Ruck-Rede bei Abschlussfeier "Ihr seid nichts Besonderes!"

Ihr seid verhätschelt und verwöhnt, bildet euch nicht ein, etwas Besonderes zu sein: Bei der Abschlussfeier einer elitären US-Highschool hat ein Englischlehrer seinen Schülern diese harten Worte mit auf den Lebensweg gegeben. Jetzt wird er im ganzen Land dafür gefeiert.

Von Heike Sonnberger

David McCullough Jr. bei der Abschlussfeier: "Verhätschelt, verwöhnt, umschwärmt"
Youtube

David McCullough Jr. bei der Abschlussfeier: "Verhätschelt, verwöhnt, umschwärmt"


"Bildet euch nicht ein, ihr wärt etwas Besonderes. Denn ihr seid es nicht." Diese Worte hat ein Englischlehrer in den USA den Absolventen seiner elitären Highschool mit auf den Weg gegeben - und ist seither ein Star im Netz. Die Rede hielt David McCullough Jr. bereits am 1. Juni bei der Abschlussfeier an der Wellesley High. Seit Ende vergangener Woche kann man sie auf YouTube ansehen. Dort wurde sie mehr als eine halbe Million Mal angeklickt, zahlreiche amerikanische Medien und Blogs berichteten über die Ansprache.

McCullough wollte dem Absolventenjahrgang der staatlichen Schule in einem gut betuchten Vorort von Boston die Augen öffnen, bevor er sie in die weite Welt entließ. Und er gab sich keine große Mühe, seine Botschaft nett zu verpacken: "Ihr wurdet verhätschelt, verwöhnt, umschwärmt, geschützt, in Luftpolsterfolie gesteckt", sagte er zu den Schülern vor ihren Familien und Freunden und der versammelten Schulleitung. "Ihr wurdet gefeiert und hofiert und 'Schätzchen' genannt." Doch die Wahrheit sei: "Ihr seid nicht besonders. Ihr seid nicht außergewöhnlich."

Das belegte David McCullough, Sohn des gleichnamigen Autors und Historikers, auch mit Zahlen. Im ganzen Land machten gerade 3,2 Millionen Schüler an mehr als 37.000 Schulen ihren Abschluss. Das seien 37.000 Abschiedsredner und 37.000 Klassensprecher. "Selbst wenn es unter einer Million Menschen niemanden gibt wie dich, leben auf einem Planeten mit 6,8 Milliarde fast 7000 Menschen, die genauso sind wie du."

Die Realität ignorieren für ein paar Auszeichnungen

Der Lehrer stützte sich mit beiden Händen auf ein Holzpult, die Lesebrille rutschte ihm fast von der Nase, als er amerikanische Eltern karikierte, die es zu gut mit ihren Kindern meinen, und die Gesellschaft für ihr hohles Streben nach Auszeichnungen kritisierte. "Wenn jeder eine Trophäe bekommt, werden Trophäen bedeutungslos", sagte er. "Wir Amerikaner sind neuerdings, zu unserem Schaden, mehr in Auszeichnungen verliebt als in echte Errungenschaften." Um sich einen Pokal auf den Kaminsims stellen zu können, sei man gern bereit, die Standards zu senken und die Realität zu ignorieren.

McCullough sprach wie ein wohlwollender Vater und brachte die Anwesenden immer wieder zum Lachen. Er schloss seine Ansprache mit einem Rat: Ein erfülltes Leben falle niemandem in den Schoß, weil er ein netter Mensch sei oder weil Mutti es beim Partyservice bestellt habe. "Klettert nicht auf den Berg, um dort eure Fahne hinzupflanzen, sondern um die Herausforderung anzunehmen, die Luft zu genießen und die Aussicht zu betrachten. Besteigt ihn, damit ihr die Welt sehen könnt, nicht damit die Welt euch sehen kann." Er forderte seine Schüler auf, sich für andere einzusetzen und stets das zu tun, was sie am meisten lieben - weil sie es lieben, und nicht, weil es gut im Lebenslauf aussieht.

Fast überall stießen McCulloughs Worte auf Zustimmung. "An diese Rede werden sich die Leute erinnern, weil er Dinge gesagt hat, die jeder weiß, trotzdem traut sich niemand, sie auszusprechen", zitierte ein Reporter von "ABC News" die Mutter eines Absolventen. "Unsere Kinder haben ein ziemlich behütetes Leben geführt."

Erfolgreiche Kinder als Statussymbole

Dem Bericht zufolge gehört McCullough zu den beliebtesten Lehrern der Schule. Die Absolventen hätten ihn selbst für die Abschiedsrede ausgesucht. Bereits vor sechs Jahren hielt er eine provokante Rede auf einer Abschlussfeier, in der er Schüler aufgefordert, ihre Zeit so gut es geht zu nutzen.

Die britische Zeitung "Daily Mail" nannte die diesjährige Rede eine absonderliche Tirade. Doch viele Kommentare gehen in eine andere Richtung. "Dieser Lehrer liebt seine Schüler eindeutig (…) und will, dass sie Erfolg haben", schrieb ein Leser.

McCullough sagte nach der Rede in einem Interview, erfolgreiche Kinder seien zu einem Statussymbol der amerikanischen Vororte geworden - und ihm selbst falle es als Vater manchmal schwer, dabei nicht mitzumischen. "Ich erhebe nicht meinen knochigen, puritanischen Zeigefinger", sagte er "ABC News". "Ich bin denselben Verlockungen ausgesetzt."



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insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
c_c 11.06.2012
1. wow...
solche Worte von einem Amerikaner? Krieg ich da Hoffnung oder was?
Crom 11.06.2012
2.
Die Schüler scheinen den Lehrer ja ausgesucht zu haben und offenbar war's nicht seine erste Rede dieser Art. Es ist wohl weniger anklagend sondern wohlwollend gemeint. Auch unser Land ist reich, leistet sich einen Sozialstaat und andere Wohlfahrten, dennoch wird allenthalben gemeckert und gejammert. Da wäre für manch einen eine solche Rede ebenfalls heilsam.
DJ Doena 11.06.2012
3.
Also ich hab mir die Rede gerade auf YT angehört und was er sagt, ist wohlwollend gemeint und nicht niedermachend. Zusammengefasst ist seine Rede, dass die abgehenden Schüler machen sollen, was sie wollen und was ihnen Spaß macht - denn wenn sie immer nur machen, was andere Leuten ihnen vorsetzen, werden sie kein glückliches Leben führen.
citizen_kane 11.06.2012
4. ?
Ich hab den Artikel jetzt zweimal gelesen aber immer noch nicht verstanden, was der Mann mit seiner Rede sagen will. Wie begründet er denn das, was er da sagt? Und woher glaubt er die Kompetenz zu besitzen, andere so abzuurteilen? Mir scheint, in dem Artikel fehlt die Hälfte.
angst+money 11.06.2012
5. ...
Zitat von c_csolche Worte von einem Amerikaner? Krieg ich da Hoffnung oder was?
Amerikaner können anscheinend leichter über ihren Schatten springen als Antiamerikaner.
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