Lehrergeständnis Schulausflüge sind die Pest

Lehrer sind für die Sicherheit ihrer Schüler verantwortlich. Doch wer es genau nimmt mit den Vorschriften, kann eigentlich nur im Schulgebäude bleiben.

Sechstklässler auf Kanutour am Kummerower See (Archivbild)
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Sechstklässler auf Kanutour am Kummerower See (Archivbild)


Dreijährige planschen vor den Augen ihrer Eltern im seichten Wasser, etwas ältere Kinder springen vom Steg, Jugendliche bewerfen sich mit Schlingpflanzen - und die Schüler meiner 9. Klasse sehen ihnen aus sicherer Distanz vom Strand aus zu. Ich habe ihnen verboten, ins Wasser zu gehen. Ich habe kein Deutsches Rettungsschwimmabzeichen.

Lehrer gelten mit Recht als ängstlich und übervorsichtig. Das ist bisweilen sehr uncool, aber mit wem würden Sie Ihre Kinder auf Klassenfahrt schicken? Mit Elyas M'Barek aus "Fak ju Göhte" oder mit einem dieser Fahrradlehrer mit quietschgelber Warnweste und Knieprotektoren?

Diese Schmach an der Ostsee wollte ich trotzdem nicht noch einmal über mich ergehen lassen. Nie werde ich vergessen, wie mich die hübschen Blondinen neben uns von ihren Handtüchern aus anschauten, lachten und tuschelten, als ich den Jugendlichen klarmachte: "Ihr dürft nicht ins Wasser, ich habe keinen Rettungsschwimmer." Ganz zu schweigen von der Enttäuschung der Kinder. Genauso gut hätte ich sagen können: "Hört mal alle her, ich denke, ihr solltet es alle wissen: Ich habe keinen Hoden!"

Schon am nächsten Tag meldete ich mich für eine Fortbildung zum Rettungsschwimmer an. Das war nicht nur nützlich, sondern machte auch irre Spaß - allemal besser, als nachmittags in Seminarräumen herumzusitzen.

Nun sollte also der große Tag kommen, an dem ich die Kinder als strahlender Held zu Wasser lassen durfte. Ich hatte eine Tour mit Tretbooten geplant. Insgeheim wünschte ich sogar, dass jemand ins Wasser fallen würde, damit ich ihn dann heroisch retten könnte, eben doch ein wenig Elyas M'Barek.

Kanufahren? Nicht ohne Kanuführerschein!

Dann aber erreichte mich eine E-Mail des Bootsverleihs. Durch einen Buchungsfehler seien die Tretboote schon weg, sie könnten uns lediglich Kanus anbieten. Und schon wieder bewegte ich mich in kritische Gefilde: Für Kanutouren brauchen Lehrer in Hamburg zusätzlich einen Kanuführerschein.

Angesichts der Perspektive, sonst leer auszugehen, entschied ich mich für den größten und offensten Bootstyp, einen 6er-Kanadier, und hoffte, damit aus dem Schneider zu sein. Schließlich sind Tretboote ja auch erlaubt. Fast hätte ich dann den Elyas M'Barek gemacht und es gut sein lassen, aber dann fiel mir ein, dass ich so auch die begleitende Kollegin mit in den Sumpf des Verbrechens ziehen würde. Also rief ich zur Sicherheit bei der Behörde an und erfuhr dort: Nicht ohne Kanuschein.

Zum Glück hatte ich noch ein wenig Geld in der Klassenkasse und konnte einen so genannten Paddelbegleiter für Schulklassen vom Bootsverleih dazu buchen. Im Glauben, nun wirklich auf der sicheren Seite zu sein, standen wir endlich am Kanal und zwängten uns in die orangefarbenen Schwimmwesten.

Unser Begleiter war ein junger Student, Mitte 20, der offenbar die Nacht durchgefeiert hatte. Nachdem sich die Schüler per Blickkontakt geeinigt hatten, wer nun mit ins Lehrerboot müsste, stiegen wir in die Boote ein. Unser Begleiter machte einen großen Schritt, trat daneben - und fiel, platsch, mit voller Montur ins Wasser.

Während ich noch überlegte, ob nun der Moment gekommen sei, meine Rettungsfähigkeiten vor aller Augen unter Beweis zu stellen, berappelte er sich wieder und zog sich unter Schnappatmung an Land.

Kurze Zeit später stach ein Kanu mit zwei Ersatzbegleitern für meine Klasse in See. Gleiches Alter, sympathisch, entspannt. Nach einer schönen, aber unspektakulären Kanutour auf ruhigem Wasser kam ich mit ihnen ins Gespräch. Warum wir denn Paddelbegleiter bräuchten, fragten sie, die würde sonst niemand anfragen; nein, auch keine Schulklassen.

"Ich habe keinen Kanuschein", gab ich zu und fühlte mich wieder so ähnlich wie damals am Strand. "Aber ihr habt ja sicher einen?", hakte ich nach. "Kanufahren, das kann doch jeder", war die Antwort, "dafür braucht man keinen Schein". Schließlich bräuchte man ja auch keinen Fahrradschein. (Da bin ich mir übrigens gar nicht so sicher. Vor meinem nächsten Fahrradausflug frage ich besser noch mal bei der Schulbehörde nach.)

Fest steht: Meine Klasse war mit Paddelbegleitern ohne Kanuschein unterwegs. So habe ich also unfreiwillig dann doch noch den M'Barek gemacht. Aber als Lehrer stehe man sowieso immer mit einem Bein im Gefängnis, heißt es ja.

Zumindest habe ich jetzt einen Grund, weitere Seminarnachmittage durch Kanustunden zu ersetzen, denn zur nächsten Kanufortbildung melde ich mich an, garantiert.

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Der Autor ist Lehrer an einem Gymnasium.



insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
weltgedanke 31.07.2017
1.
Ich würde meine Kinder immer lieber einem Lehrer mitgeben, bei dem sie etwas erleben, bei dem ihre Neugierde geweckt wird, ihr Forscherdrang, bei dem sie frei sind, Dinge ausprobieren dürfen, und wo sie spüren, dass ihnen vertraut wird und ja, wo auch mal etwas schiefgeht und sie lernen, damit umzugehen. Sie jemandem "anzuvertrauen", der sie mit übertriebenen und leblosen Regeln drangsaliert (ob nun direkt oder indirekt), würde bei mir ein flaues Gefühl hinterlassen. Wie sollen sie da lernen, ihr Leben zu genießen und etwas daraus zu machen? Das Schwierige ist halt, dass es unmöglich ist, alle Regeln zu befolgen, die irgendwo stehen, ohne einen an die Klatsche zu kriegen. Das liegt daran, dass viele Regeln nie den Sinn hatten, irgendetwas zu verbessern, sondern sie haben nur den Sinn, dass ein paranoider Bürokrat sich absichert. Die Frage ist also gar nicht, ob man Regeln ignorieren muss, sondern wann und wo da die persönliche Schmerzgrenze liegt. Daran, wie man da für sich die Linie zieht, zeigt sich halt, wie viel Bürokrat man selbst ist oder anders gesagt: Wie wichtig es einem selbst ist, sich abzusichern. Kann man natürlich auf die Spitze treiben, jeder ist da sicher auch anders, aber irgendwann dürfte einem eventuell auffallen, dass man dabei seine Seele verkauft. Man lebt nämlich nicht mehr, sondern man wird gelebt. Oder anders gesagt: Man fühlt sich zwar womöglich sicher, aber es ist gar nichts Schützenswertes mehr da. Das dürfte ein ziemlich deprimierender Zustand sein, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich würde annehmen, dass jemand, der davon befallen ist, depressiv wird und keinen Sinn mehr im Leben sieht. Wie soll man auch, wenn gar kein Leben da ist, sondern nur Überleben? Mit dieser Frage komme ich zurück zum eingangs Gesagten: Wenn ich meinen Kindern etwas beigebracht wissen will, dann Leben.
jujo 31.07.2017
2. ...
Ich begleitete die Klasse meiner Tochter auf einen Fahrradausflug, 6te Klasse, ein Mädchen stürtzte, stark blutende Kniewunde, beide Lehrer leisteten erste Hilfe. Das Ziel war nahe, die Kinder kannten sich aus, Meine Halt! Rufe würden überhört, mir blieb nur hinterher fahren mit meinem alten Drahresel ohne Schaltung, Die Kinder sausten Innen durch eine scharfe Linkskurve, währe ein Auto gekommen, keine Chance. Ich atmete tief durch, nichts war passiert. Die Lehrer wären verantwortlich gewesen, hätten aber null Chancen gehabt einzugreifen.
kritischer321 31.07.2017
3. Ausflüge?
Auf keinen Fall. Sobald irgendetwas passiert ist der Lehrer in der Verantwortung und wird von seinen Vorgesetzten und dem Kultusministerium alleine gelassen. Außerdem wird die Mehrarbeit auch nicht entlohnt, sonder oft müssen die Lehrer ihre Kosten sogar noch selber tragen.
hagr 31.07.2017
4. Schöne Hysterie
Einmal passiert was. Alle überbesorgten steigen auf den Hysteriebandwagon. Pooitiker eilen zur Unterstützung und Gesetze und Richtlinien werden verschärft. Das Ende vom Lied: Auf einen der arbeitet kommen fünf die seine Fehler suchen und seine Dokumentationen prüfen. 2/3 seiner Arbeitszeit gehen mit dokumentieren drauf. Jeder, der überhaupt noch etwas tut, steht ständig mit einem Bein im Gefängnis. Keiner traut sich mehr etwas oder ergreift gar Initiative, alle gehen lieber, so weit es geht, auf Nummer sicher. Traditionelle Feste fallen aus, weil sich keiner mehr den Brandschutz leisten kann. Zum Grünärgern.
widastandiszwäglos 31.07.2017
5. @1 weltgedanke
Diese Meinung haben Eltern genau so lange, bis etwas trotz größter Sorgfalt passiert. In der Regel ist dann die Lehrkraft dran, insbesondere dann, wenn tatsächlich gegen Regeln verstoßen wurde, und seien sie noch so sinnlos. Es geht hier um die Existenz von Lehrern, nicht mehr und nicht weniger. Es gibt etliche Aktivitäten, die ich mit meinen Kindern unternehmen würde. Aktivitäten, die ich für sicher halte. Aber mit Schülern? Bei der hiesigen Rechtsprechung niemals! Das Ding mit dem Kanuführerschein ist das perfekte Beispiel. Seit Jahren bin ich privat mit dem Kanu unterwegs, habe aber keinen Führerschein. Ich werde den Teufel tun und ohne den Schein mit Schülern eine Fahrt unternehmen.
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