Humor-Seminar für Lehrer "Sah das nicht ein bisserl deppert aus?"

16 Lehrer tanzen, boxen, phantasieren und wollen dabei vor allem witzig sein. Im Humor-Seminar der bayerischen Schauspielerin Katja Lechthaler trainieren sie eine der wichtigsten Lehrer-Eigenschaften: vor der Klasse locker bleiben.

Von Christian Bleher

Christian Bleher

Alle mal einen Kreis bilden, bitte, Spontanvortrag! Referentin Katja Lechthaler verkündet: "Thema: Mein schlimmstes Schulerlebnis." Da stehen sie, 14 Lehrerinnen und zwei Lehrer, fixieren einander, starren auf den Boden, an die Decke. Bloß nicht dieser Frau in die Augen sehen. Eine Minute lang unvorbereitet drauflosreden, vor allen, wer hat darauf schon Lust an diesem Samstagmorgen? Doch statt jemanden aufzurufen, dehnt Lechthaler die Zeit: "Und, wie fühlt ihr euch?" - "Mein Herz pocht", bekennt Veronika. "Wo will der Körper hin?" - "Nach hinten", sagt Christina. Die Referentin deutet das als "Tendenz zur Flucht". Dann sagt sie: "Setzt euch wieder! War nur Spaß." Aufatmen. Und noch einmal: "Wie fühlt ihr euch jetzt?" Da seufzt Michaela: "Oh Gott, die armen Schüler."

Die erste Lektion ist gelernt: Gut fühlt es sich nur an, wenn man entspannt ist, unter Stress blockt der Körper mit Adrenalin. Cool, geistreich kann man dann kaum sein. Natürlich sagt es sich leicht: Immer schön entspannt bleiben! Vor allem, wenn eine Schauspielerin vormacht, wie das aussieht. Katja Lechthaler, 42, ist Theaterpädagogin, hatte Rollen in Fernsehserien wie "Die Garmisch-Cops" oder "Forsthaus Falkenau".

Zu Beginn hat die Schauspielerin den kleinen Unterschied zwischen sich und ihren Klienten definiert: "Bei euch geht es dauernd um Leistung und Bewertung." Um das Gegenteil von Humor also. Bei ihr: genau umgekehrt. In den Proben werde nicht bewertet, "alles ist erlaubt". So lerne man, "richtig cool Fehler zu machen" und das Unerwartete, Befreiende entstehen zu lassen. Unbedingte Voraussetzung dafür: eine entspannte Grundhaltung. Erst dann kommen die Tricks.

"Wir sehen aus wie bekifft"

Die Aussicht auf Tricks hat sie alle an den Sitz des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) gelockt, in die Villa am Münchner Oktoberfestgelände: den Gymnasial-Referendar, die Studienrätin, die Grundschullehrerin, den Rektor. "Mit Humor entspannter durch den Schulalltag" zu kommen - der Titel klang ein bisschen wie: "Immer Sieger bleiben". Natürlich war das Seminar überbucht.

Was niemand erwartet hätte: Es geht bis in den Nachmittag hinein um den Körper. Ums Tief-ins-Becken-Atmen, ums Haltung-Annehmen. Erst in zweiter Linie geht es um Schlagfertigkeit. Das wird spätestens klar, als die Stühle wie zum Frontalunterricht in drei Reihen angeordnet werden und sich jeder für 20 Sekunden vor alle hinstellen soll - ohne etwas zu sagen. Sylvia kann ein Lachen nicht unterdrücken, öffnet die Lippen, als wollte sie gleich losreden, anderen ergeht es ähnlich. Zweite Lektion: Lass dich nicht unter Druck setzen, besinne dich auf das, was du eigentlich willst!

Wenig später massieren 16 Lehrkräfte ihre eigenen Wangen, die Unterkiefer sollen hängen, die Lippen geöffnet sein. Wieder die Frage: Wie fühlt ihr euch? Gymnasiallehrerin Ines berichtet, sie fühle sich "total müde", wenn sie jetzt, nach einer harten Schulwoche, endlich mal loslasse. Sie findet: "Wir sehen aus wie bekifft." Gymnasialreferendar Josef lässt sich davon nicht irritieren, er wird auch in zwei Stunden noch mit hängendem Kiefer der Referentin lauschen.

Hans, ein vollbärtiger Mittelschulrektor, sagt: "Ich dachte, mein Mund steht ellenweit auf." Ob das nicht doch "ein bisserl deppert" ausgesehen habe? Lechthaler fragt: "Hat es das?" Kopfschütteln. Lektion Nummer drei: Man schämt sich in aller Regel unnötig, wenn man sich mal lockermacht. Dafür kommt man freundlicher rüber.

Lektion vier: Nicht gleich drohen und verbieten!

Wie hart es ist, im Schulalltag Humor zu entwickeln, wird in der Gruppenarbeit klar. Da diskutieren sie Standardsituationen und improvisieren Lösungen. Ein Schüler vergisst dauernd sein Heft? - Wie wäre es mit einer kreativen Strafe? Zum Beispiel einen Aufsatz schreiben lassen mit dem Thema: Was erlebt mein Heft am Vormittag zu Hause? Und der Junge, der dauernd schlägt? - Wie wäre es mit Schattenboxen in Zeitlupe? Katja Lechthaler führt eine rechte Gerade gegen Michaelas Kinn. Die antwortet in Super-Slo-Mo mit einem Magenschwinger. Lektion Nummer vier: Nicht gleich drohen und verbieten - spielerisch reagieren, ungewöhnliche Regeln vorgeben!

In der Mittelschule, die Hans leitet, hört der Spaß öfter mal auf. Wenn mal wieder die Polizei kommt zum Beispiel. Ein Junge hat schon rund hundert Straftaten begangen. Er ist zwölf, Vater im Knast, Mutter überfordert. Gar nicht zu reden von den fünf "ADHSlern" in der Ganztagsklasse, wie Hans sie nennt. Und wie bitte, fragt er, sähe eine humorvolle Reaktion aus, wenn eine pubertierende Schülerin im Minirock auf dem Tisch sitzt und die Beine auf und zu bewegt? "Der hab ich gesagt: ,Kannst aufhören, ich hab schon schönere Sachen gesehen!" Stille. Lechthaler zieht streng die Augenbrauen hoch. Das sei nicht humorvoll gewesen. Eher hart. Beschämend. Ganz wichtige Lektion: Ein Witz darf nie auf Kosten des anderen gehen. Und: Man muss gar nicht immer humorvoll reagieren.

Irgendwann wird der Saal zum Tanzsaal. Zu Latin-Rhythmen umgarnen sie einander, schwenken Requisiten wie Spülbürste und Gießkanne (Lernziel: spielerische Grundhaltung finden). Wenig später werfen sie einander paarweise erfundene Nonsenswörter zu. "Kellertiger", sagt einer, "Mandarinenlupe", eine andere. Der eine muss dann der anderen ohne nachzudenken, die mögliche Bedeutung erklären (Lernziel: sich ohne Anlauf auf was Neues einlassen).

Zum Schluss doch noch ein wenig Unterricht: Jetzt wird "die Struktur von Humor" erklärt statt erfahren. Es kann bedeuten: "So tun, als wäre es richtig gewesen", "Dinge werden lebendig, haben eine eigene Persönlichkeit", "die Situation überziehen, statt verstecken", "ungewohnte Zusammenhänge herstellen".

Feedbackrunde. Josef erklärt, er sei ganz entspannt. Johanna staunt, wie humorvoll man doch schon sei, man müsse "nur einfach mal die Sau rauslassen - oder das Kind in sich". Alexandra hat realisiert, "dass die Welt nicht nur aus Noten besteht". Hans murrt: "Die Leute, die es wirklich brauchen, erscheinen nie auf solchen Seminaren."


Der Autor Christian Bleher, freier Journalist und Dozent, leitet seit 2003 die Redaktion der "Bayerischen Schule", das Magazin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes.



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