Lehramt-Studium in echt Die Suche nach dem Aha-Effekt

Lehrer werden? "Cool, da habe ich mittags frei und sechs Wochen Sommerferien", denken manche Studenten bei der Einschreibung. Kai Isa Welsch, 21, regen diese Schlaffis auf. Sie will Jugendliche erreichen, die schlechte Chancen haben - darum studiert sie auf Lehramt.


"Am Anfang wollen alle Grundschullehrer werden. Zumindest für einen kurzen Moment, so war es bei mir jedenfalls. Als mich dann aber für einen Studiengang tatsächlich einschreiben musste, fing ich an, noch einmal nachzudenken: Was will ich mit dem Studium? Wieso mache ich das? Will ich wirklich an einer Grundschule arbeiten?

Studentin Kai Isa Welsch: "Ach ja, ich werde ja Lehrerin!"
Mara Braun

Studentin Kai Isa Welsch: "Ach ja, ich werde ja Lehrerin!"

Ich wollte nicht. Haupt- und Realschule, dachte ich - das ist viel mehr mein Ding. Ich mag die Jugendlichen in dem Alter, ich kann einfach gut mit denen - das weiß ich jetzt schon, obwohl ich noch recht jung bin. Außerdem möchte ich wirklich etwas erreichen in meinem Beruf. Für die jungen Leute, für die Gesellschaft.

Klar, in die Hauptschule gehen viele Kinder, die schon total abgeschrieben worden sind. Aber genau für die möchte ich etwas verändern. In der Realschule sieht es ähnlich aus. Ich möchte auf die Kinder und Jugendlichen zugehen, sie fördern, sie zum Lernen motivieren. Genau darauf habe ich Lust, deswegen studiere ich auf Lehramt.

In meiner Familie gibt es viele Lehrer. Speziell durch meinen Papa und meinen Onkel habe ich schon früh mitbekommen, wie es ist, ein Lehrer zu sein. Wenn die beiden erzählt haben, war mir irgendwie immer klar: Das will ich auch.

Leider studieren heute immer noch viele Leute Lehramt, weil sie denken: 'Cool, da habe ich mittags frei'. Das macht mich echt wütend, so werden Schüler von Leuten unterrichtet, die sich wegen der sechs Wochen Sommerferien für ihren Beruf entschieden haben. Außerdem bestätigen diese paar Schlaffis alle Vorurteile, die man sich über Lehrer so erzählt. Das nervt.

Im Hauptstudium wird es praktischer

Bei den Fächern habe ich mich für Deutsch und evangelische Religion entschieden. Deutsch war klar - das war einfach immer meine Welt. Religion hat sich auch fast von selbst ergeben: Ich selbst hatte in der Schule nur Religionslehrer, die mir gar nichts gesagt haben, denen habe ich nicht abgenommen, was sie da erzählen. Das möchte ich ganz anders machen. Ich bin gläubige Christin, davon möchte ich gern etwas weitergeben.

Im ersten Semester sitzt man als Lehramtsstudent hauptsächlich in 'Grundlagenvorlesungen' und 'Einführungsveranstaltungen' - die Studierenden müssen ja erstmal auf einen ähnlichen Stand kommen. Einige Kurse sind nur für uns angehende Lehrer: Da lernen wir zum Beispiel, wie man mit den Schülern später Grammatik übt. Oder wir lesen eine Lektüre wie Manns 'Doktor Faustus' und überlegen, wie man so ein Buch später den Schülern nahebringt.

In anderen Seminaren sitzen wir mit Leuten zusammen, die auf Bachelor, Master oder den alten Magister studieren; da pauken wir wieder selbst. Das ganze Studium ist in so genannte Module aufgeteilt. Einige Kurse sind vorgegeben, andere darf man frei wählen. Meine drei Module in Deutsch heißen Sprache und ihre Didaktik, Literatur und Kommunikation.

Das Grundstudium ist schon sehr theoretisch, aber für welchen Studiengang gilt das nicht? Im Hauptstudium wird es praktischer. Da kamen endlich die Momente, in denen mir richtig bewusst wurde: Ach ja, mit diesem Studium werde ich ja Lehrerin! 

Diese Momente sind unheimlich wichtig. In diesem Punkt unterscheidet sich mein Studium einfach von allen anderen: Es reicht nicht aus, dass ich kapiere, wovon der Dozent redet. Ich muss es später auch selbst vermitteln können.

Die älteren Schüler sind zwei Köpfe größer als ich

Im Hauptstudium nehmen die Aha-Effekte zu. Auf das theoretische Fundament, das im Grundstudium gegossen wurde, kam der praktische Überbau: Wie plane ich den Unterricht? Was muss ich bei einem Kind mit Lernschwierigkeiten beachten? Wie komme ich als Lehrerin rüber?

Sowohl im Grund- als auch im Hauptstudium ist auch ein Unterrichtspraktikum von jeweils vier Wochen verpflichtend. Dazu gehören vor- und nachbereitende Seminare und danach ein Abschlussbericht. Die Schule wählt man selbst, zur Betreuung bekommt man einen Mentor an die Seite gestellt. Das war für mich eine total interessante Erfahrung, allein schon zu sehen, wie geht meine Mentorin an die Themen ran, die sie im Unterricht behandelt?

Als ich schließlich wirklich vor einer Klasse stand, war doch alles ganz anders, als ich es mir vorher überlegt hatte. Es stimmt: Alle Theorie ist grau. Über Kinder zu reden, ist irre weit weg davon, ihnen im Unterricht tatsächlich gegenüber zu stehen.

Ich lerne aus jeder Stunde an der Schule. Es lief von Anfang an total gut, sie akzeptieren mich, obwohl gerade die Älteren manchmal zwei Köpfe größer sind als ich.

Durch die Schul-Praktika weiß ich es sicher: Dieser Beruf ist absolut mein Ding. Mir hat das es so gut an der Schule gefallen, dass ich während des Studiums gleich weiter unterrichtet habe. Ich freue mich schon jetzt darauf, irgendwann nicht mehr nur Gast zu sein im Lehrerzimmer, sondern fest dazu zu gehören."

Aufgezeichnet von Mara Braun

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