Gleicher Beruf, ungleiches Einkommen Ich bin Lehrer, und so viel verdiene ich

In Berlin streiken die Lehrer - sie verlangen gerechtere Gehälter. Manche von ihnen sind Spitzenverdiener, andere Niedriglöhner. Hier verraten Lehrer, wie viel Geld sie für ihre Arbeit bekommen.

Lehrkräfte bei einer Kundgebung der GEW in Berlin
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Lehrkräfte bei einer Kundgebung der GEW in Berlin

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Tausende Lehrer wollen am Montag und Dienstag in Berlin nicht in die Schule gehen. Sie streiken. Dazu hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aufgerufen. Der Protest richtet sich gegen die ungleiche Bezahlung von Lehrern in der Hauptstadt. Die findet man ungerecht: Letztlich würden schließlich alle die gleiche Arbeit machen.

Unterschiede beim Lehrereinkommen gibt es aber nicht nur innerhalb Berlins, sondern auch bundesweit. Mehrere Hundert Euro - so groß kann die Lücke zwischen den Nettogehältern von Lehrern in Deutschland sein. Sie hängt davon ab, in welchem Bundesland Lehrer arbeiten, an welcher Schulform sie unterrichten, wie alt sie sind und ob sie verbeamtet oder angestellt sind.

Die Gründe für die Unterschiede sind verschieden: Sie haben unter anderem damit zu tun, dass jedes Land die Bezahlung seiner Beamten in Eigenregie regelt und dass die Lehrerausbildung nicht immer für alle Schulformen gleich war.

Bundesweit betrachtet könnten die Einkommensunterschiede in Zukunft sogar größer werden. Denn für bestimmte Regionen, Schulformen und Fächer fehlen Lehrer, und die sollen teilweise mit mehr Geld geködert werden, zum Beispiel in Berlin.

Wettstreit um Lehrer: Wir zahlen besser!

Die Bildungssenatorin versucht Lehrkräfte woanders abzuwerben - auch mit dem Versprechen: Wir zahlen besser! Berlin hat das Einstiegsgehalt deshalb etwas aufgestockt. Andere Länder locken zum Beispiel mit einer Verbeamtung.

Um den Lehrermangel in den Griff zu bekommen, setzen einige Politiker außerdem auf Menschen ohne Lehramtsabschluss. In Berlin wurden allein in diesem Schuljahr einige Hundert Quereinsteiger eingestellt. Anders als für "richtige Lehrer" gibt es für sie oft keine einheitlichen Verdienstregeln.

Wie groß die Gehaltsunterschiede zwischen Lehrern in Deutschland insgesamt sind, lässt sich nur begrenzt an Besoldungs- und Entgelttabellen ablesen. Die Bezahlung ist schwer zu vergleichen, auch weil Regeln zur Verbeamtung, zu Arbeitszeiten, Abgaben und Zuschlägen immer wieder anders ausfallen. Anschaulicher wird es, wenn Lehrer selbst erzählen. SPIEGEL ONLINE hat fünf Lehrer gefragt: "Was verdienen Sie?"

Quereinsteigerin in Berlin: Gleiche Arbeit, weniger Geld

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"Ich bin vor vier Jahren als Quereinsteigerin in den Beruf gekommen und verdiene deshalb deutlich weniger als meine Kollegen: 3145 Euro Brutto. Das sind für mich mit zwei Kindern und Mann 2224 Euro netto pro Monat. Die meisten meiner Kollegen sind drei Entgeltgruppen über mir, bekommen also einige Hundert Euro mehr. Manchmal ärgere ich mich darüber, weil ich die gleiche Arbeit mache und außerdem Kompetenzen mitbringe, die andere nicht haben und die für meine Arbeit wichtig sind.

Ich unterrichte 26 Stunden pro Woche in zwei Willkommensklassen an einem Berliner Gymnasium mit je 12 Schülern zwischen 12 und 17 Jahren, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben und für den regulären Unterricht fit gemacht werden sollen. Einige sind Flüchtlinge, andere kommen aus Diplomatenfamilien. Einige können weder lesen noch schreiben, manche sind schwer traumatisiert, andere sind Überflieger und schnell unterfordert.

Zwei Master, aber keinen Lehramtsabschluss

Die Arbeit ist fordernd, aber sie passt gut zu mir, weil ich selbst lange Zeit im Ausland gelebt habe. Ich habe einen Master of Arts der Universität Oxford in Italienisch und Spanisch und einen Master of Science der Universität London gemacht. Danach war ich mehrere Jahre in Südamerika, wo ich an einer Universität in Chile geforscht und unterrichtet habe. Um Fremdsprachen zu vermitteln, habe ich ein besonderes Zertifikat. Was ich nicht habe: einen Lehramtsabschluss nach deutschen Regeln. Das macht es mir in unserem Schulsystem schwer.

Ich hatte in den vergangenen Jahren immer wieder befristete Verträge, wurde oft nur bis zum letzten Schultag vor den Sommerferien beschäftigt und dann erst zum ersten Schultag wieder eingestellt. Weil ich zu dem Zeitpunkt keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte, musste ich dazwischen von Hartz IV leben. Einmal war ich mehrere Monate arbeitslos, bekam dann wieder eine Stelle, wurde aber zeitweise nur in die Entgeltgruppe E6 eingruppiert. Damit bekam ich 985 Euro netto für eine Vollzeitstelle. Die Begründung der Sachbearbeiterin: 'Sie haben ja keine wissenschaftliche Ausbildung.'

Das hat mich schwer getroffen, dass mein Studium und meine Berufserfahrung im Ausland hier einfach nicht richtig zählen. Solche Erfahrungen machen auch die Schüler, die ich unterrichte, und ihre Familien in Deutschland immer wieder. Das finde ich sehr ungerecht. Um das gleiche Gehalt wie meine Kollegen zu bekommen, müsste ich jetzt fünf Jahre Lehramt studieren und ein Referendariat machen. Ich beschwere mich aber nicht. Ich weiß, dass es Lehrer in anderen Ländern oft schwerer haben und deutlich weniger verdienen als in Deutschland."

Jennifer Herbst, 40, Quereinsteigerin an einem Gymnasium in Berlin, befristet angestellt, verheiratet, zwei Kinder

Studienrätin: "Ich komme oft auf eine 60-Stunden-Woche"

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"Ich unterrichte Deutsch und Spanisch an einem Gymnasium in Hamburg, von der 5. Klasse bis zur Oberstufe. Als Studienrätin bekomme ich jetzt 4992 Euro brutto im Monat, inklusive Kindergeld und Familienzuschlag für ein Kind. Davon gehen noch Lohnsteuer und der Beitrag zur privaten Krankenversicherung ab, sodass ich am Ende rund 3700 Euro habe.

Mein Referendariat habe ich vor einigen Jahren in Berlin gemacht. Aber damals gab es dort nur befristete Stellen und keine Aussicht auf einen Beamtenstatus. Deshalb habe ich mich vor mehreren Jahren in Hamburg beworben. Hier bin ich verbeamtet und kann als Alleinerziehende mit meinem Kind gut von meinem Gehalt leben, aber ich muss auch viel dafür arbeiten.

Zurzeit unterrichte ich 21 Stunden pro Woche, aber das ändert sich von Schuljahr zu Schuljahr. In Hamburg gibt es ein besonderes Arbeitszeitmodell, wonach die Stundenzahl nach verschiedenen Faktoren wie Fächern und Klassenstufe berechnet wird. Für alle Lehrer gilt, dass sie 46 Stunden pro Woche arbeiten sollen, weil drei Monate Schulferien eben nicht als Urlaub gelten.

In Wirklichkeit arbeite ich in der Schulzeit oft 50 bis 60 Stunden pro Woche: Unterricht vorbereiten, Arbeiten korrigieren, einen Schüleraustausch organisieren, einzelnen Schülern helfen - ich mache das alles gerne, aber neben der Schule bleibt mir kaum Zeit für andere Dinge."

Studienrätin, 53, in Hamburg, verbeamtet, ein Kind

Grundschullehrerin: "Das ist kein Halbtagsjob"

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"Ich bin jetzt seit zwei Jahren in dem Beruf und verdiene als verbeamtete Grundschullehrerin 3233,63 Euro brutto im Monat, 2303,29 Euro netto. Dafür muss ich 28 Stunden pro Woche unterrichten. Das heißt aber nicht, dass ich einen lauen Halbtagsjob hätte, so wie sich das manche Leute vorstellen.

Ich bin Klassenlehrerin an einer Grundschule mit offenem Ganztag. Damit verbringe ich fast jeden Tag von morgens 7.45 Uhr bis nachmittags um 15/16 Uhr in der Schule, weil ich noch eine Computer-AG leite, Hausaufgaben betreue, eine Sprechstunde für Eltern anbiete, in einigen Fällen auch Kontakt zum Jugendamt halte sowie zu Ergotherapeuten oder Logopäden.

Wenn ich nach Hause komme, bereite ich meist noch Unterricht vor. Als Grundschullehrerin unterrichte ich fast alle Fächer, auch die, die ich nicht studiert habe. Deshalb muss ich mich in einige Themen aufwendig einarbeiten. Ich arbeite oft 40 bis 45 Stunden pro Woche.

Für die Grundschule habe ich mich sehr bewusst entschieden, aber ich finde es ungerecht, dass ich schlechter bezahlt werde als zum Beispiel die Kollegen am Gymnasium. Man hat das lange damit begründet, dass ihr Studium länger dauert, aber die Ausbildungszeiten werden jetzt angeglichen. Ich finde, dann sollte man auch das Gehalt angleichen."

Hannah Heisterkamp, 28, Grundschullehrerin in Duisburg, NRW, verbeamtet, ledig.

Lehrerpaar: "Wir sind ein Super-Beispiel für ungleiche Bezahlung"

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"Meine Frau und ich arbeiten an einer Grundschule und merken jeden Monat auf der Gehaltsabrechnung, wie groß die Unterschiede zwischen Tarifbeschäftigten und Beamten sind. Meine Frau ist Beamtin und hat ein Bruttogehalt von 4461,22 Euro. Ich bin Tarifbeschäftigter und verdiene 4595,21 Euro. Brutto bekomme ich also etwas mehr als sie, aber Netto sieht die Sache ganz anders aus.

Nach Abzug von Lohnsteuer, Krankenkassenbeitrag, Rentenversicherung etc. bleiben mir 2573,46 Euro, meiner Frau dagegen 3028,80 Euro, weil sie als Beamtin keine Sozialabgaben und einen etwas geringeren Krankenkassenbeitrag zahlt. Das macht also jeden Monat einen Unterschied von mehr als 400 Euro aus. Wenn ich in einigen Jahren meine Rente bekomme und sie ihre Pension wird die Differenz mit Sicherheit nicht kleiner sein. Das ist absurd, denn wir machen doch genau die gleiche Arbeit.

Wir haben die gleiche Ausbildung, sind beide gleich alt, arbeiten beide Vollzeit, unterrichten also 27 Stunden pro Woche, sind im Schnitt 50 Stunden pro Woche im Einsatz und haben sogar die gleichen Fächer - Deutsch, Mathematik, Heimatkunde und Kunsterziehung."

Lehrerehepaar, Thüringen, angestellt/verbeamtet, verheiratet, Kinder



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Seite 1
ford_mustang 20.06.2016
1. 80% der Restbevölkerung
empfindet die Zahlen als Luxusproblem.
ferdi111 20.06.2016
2. Also dann...
nicht meckern und Bewerbungen abschicken! Für die Kohle gehen einige FREIWILLIG in den Steinbruch! Ich erkläre die Neiddebatte für beendet!
Velociped 20.06.2016
3. echte Unterschiede
Der Artikel zählt einige Gründe für deutliche Lohnunterschiede auf. Daran will leider niemand etwas ändern. Stattdessen wird ein Gesetzentwurf für die real minimalen statistischen Lohnunterschieden zwischen den Geschlechtern vorangetrieben. Für alle, die auf Grund ungerechter Tarifverträge oder fehlender Verbeamtung mit deutliche geringeren Löhnen leben müssen, ist dies ein Hohn. Wenn Lohngerechtigkeit wichtig ist, sollte sie insgesamt vorangetrieben werden. Da darf es keinen Unterschied machen, wer welches Geschlecht hat. Ein Gesetz nur für die Abschaffung von Lohndiskriminierung von Frauen gegenüber Männern zu machen aber Diskriminierung zwischen Frauen oder zwischen Männern oder von Männern gegenüber Frauen dabei komplett zu ignorieren ist sexistische Diskriminierung. Leider hat die Bundesregierung eine sehr verzerrte Vorstellung von Gleichberechtigung und Gerechtigkeit.
nogogirl 20.06.2016
4. Vergleichsweise
gute bis über durchschnittliche Verdienste! Warum meckern? Das Gras ist auf der anderen Seite des Zauns immer grüner. Ich bekomme als Doppeldiplomerin derzeit 75% (wegen Teilzeit) von 2.500?. Ich musste wegen Trennung den Job wechseln und lebe mit 2 kleinen Kindern von 1.360? netto plus Kindergeld plus Kindesunterhalt. Die Lehrer jammern auf, relativ gesehen, hohem Niveau. Trotzdem ist Deutschland ein Billiglohnländern. DAS ist das eigentliche Problem!
ondrana 20.06.2016
5.
Beispiel: Realschullehrkraft Niedersachsen: A12, keine sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld, etc. Realschullehrkraft Bayern: A13 plus Sonderzahlungen. Aber selbst, wenn Niedersachsen A13 zahlen würde - A13 in Bayern sind ca. 400 Euro Brutto mehr als in Niedersachsen. Fazit: Ein bayrischer Realschullehrer hat durchschnittlich 1000 Euro brutto mehr auf dem Konto monatlich. Da muss man sich nicht wundern, wenn alle frisch ausgebildeten guten Lehrkräfte, die nicht tief in Niedersachsen verwurzelt sind, in andere westliche Bundesländer abwandern. Das Ergebnis sehen wir jetzt an den niedersächsischen Schulen. Überall Mangel und es werden aus Not Leute eingestellt, die hätte vor 10 Jahren wegen ihrer Noten keinen Fuß über die Schwelle einer niedersächsischen Schule setzen dürfen.
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