Lehrergeständnisse "Lasst mehr Stunden ausfallen!"

Vertretungsstunden in der Schule sind Quatsch, sagt unser Autor. Er muss es wissen, schließlich ist er selbst Lehrer - und fordert von Kollegen und Eltern mehr Mut zum Unterrichtsausfall.

Tafelanschrieb
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Das neue Schuljahr läuft. Und in diesem Jahr scheint er so groß zu sein wie noch nie: der Lehrermangel. Das führt schon zu Beginn des Schuljahres zu Frust: bei Eltern, bei Politikern und bei Lehrern - und damit auch bei mir. Denn eins gibt es zur schlechten Lehrerversorgung gleich gratis dazu: viele Vertretungsstunden.

Aus der Erfahrung vergangener Schuljahre kann ich erahnen, dass es nicht lange dauern wird, bis der erste mittel- bis langfristige Krankheitsfall oder eine längere Abordnung eintrudelt - und damit der Stundenplan aller Kolleginnen und Kollegen mächtig durcheinandergewirbelt wird. Hinzu kommt, dass Vertretungslehrer schwer und nur nach langem, bürokratischem Hin und Her zu bekommen sind. Das heißt für den Rest von uns zunächst einmal: Vertretungsstunden. Und die sind in aller Regel unbezahlt.

Über den Daumen gepeilt waren 80 bis 90 Prozent meiner Vertretungsstunden in den vergangenen Jahren grober Unfug. Ich schaute Filmchen mit Klassen, die ich nicht kannte. Ich gab Arbeitsaufträge abwesender Kollegen weiter, bei denen ich den Schülern nicht helfen konnte - was dazu führte, dass die Nachbereitung in der nächsten Stunde noch einmal genauso viel Zeit in Anspruch nahm. Oder ich ließ die Schüler Hausaufgaben machen, was auch nur von den besonders Fleißigen ordentlich erledigt wurde.

Vertretung geht an die Substanz

Währenddessen sind meine dringend zur Regeneration oder zur Unterrichtsvorbereitung benötigten Hohlstunden einfach verschwunden - aufgezehrt von einer meist fremden Klasse, die verständlicherweise keine Lust hatte, mich zu schonen. Gerade in einer relativ kleinen Schule wie meiner nagt das schnell an der Substanz des gesamten Kollegiums.

Doch warum funktionieren Vertretungsstunden so schlecht? Meist wird die Vertretung kurzfristig eingeplant, sodass kein adäquater Fachunterricht stattfinden kann. Man sitzt dann mit der Klasse die Zeit ab, spielt Galgenmännchen oder bearbeitet Arbeitsblätter aus irgendeinem Fundus, die die Fachschaft Englisch in wochenlanger Zusatzarbeit auf Wunsch der Schulleitung entworfen hat, die aber thematisch kaum zum aktuellen Unterricht der vergangenen Stunden passen.

Selbst wenn im Best-Case-Szenario ein Fachkollege die Stunden übernimmt, kann der sich nicht in jedes Thema einarbeiten, das die betreffende Klasse gerade behandelt. Nach fast jeder Vertretungsstunde denke ich mir, dass nicht nur ich, sondern auch die Schüler diese Zeit viel besser hätten verbringen können. Mit Kicken auf dem Schulhof, mit Lesen in der Bücherei, im Tratsch mit der besten Freundin und sogar mit Musikhören auf dem Smartphone.

"Aber die Aufsichtspflicht!"

Sind das nicht die wahren Gründe, warum die meisten Schülerinnen und Schüler verhältnismäßig gerne zur Schule gehen? Freunde treffen, das Wochenende planen und das Tischtennisspiel in der Pause; all die Dinge, die Abseits des Unterrichts stattfinden - zumindest bei mir war das früher so.

"Aber die Aufsichtspflicht!", höre ich meinen Schulleiter sagen. Das lasse ich für Grundschüler ja gerne gelten. Warum wir es aber Jugendlichen nicht zutrauen, sich auf dem Schulgelände zu beschäftigen oder den Heimweg eine Stunde früher anzutreten, können wohl nur die gewieften Juristen der Schulaufsicht beantworten.

Lehrergeständnisse
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Auf der Habenseite einer Vertretungsstunde stehen also die Beaufsichtigung der Schülerinnen und Schüler und bestenfalls, aber keinesfalls regelmäßig, ein winzig kleiner Lernfortschritt. Auf der Sollseite stehen unbezahlte Überstunden, die bei den noch gesunden Lehrern zu weiterer Belastung führen, und dazu unmotivierte Schüler, die sehr genau wissen, dass sie diese Zeit viel besser hätten verbringen können.

Daher mein Appell an alle verärgerten Eltern und nervösen Schulleitungen: Gönnt den Kindern die freie Zeit und lasst mehr Stunden ausfallen! Die meisten Jugendlichen haben in Zeiten von G8 und Co. ohnehin zu wenig Zeit für soziale Kontakte oder sportliche Aktivitäten. Die Schullaufbahn von Schülerinnen und Schülern wird nicht an der einen oder anderen Hohlstunde scheitern, und auch wir Lehrerinnen und Lehrer würden es euch danken.

Der Autor ist Lehrer an einem baden-württembergischen Gymnasium.

insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
scgtef 15.10.2018
1. An der Grundschule machen Vertretungsstunden immer Sinn.
Zumindest in Bayern, da liegt immer ein sog. Wochenplan auf dem Tisch und der Vertretungslehrer kann einfach weiter machen. An der Grundschule arbeiten in Bayern nur Lehrer, die für die Kernfächer ausgebildet sind. Trotzdem, besser als Lehrer aus dem eigenen Haus sind sog. mobile Reserven, die keine eigene Klasse haben. Sonst müssen nämlich häufig Förderstunden für die Schwächsten ausfallen, das gibt es leider viel zu oft.
Nania 15.10.2018
2.
Ich finde, dass der Lehrer hier vollkommen Recht hat. Das Absitzen einer Vertretungsstunde, obwohl danach Schulschluss ist, war schon vor 15 und mehr Jahren lächerlich, die meisten Stunden wurden auch durch Lehrer durchgeführt, die die Klasse nicht kannten und daher natürlich auch nicht wussten, wie weit man gerade im Stoff ist. Auf den Schulhof durften wir natürlich nicht - man hätte die anderen Klassen ja gestört. Selbst auf den Schulhof nicht, an den ganze zwei Unterrichtsräume angrenzten, die im Grunde nie genutzt wurden. Wir sollten natürlich über den Lehrermangel reden. Aber fachgerechter Unterricht mit einem vernünftigen Inhalt ist in unserem aktuellen System einfach nicht machbar. Wieso also unnötig Schüler und Lehrer verärgern/nerven/anöden/suchen-Sie-sich-was-aus? Eine Ausnahme gilt für Vertretungsstunden, die durch Klassen- oder Kurslehrer durchgeführt werden können. Dann besteht meistens die Möglichkeit - zumindest bei etwas älteren SchülerInnen - eine erste oder letzte Stunde im Laufe der nächsten Woche ausfallen zu lassen. Oder aber man hat halt eine Woche eine Stunde mehr Englisch.
emd 15.10.2018
3. Gar keine Schule mehr
Na, das hieße ja in letzter Konsequenz, daß man komplett auf die Schule verzichten kann, wenn man den Kindern mehr Zeit für andere Dinge gönnen soll. Dann muß der werte Herr Lehrer auch keine zermürbenden und kräftezehrenden Vertretungsstunden mehr leisten.
wauz 15.10.2018
4. Vertretungsstunden sind Symptom eines falschen Modells
Deutschland hat einen einzigen Unterrichtsstil: den lehrerzentrierten Unterricht. Lernen, so meint man (fälschlich), sei nur möglich, wenn da einer zwischen Pult und Tafel den Kasper gibt. Das ist zweifach falsch: erstens kann dieses Modell sogar funktionieren, wenn der "Lehrer" gar keiner ist, sondern ein engagierter Klassenkamerad, zweitens gibt es andere Formen der Gruppenarbeit, die ich funktionieren. Gruppenarbeit funktioniert natürlich nicht notwendigerweise spontan. Da sie aber nirgends irgendwo vorbereitet und gelehrt wird, behaupten Lehrer als angebliche Fachleute, dass es nicht möglich sei. Wenn das so stimmte, hätte es vor Bologna auch keine Unis geben dürfen...
Danares 15.10.2018
5. Themeneinarbeitung
Wenn Fachkollegen sich extra noch in Themen einarbeiten müssen, die eigentlich während des Studiengangs dran gewesen wären, dann kann ich die Misere verstehen. Pädagogik alleine reicht eben doch nicht aus, ohne das Fachwissen ist man nichts weiter als ein besserer Vorleser.
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