Umfrage unter 2000 Pädagogen Lehrer beklagen schlechte Handschrift bei Schülern

Falsche Stifthaltung, unleserliche Schrift: In einer Umfrage gaben 79 Prozent der Lehrer an, ihre Schüler hätten zunehmend Probleme mit der Handschrift. Manche Pädagogen würden am liebsten wieder Schriftnoten vergeben.

Schüler einer 5. Klasse in Baden-Württemberg (Archivbild): "Verkrampfte Hand"
DPA

Schüler einer 5. Klasse in Baden-Württemberg (Archivbild): "Verkrampfte Hand"


"Das Lernen wird erschwert, da die Schüler ihre eigene Schrift nur mit Mühe lesen können", teilt ein Lehrer einer weiterführenden Schule in Nordrhein-Westfalen mit. Der Pädagoge hat sich neben rund 2000 Kollegen aus ganz Deutschland an einer Umfrage des Lehrerverbands zum Thema Handschrift beteiligt.

Das Ergebnis der Befragung: Lehrer sorgen sich zunehmend um die Handschreib-Kompetenzen ihrer Schüler - diese hätten sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Nur 38 Prozent ihrer Schüler, sagen die Lehrer, könnten 30 Minuten oder länger beschwerdefrei schreiben. Fast alle Lehrer sahen zudem einen Zusammenhang zwischen der Handschrift eines Schülers und seinen schulischen Leistungen.

83 Prozent der Grundschullehrer gaben an, ihre Schüler brächten schlechtere Voraussetzungen als früher mit, ihre Handschrift gut zu entwickeln. Die häufigsten Probleme seien: verkrampfte Hand, falsche Stifthaltung und das Schreiben in Lineatur.

Lehrer von weiterführenden Schulen beklagten sich am häufigsten über eine unleserliche Schrift, zu langsames Schreiben und zu wenig Routine. Dabei hätten Jungen größere Probleme mit einer flüssigen Handschrift als Mädchen.

Zu wenig Zeit zum Üben?

Als Gründe nannten die Lehrer vor allem: schlechte Feinmotorik, zu wenig Übung zu Hause und die fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation. Auch dass in der Schule zu wenig Zeit für das Üben der Handschrift bleibe, ist aus Lehrersicht ein Problem. Abhilfe schaffen könnte nach Meinung einiger, Schriftnoten auch in weiterführenden Schulen einzuführen.

Lehrerverbands-Präsident Josef Kraus forderte die Kultusminister der Länder auf, das Thema Handschreiben verstärkt in den Blick zu nehmen. "Wir benötigen mehr Förderung der Grob- und Feinmotorik schon in den Kindertagesstätten und dann in den Grundschulen", erklärte er. Erzieherinnen und Grundschullehrer benötigten dafür mehr Unterstützung. Kraus kritisierte außerdem die Arbeit mit Lückentexten und Multiple-Choice-Tests an Schulen sowie die Vielzahl von Fotokopien, mit denen Schüler eingedeckt würden.

Nicht nur mangelnde Handschreib-Fähigkeiten werden immer wieder diskutiert, es gibt auch Überlegungen, künftig auf das Erlernen der Schreibschrift zu verzichten. So wollen zum Beispiel die Schweiz und Finnland in Zukunft auf Lernen am Computer setzen, das Erlernen einer Handschrift wird damit auf lange Sicht überflüssig.

"Ausdruck der Persönlichkeit"

Die Präsidentin der deutschen Kultusministerkonferenz (KMK), Brunhild Kurth (CDU), will die traditionelle Schreibschrift jedoch erhalten: "Die zunehmende Digitalisierung können wir nicht aufhalten. Umso wichtiger ist es, dass die Schule dafür sorgt, dass alle Schüler eine individuelle und lesbare Handschrift entwickeln", sagte die sächsische Bildungsministerin. "Dazu gehört auch, dass, wann immer möglich, also auch in den höheren Klassen, mit der Hand geschrieben wird."

Es gehe um den Erhalt motorischer Fähigkeiten - und um mehr: "Handschriftliches kann man nicht einfach löschen, man muss gut überlegen, bevor man schreibt. Damit wird das strukturierte Denken gefördert", sagte Kurth. Und: Handgeschriebenes sei "Ausdruck der Persönlichkeit, es macht möglich, sich selbst als Individuum zu begreifen."

Vote
Schreiben mit der Hand

Brauchen Schüler heute noch die Schreibschrift?

lgr/AFP/dpa

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ober_Gumbo 01.04.2015
1. Ideologisches Desaster
Nachdem die Schüler der ersten Klassen nun also die letzen Jahr(zehnt)en von einer ideologisierten Schriftlehre und wieder zurück getrieben wurden, wundert man sich nun, dass der ganze Murks zu einer schlechten Handschrift führt. Das wundert keine Eltern, denn die müssen sich jeden Tag mit dem Murks von Einheitsschrift, Gurkenschrift und sonstigen ideologischen Rohrkrepierern auseinandersetzen müssen. Und die sog. "schwachen" Kinder, denen man ideologisiert helfen wollte, leiden am meisten, weil da da Elternhaus nicht gegensteuern kann. Typisch linksgrün: Gut gemeint, schlecht gemacht - und am Ende leiden alle.
dergrosseonkel 01.04.2015
2.
Meine drei Kinder haben in der Grundschule fast ausschließlich Druckschrift geübt, so stand es im Leh(e)rplan. Diktate gab es kaum und Rechtschreibung war unwichtig.Und jetzt wundert sich die Lehrerschaft über eine des Handschriftlichen unkundige Schülerschaft. Das das jetzt kommt war absehbar. Es lebe das sich selbst vermehrende Mittelmaß...
lini71 01.04.2015
3. Ah ja
Ich habe auch schon immer eine Sauklaue gehabt, hat mich in Deutsch und Geschichte immer Punkte gekostet. Was wäre ich froh gewesen, dass anders schreiben zu dürfen. Meine Feinmotorik ist halt schwach. Bin gerne für Schriftnoten, wenn genauso es Noten für das perfekte Bedienen von Computern gibt, weil auch Kernkompetenz heutzutage... Aber dagegen gibt es bestimmt einen Aufschrei der Lehrer Kollegen, weil dass können die auch nicht...
kirschkernbeisser 01.04.2015
4. vorprogrammiert!
Seit die Schüler und Schülerinnen die vereinfachte Grundschrift lernen, ist die Lesbarkeit handgeschriebener Texte in der Tat schlechter geworden. Wenn sie dann später noch zu einer "ausgeschriebenen " Handschrift wird, kann man manche Buchstaben nicht mehr unterscheiden, auch der Schreiber nicht.
fränk 01.04.2015
5.
Es gibt wahrscheinlich auch genügend Schüler, die die Schrift ihrer Lehrer nicht lesen können. Dass die Vorgängergeneration natürlich eh immer in Allem besser war versteht sich von selbst. Alter Hut!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.