einstein."

Laurent Simons
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Laurent Simons

Sein Vater sagt: "Uns ist erst spät aufgefallen, dass er schlauer ist als andere. Seine Großeltern haben uns zwar gesagt, er sei besonders, aber welche Großeltern denken das nicht von ihren Enkeln?" Erst als die Erzieher in der Kita auch darauf hinwiesen, begannen die Eltern, Laurent genauer zu beobachten. Ihnen fiel auf, dass er sein Spielzeug lieber sortierte als damit spielte, dass er anders fragte als andere Kinder.

"Laurent wollte nicht wissen, warum Flugzeuge fliegen oder Autos fahren, er fragte zum Beispiel danach, wie sich die Räder bewegen", sagt seine Mutter Lydia. "Es ist, als hätte er zehn unabhängige Gehirne, die nebeneinander funktionierten."

Laut dem Psychologen Detlef H. Rost, bekannt für das Marburger Hochbegabtenprojekt, eine Langzeitstudie mit etwa 7000 Grundschülern, würden Hochbegabte einfach schneller und effektiver als Normalbegabte denken. In einem seiner Aufsätze schreibt Rost: "Eine hochbegabte Person hat das Potenzial, sich schnell inhaltliches und prozedurales Wissen anzueignen. (...) Sie ist fähig, rasch aus den dabei gemachten Erfahrungen zu lernen. Und sie erkennt auch, auf welche neuen Situationen und Problemstellungen sie ihre gewonnenen Erkenntnisse übertragen kann."

Irgendwann konnten Laurents Eltern seine Fragen nicht mehr beantworten. "Er wollte immer mehr wissen und das hat uns schon ein bisschen genervt", sagt der Vater. Sie hätten ihn dann an "Mr. Google" verwiesen. "Dort konnte er sich selbst über die Dinge informieren."

 Laurent Simons mit seinen Eltern im Europapark Rust
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Laurent Simons mit seinen Eltern im Europapark Rust

Mit vier Jahren wurde Laurent eingeschult. Für die Grundschule brauchte er zwei Jahre. Dann ging er auf ein Gymnasium, auf dem ersten kam er nicht zurecht. Er beschwerte sich über die anderen Mitschüler, die viel zu langsam seien. Die anderen Schüler beklagten sich aber auch über Laurent, der sich bei jeder Frage meldete und eine Antwort darauf wusste.

Erst auf dem zweiten Gymnasium, dem Sint-Jozef Humaniora in Brügge, fanden die Lehrer einen Weg, dem schlauen Kind etwas beizubringen: mit Einzelunterricht. Ignace Ryheul hat Laurent dort als Mentor begleitet. "Laurent kam im März zu uns und sagte, er wolle die letzten beiden Abiturjahre in drei Monaten absolvieren", sagt Ryheul.

Die Eltern hatten schon schnell festgestellt, dass ihr Sohn am besten wusste, was gut für ihn ist. Am Anfang hatten sie noch Bücher über Hochbegabte gelesen, aber das brachte ihnen nicht viel. Sie entschieden sich, darauf zu hören, was Laurent wollte. Der Vater sagt, sie seien eine demokratische Familie. Nur wenn es ums Schlafen, Essen und das Benehmen gehe, machten sie Laurent Vorschriften. Alles andere könne er mitentscheiden.

"Als die Eltern uns baten, ihren Sohn aufzunehmen, haben sich alle Lehrer zusammengesetzt und beratschlagt, ob sie sich das zutrauen. Aber so eine Chance bekommt man als Lehrer wohl nie wieder. Wir nahmen die Herausforderung an", sagt Mentor Ryheul.

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Die Lehrer gaben dem Jungen den Lehrstoff für zwei Jahre, über Google Drive luden sie die Dokumente hoch. Laurent las den Stoff zu Hause. In der Schule fragten ihn die Lehrer, ob er alles verstanden hatte und gaben ihm die Möglichkeit nachzufragen. "Seine Fragen waren immer ganz speziell", sagt Ryheul. "Laurent war jeden Tag sehr gut vorbereitet. Man kann dem Jungen alles zum Lesen geben, er versteht es." Laurent sei wie ein Schwamm, der das Wissen in sich aufsauge.

Laurents Vater sagt, der Junge lerne nicht, er lese. "Wenn er etwas liest, dann merkt er sich das. Nur so lässt sich erklären, warum er so schnell vorankommt." Nur mit den Fremdsprachen sei es nicht so einfach gewesen. "Als Laurent Französisch lernte, las er sich wie immer das Lehrbuch dazu durch. Er wusste, dass aujourd'hui heute heißt, aber er sprach es so aus wie man es schreibt", sagt sein Vater.

"Es ist unmöglich, in so kurzer Zeit eine Sprache zu lernen", sagt auch Ignace Ryheul. Laurent begann dann damit, französische Fernsehserien zu schauen und bat seine Eltern, mit ihm nach Frankreich zu fahren, um die Sprache besser zu lernen. "Er wollte sein Wissen anwenden", sagt sein Vater.

Sechs Wochen lang jeden Tag eine Prüfung

In den letzten sechs Wochen am Gymnasium hatte Laurent fast jeden Tag eine Prüfung, sonst hätte er das Abi zeitlich nicht geschafft. "Wir haben das geliebt. An der Schule herrschte zu dieser Zeit eine ganz besondere Atmosphäre", sagt Ryheul. Laurent habe auch Vorträge vor anderen Schülern halten müssen, das gehöre zum Abi dazu. "Haben die Lehrer ihm eine Frage gestellt, hat er sich umgedreht, das Publikum ausgeblendet, mit sich selbst geredet und die Frage dann beantwortet."

Wissenschaftler bescheinigten dem Jungen einen IQ von 145. Als hochbegabt gilt, wer einen Wert von über 130 hat und damit zu den klügsten zwei Prozent der Bezugsgruppe gehört. Schon ab einem Alter von fünf oder sechs Jahren lässt sich laut Wissenschaftlern zuverlässig prognostizieren, wie intelligent jemand ist, aber nur für eine begrenzte Zeitdauer. Erst mit 14 oder 15 Jahren ist die Prognose über mehrere Jahrzehnte hinweg wirklich verlässlich, schreibt Psychologe Rost.

Laurents Eltern glauben ohnehin, dass ihr Sohn viel intelligenter sei. Doch sie tun alles dafür, ihn als Kind zu inszenieren. Auch auf seinem Instagram-Account. Hier sieht alles danach aus, als hätte Laurent ein schönes Leben: Besuch im Beach Club, Baden im Infinity Pool, Austern essen, Breakdance-Training. Es ist das Leben eines sehr erwachsenen Kindes - oder eines kindlichen Erwachsenen.

insgesamt 100 Beiträge
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Seite 1
noalk 21.07.2018
1. Prima
Weiter so. Ich wünsche dem Kerl alles Gute und Durchsetzungskraft gegen jene, die ihn (vielleicht) noch verbiegen wollen. Er ist glücklich mit dem, was er macht. Es würde mich interessieren, ob er schon die Bücher von Richard Feynman gelesen hat.
doktorfeinfinger 21.07.2018
2. Man kann dem Jungen nur wünschen,
dass er sich trotz seines jungen Alters im Umfeld der Universität auch persönlich entwickeln kann und nicht nur „vermarktet“ wird von Leuten, die sich in seinem Glanz sonnen. Das wird von ehrgeizigen Eltern (hoch)begabter und deswegen oft viel zu früh ein- und umgeschulter Eltern gerne übersehen. Wie soll ein Teenager an der Uni unter Erwachsenen Freunde finden? Das Beispiel Lars Windhorst mag Mahnung sein.
sischwiesisch 21.07.2018
3. Alles Gute
kann man ihm nur wünschen. Und ein verständiges Umfeld. Den heutigen "Wunderkindern" hilft natürlich ihre digitalisierte Umwelt, um an Wissen zu gelangen und um entsprechend schnell zu präsentieren. Das war vor noch 20 Jahren wesentlich aufwendiger.
Affenhirn 21.07.2018
4. IQ 145 hat statistisch gesehen einer von 1000
Bei einem Mittelwert von 100 und einer Standardabweichung von 15 (so ist der IQ definiert) erreichen den allgemein akzeptierten Wert 130 (entsprechen 2 Standardabweichungen) für die Hochbegabung ca. 2 % der Bevölkerung, also einer von 50. Ein IQ von 145 entspricht 3 Standardabweichungen. Dieser Wert wird statistisch von einem aus 1000 Personen erreicht. Also nichts so besonders Aufregendes. Allerdings gibt es an dieser Stelle ein Problem: die üblichen IQ-Tests, wie auch der Intelligenzstrukturtest von Mensa können nur IQ-Werte bis 145 überhaupt bestimmen. Nach den Schilderungen dürfte dieses Kind den Wert aber deutlich überschreiten.
jkleinmann 21.07.2018
5. Trotz Achterbahn
wird in diesem Zusammenhang immer vergessen, dass Kinder eine Kindheit brauchen und für ihre soziale und psychische Entwicklung (Reifung!) andere Dinge als Prüfungen und Universitäten benötigen. Ich bin gespannt, über diesen Jungen in 20 Jahren zu lesen...
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