Lehrer per Quereinstieg Der holprige Weg ins Klassenzimmer

In Deutschland fehlen Tausende Lehrer. Beste Voraussetzungen also für Quereinsteiger. Die Konditionen klingen oft verlockend, doch die Ausbildung ist hart. Drei Neu-Lehrer berichten.

Lehrer in der Klasse
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Lehrer in der Klasse

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Sie wollen Lehrer werden - haben aber etwas ganz anderes gelernt? Sie sitzen jetzt vielleicht in einem Büro, stehen in einem Labor, und grübeln darüber nach, wie es wäre, Ihr Wissen in einem Klassenzimmer an junge Menschen weiterzugeben?

Wahrscheinlich könnte der Zeitpunkt nicht besser sein, um auch spät noch in den Schulbetrieb einzusteigen. Viele Bundesländer suchen verzweifelt Lehrer. Mangelware sind besonders Sonderpädagogen und Lehrer an Grund-, Haupt-, Berufs- und Förderschulen, vor allem für die Fächer Mathe, Musik oder Chemie.

Viele Länder rekrutieren gerade massiv Quereinsteiger, die die Lücken in den Klassenzimmern füllen sollen. Es geht also um Pharmazeuten, Ingenieure oder Physiker, die kein Lehramt studiert haben und nun im Expressverfahren in Didaktik und Pädagogik fortgebildet werden, damit sie ihr Fachwissen an Schulen einbringen können.

Die Konditionen klingen oft gut: Unbefristete Anstellung oder baldige Verbeamtung, volles Gehalt vom ersten Tag an. Doch Vorsicht, der Quer- oder Seiteneinstieg ist nicht ohne. Teilnehmer berichten mitunter von schlechter Organisation und hohem Arbeitspensum, auch von "rücksichtslosem Löcherstopfen".

Quereinsteiger in Schulen: Von null auf Lehrer

2016 wurden bundesweit rund 3000 Quereinsteiger eingestellt - doppelt so viele wie im Jahr davor. Die meisten davon rekrutierte Berlin, nämlich 864. Dort machten sie fast 29 Prozent aller Einstellungen in den öffentlichen Schuldienst aus, in Sachsen sogar 35 Prozent. An Platz drei und vier in der Statistik der Kultusministerkonferenz stehen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Was Seiteneinsteiger lernen und leisten müssen, ist je nach Bundesland verschieden. Auf SPIEGEL ONLINE verraten drei von ihnen, welche Tipps sie für den Seiteneinstieg in Berlin, Sachsen und Nordrhein-Westfalen geben würden. Weiter unten finden Sie außerdem eine Liste mit Links, unter denen Sie sich auch informieren können.


Sarah Melzer, 30, Chemnitz, Maschinenbauerin
Sarah Melzer mit Familie
Sarah Melzer

Sarah Melzer mit Familie

"Ich habe Maschinenbau studiert und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni in Chemnitz gearbeitet, bis mir das mit den befristeten Arbeitsverträgen zu prekär wurde. Deshalb bewarb ich mich um ein Referendariat.

Ich hätte gleich an einer Schule mit vollem Deputat und voll bezahlt unterrichten können. Dann hätte ich einen Weiterbildungstag pro Woche gehabt und neben dem Lehrerjob innerhalb von fünf Jahren mein Zweites Staatsexamen nachmachen müssen.

Eine Freundin ist diesen Weg gegangen und hat mir abgeraten. Ich bin froh, dass ich zuerst ein einjähriges Referendariat gemacht habe. So hatte ich in den ersten drei Monaten nur sechs Unterrichtsstunden, in denen immer ein Mentor dabei war, also ein Lehrer derselben Schule, der dasselbe Fach unterrichtet.

Man bekommt dann zwar auch nur so viel Gehalt wie die Lehramtsstudenten. Aber die sechs Stunden waren mit Vorbereitung und dem wöchentlichen Theorietag hart genug. Wenn später noch sechs Stunden dazukommen, hat man wenigstens schon etwas didaktisches Grundwissen.

Ein paar Dinge haben sich geändert, seit ich meine Ausbildung begonnen habe. Das Referendariat dauert inzwischen zum Beispiel eineinhalb Jahre und nicht mehr nur eins. So hat man ein bisschen mehr Zeit, denn die Ausbildung ist wirklich anspruchsvoll.

Ich konnte bei der Bewerbung angeben, an welche Schule ich wollte - und ich hatte Glück, ich kam nach Chemnitz. Doch es gibt auch Kollegen, die aufs Land geschickt werden. Wir sollen ja helfen, einen Mangel zu beheben und deshalb kann nicht jeder Wunsch erfüllt werden.

Ich unterrichte an einer Handwerkerschule in Chemnitz und habe jetzt 26 Wochenstunden. Anfangs war das hart. Ich wollte den perfekten Unterricht machen, wie wir es im Referendariat gelernt hatten. Aber so macht man sich kaputt.

Ich musste lernen, mich nicht in Details zu verlieren. Der Unterricht kann trotzdem gut werden, auch wenn man eine Stunde mal nicht hundertprozentig durchgeplant hat."


Aldo Brunetti, 32, Düsseldorf, Physiker
Aldo Brunetti
Privat

Aldo Brunetti

"Das Referendariat dauert für Seiteneinsteiger zwei Jahre und nicht nur eineinhalb, weil man in den ersten sechs Monaten einen Crashkurs und eine Prüfung in Pädagogik macht. Danach unterrichten wir rund 17 bis 18 Wochenstunden eigenverantwortlich - etwa zehn Stunden mehr als Lehramtsreferendare.

Meine Fächer sind Mathe und Physik an einem Berufskolleg in Düsseldorf. Zwei Stunden in der Woche treffe ich mich mit meinen Betreuern, zwei anderen Lehrern des Berufskollegs. Sechs Stunden wöchentlich besuche ich Theorieseminare an einem Zentrum für Lehrerausbildung, zusammen mit anderen Seiteneinsteigern und Referendaren.

Hier finden Sie Infos zum Quereinstieg...
... für Berlin
Der Bildungssenat informiert auf dieser Seite über Bewerbungsfristen, Ansprechpartner und andere Formalien.

Die Bildungsgewerkschaft GEW hat hier und hier wichtige Infos zum Quereinstieg gesammelt.
... für Sachsen
Sind Sie für den Seiteneinstieg geeignet? Wie hoch wird Ihr Gehalt sein? Antworten auf zehn wichtige Fragen und die nächsten Einstellungstermine finden Sie hier.

Auf der Seite des Kultusministeriums erzählen außerdem junge Lehrer, warum sie ihren Beruf mögen.
... für Nordrhein-Westfalen
Wie man per berufsbegleitender Ausbildung in Nordrhein-Westfalen zum Lehrer wird, erfahren Interessierte auf der Seite des Bildungsministeriums.

Freie Stellen, auf die sich Seiteneinsteiger bewerben können, sind in dieser Datenbank zusammengefasst.

In Nordrhein-Westfalen bewirbt man sich als Seiteneinsteiger direkt bei der Schule, an der man arbeiten möchte. Vor dem Bewerbungsgespräch sollte man sich genau überlegen, warum man Lehrer werden will. Und man sollte sich die Schule sehr genau aussuchen.

Wenn die Betreuung nicht gut ist, wird die Ausbildung noch stressiger, als sie es sowieso schon ist. Denn man ist für jede Stunde und für jede Note selbst verantwortlich und lernt die Methodik erst nach und nach. Ich kenne Seiteneinsteiger, die nach einigen Monaten abgebrochen haben und zurück in die Industrie gegangen sind.

Das Leben eines Seiteneinsteigers ist einerseits fordernd und kompliziert und andererseits befriedigend, zum Beispiel wenn ich Schüler motivieren kann und sie gute Noten schreiben. Manchmal gebe ich auch Tipps in allgemeinen Lebensfragen.

Ich arbeite teilweise mehr als 40 Stunden in der Woche. In der Prüfungszeit kommen abends noch einige Stunden hinzu, in den ersten Monaten hatte ich kein freies Wochenende. Doch es lohnt sich, denn die Schulen brauchen uns dringend und wir sind von Anfang an bezahlt und angestellt wie vollwertige Lehrer.

Man kann den Seiteneinstieg auch in Teilzeit machen. Wenn man eine Familie hat, ist das sinnvoll."


Biochemikerin*, 40, Berlin
Junge Lehrerin (Symbolbild)
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Junge Lehrerin (Symbolbild)

"Ich hatte keinen Einfluss darauf, an welcher Schule ich lande, das ist in Berlin Glückssache.

Quereinsteiger kommen generell eher an schlechtere Schulen, da sie erst in der zweiten Bewerbungsrunde dran sind, wenn die begehrtesten Lehrerstellen schon anderweitig besetzt sind.

An meiner Schule habe ich keine Betreuung, obwohl ich mehrfach darum gebeten habe. Es hieß, ich könne die Kollegen ja jederzeit fragen. Aber alle haben so wenig Zeit. Dabei bekommt die Schule für die Betreuung jedes Quereinsteigers zwei Extrastunden in der Woche.

Ich musste eine Chemiegruppe in einem normalen Klassenraum unterrichten, obwohl ich später experimentell geprüft werde. Wenn ich mit den Schülern wenigstens mal in Ruhe arbeiten könnte, aber in beiden Halbjahren wurden die Gruppen für den Naturkundeunterricht mittendrin neu gemischt.

Ich habe an einer Integrierten Sekundarschule angefangen und hätte gleich im ersten Halbjahr probieren sollen, die Schule zu wechseln. Das versuche ich jetzt, doch vom Antrag bis zum Wechsel dauert es ein halbes bis ein Jahr und das geht bei mir nur, weil ich in Elternzeit bin. Das ganze Referendariat dauert schließlich nur 18 Monate.

An meiner Schule habe ich nichts gelernt und war im ersten Halbjahr ziemlich verloren. Im zweiten Halbjahr habe ich mich an die Lehramtsstudenten gehalten, mit denen ich Seminare belege, und ich habe viel über Methodik und Theorie gelesen. Andere Seiteneinsteiger sind an ihren Schulen besser betreut. Ich hoffe, dass ich mit der nächsten Schule mehr Glück habe."

* Die Quereinsteigerin bleibt auf eigenen Wunsch anonym.



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jayjayjayjay 27.11.2017
1. In 6 monaten
Das erreichen was andere in 3 jahren erreichen, allein der pädagogikteil bedeutet mehr als 70 stunden die woche uni darauf nochmal das doppelte an Zeit zuhause wenn man das nach einem Semester machen will und da sind Fachbezogene Didaktikanteile nicht mitgerechnet, das ist nicht realistisch aber angenommen es gibt keine zwei klassen an pädagogen, dann muss es so sein. 1 1/2 jahre anstatt 1 bedeutet auch nur ein halbes jahr weniger volle bezahlungen, irgendwie bin ich froh meine uni nicht auf den studienplatz verklagt zu haben
intelligenzbestie22 27.11.2017
2. Nur für junge Leute geeignet
Als altgediente Lehrerin beobachte ich schon seit einigen Jahren die Seiteneinsteiger an meiner Schule. Es wird viel gejammert, wie stressig doch alles sei. Das kommt auch in diesem Artikel deutlich zum Ausdruck. Wir "Altgedienten"hatten teilweise viel härtere Bedingungen in der Ausbildung. Da aber der Lehrerberuf zum absoluten Stressberuf mutiert ist, sollte man sich wirklich gut überlegen, ob man sich das dann auf Dauer zutraut, vor allem, wenn man vorher ruhig am Schreibtisch oder im Labor gearbeitet hat. Außerdem sollte das Interesse an den Schülern im Vordergrund stehen und nicht nur die Aussicht auf eine bessere persönliche Versorgung.
frauvonm 27.11.2017
3.
Ich finde es doch immer wieder erstaunlich, dass im Bereich der Bildung auf Quereinsteiger gesetzt wird. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es genug studierte Lehramtsanwärter gibt, die aufgrund starrer Regelungen und Fristen zum Teil ein Jahr oder länger auf einen Platz warten. Warum setzt man also nicht erstmal dort an, bevor man Nicht-Pädagogen holt, die Lehrer werden wollen, um prekären Arbeitsbedingungen zu entfliehen? Oder soll ich mir meine Zähne demnächst auch vom Urologen machen lassen, weil der ja auch mal irgendwie Medizin studiert hat...?
reader0815 27.11.2017
4. Lehramtsstudium ad absurdum geführt
Vorweg: Die Quereinsteigermania ist das Ergebnis einer desaströsen Personalpolitik im Bildungsbereich, die das Thema Altersstruktur fast völlig ausgeblendet hatte. Und das offenbar in fast allen Bundesländern. Nun müssen quasi die schlagartig immer größeren Löcher gestopft werden. Quereisteiger sollen nun des Problems Lösung sein? In einem gesunden Maß können Quereinsteiger eine Bereicherung sein. Keine Frage. Aber darf man sie ohne vorherige!! pädagogische Ausbildung ungeprüft mit vollem Deputat auf Klassen loslassen? Haben die betroffenen Schüler kein Recht auf qualitativ hochwertigen Unterricht? Die Seiteneinsteiger sind in dieser Phase oft völlig überfordert. Es braucht eben nicht nur Fachwissen sondern auch eine persönliche Eignung für den Beruf. Nicht selten scheitert der Quereinstieg auch. Na dann haben die Schüler, oder soll man sagen "Versuchskaninchen", eben Pech gehabt?! Ein Lehramtsstudium dauert für Bereich der Sekundarstufe II 5 Jahre + 2 Jahre Referendariat. Es ist stark auf den Lehrerberuf spezialisiert und insbesondere im Referendariat zeigte sich überprüfbar, wer den pädagogischen Anforderungen gerecht werden kann. Wer soll sich denn dieser langen Laufbahn noch zuwenden, wenn auch solche, die in anderen Bereichen scheiterten und/oder beim Lehrerberuf nur an Ferien und Verbeamtung denken, mit Erfolg anheuern können? Insofern sollte man sich klar werden, welche Wege künftige Lehrer in den Unterricht führen sollen und welche Rückwirkungen die Seiteneinsteigerpraxis auf die Akzeptanz der Lehramtsstudiengänge haben werden. Es ist allerdings zu befürchten, dass neben dem reinen Stellenmanagement (Löcherstopfen) das Qualitätsmanagement wiedermal zurückbleibt. Verlierer wird dann wieder einmal das Niveau des Bildungswesens in unserem Land sein.
keiler70 27.11.2017
5. Es ist eine Schande
Schule und Bildung sind seit Jahrzehnten Spielball und Experimentierfeld insbesondere linker Ideologen. Schlimm genug. Wie aber gerade die Armenhäuser der Republik, Berlin, NRW und auch mein geliebtes Niedersachsen mit seiner letzten verbliebenen Resource, Humankapital, umgeht, ist eine Affenschande! Daran, daß da jahrgangsweise kleine Menschen auf der Strecke bleiben, darf ich gar nicht denken!
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