Lehrer mit Migrationshintergrund Wichtig. Oder überbewertet?

Was bringt es für den Unterricht, wenn Lehrer eine Zuwanderergeschichte haben? Drei Pädagogen erzählen von anhänglichen Eltern, vorwitzigen Schülern und dem Bild vom laschen deutschen Schulsystem.

Lehrerin in Grundschule (Symbolbild)
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Lehrerin in Grundschule (Symbolbild)

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Etwa jeder dritte Schüler hat hierzulande einen Migrationshintergrund - und nur ungefähr jeder zehnte Lehrer. Das ist eine Diskrepanz, an der sich die Politik seit Jahren abarbeitet.

Denn, so die Hoffnung: Zugewanderte Lehrer kommen besser in Kontakt mit Eltern, die wenig Deutsch sprechen. Sie können kulturelle Missverständnisse leichter aufklären und Schüler motivieren.

Bereits 2007 mahnte die Bundesregierung deshalb in einem Nationalen Integrationsplan, den Anteil der Lehrer mit Migrationshintergrund zu erhöhen. Inzwischen haben viele Bundesländer Initiativen oder Netzwerke, die ebensolche Lehrer unterstützen sollen. Ihr Anteil an deutschen Schulen ist laut Statistischem Bundesamt leicht gestiegen: von 7,8 Prozent im Jahr 2012 auf 10,7 Prozent im Jahr 2016.

Wie Kinder mit Migrationshintergrund besser gefördert werden können, ist auch ein Thema auf dem Deutschen Schulleiterkongress, der von Donnerstag bis Samstag in Düsseldorf tagt. Wie viel es dabei allerdings ausmacht, wenn Lehrer auf eine Zuwanderungsgeschichte zurückblicken, ist wissenschaftlich umstritten.

2011 legte eine Publikation von drei Hildesheimer Forscherinnen nahe, dass Lehrer mit Migrationshintergrund tatsächlich leichter einen Zugang zu Schülern mit Migrationshintergrund und deren Eltern bekommen. Denn: "Aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte pflegen sie einen bewussten und natürlichen Umgang mit ethnischer, kultureller und sprachlicher Vielfalt."

Martin Neugebauer ist jedoch skeptisch. Der Berliner Bildungsforscher und seine Kollegen haben Daten des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen aus dem Jahr 2008/2009 ausgewertet und kamen zu dem Schluss: Es verhilft Neuntklässlern aus Zuwandererfamilien nicht zu besseren Leistungen, wenn sie von Fachkräften mit Migrationshintergrund unterrichtet werden.

Der Wissenschaftler warnt deshalb vor überzogenen Erwartungen. "Der Migrationshintergrund ist kein Kompetenzmerkmal", sagt Neugebauer. "Viel wichtiger ist, wie geschult Lehrer darin sind, heterogene Klassen zu unterrichten. Und solche Fähigkeiten kann sich jeder gute Pädagoge aneignen, unabhängig von der Herkunft."

Doch welche Erfahrung machen Lehrer mit Migrationshintergrund im Klassenzimmer? Hier erzählen drei von ihnen:

Murad Mehmed Kurhan, 42, Grund- und Mittelschule in Nürnberg

Fotostudio Unger

"Zugewanderte Eltern freuen sich oft, wenn ihre Kinder einen Lehrer mit Migrationsgeschichte bekommen. Sie sehen in mir ein Beispiel dafür, dass man es auch als türkisches Hauptschulkind auf dem zweiten Bildungsweg schaffen kann.

Ich unterrichte Deutsch und bei manchen Kollegen spüre ich Vorbehalte, dass ein Lehrer mit Migrationshintergrund die deutsche Sprache nicht so gut vermitteln könne wie ein Muttersprachler. Doch ich glaube, ich kann besonders gut nachfühlen, wie schwer es für Kinder sein kann, Deutsch als zweite Sprache zu lernen.

Ich bin zwar in Bayern geboren, aber zu Hause haben wir immer Türkisch gesprochen. Als ich in die Grundschule kam, habe ich mich dann geschämt, etwas auf Türkisch zu sagen. Inzwischen weiß ich, dass alle Sprachen Ressourcen sind, die man wahrnehmen und wertschätzen muss.

Seit sechs Jahren unterrichte ich Kinder, die neu in Deutschland sind. Sie sollen sich in meinem Unterricht wohl und willkommen fühlen. Bevor wir uns mit Grammatik beschäftigen, erzählt deshalb jeder neue Schüler etwas über sich und sein Herkunftsland. Er bekommt ein anderes Kind an die Seite gestellt, das ihm alles zeigt. Und einmal in der Woche begrüßen und verabschieden wir uns in unseren Muttersprachen."

Svetlana Kharif, 61, Realschule in Koblenz

Svetlana Kharif

"'Die Lehrer geben zu wenige Hausaufgaben auf und die Kinder haben zu oft frei.' Solche Klagen höre ich oft von Eltern, die in Russland, Kasachstan oder in der Ukraine zur Schule gegangen sind.

Ich bin erst mit Ende 30 hergekommen und kenne das strenge Bildungssystem dort. Deshalb kann ich die zugewanderten Eltern verstehen. Ich versuche ihnen dann zu erklären, dass man eine Sprache auch gut mithilfe von Liedern, Gedichten oder Bewegungs- und Rollenspielen unterrichten kann und dass die Schüler nicht unbedingt so viel auswendig lernen müssen wie wir damals.

Die Kinder passen sich meist schneller an als ihre Eltern, wenn sie in der Schule merken, dass sie ihre Herkunft nicht verleugnen müssen. Auch wenn sie aus Ländern kommen, in denen kein Russisch gesprochen wird, fassen sie bald Vertrauen zu mir. Vielleicht verbindet es uns, dass wir alle mal neu hier waren.

Manchmal fühlen sich jüngere Kinder so wohl, dass sie mich aus Versehen mit 'Mama' oder 'Baba' - also 'Oma' - ansprechen. Wenn sie von ihrem Heft hochschauen, bemerken sie ihren Fehler, und ich muss innerlich lachen.

Nur einmal hatte ich eine Klasse, deren Kinder sich bei mir vielleicht zu sicher fühlten. Sie waren laut und tobten herum. Ich musste ihnen zeigen, dass für sie dieselben Regeln gelten, auch wenn ich aus dem Land ihrer Eltern stamme."

Yassine Abid, 39, Gesamtschule in Essen

Yassine Abid

"Ich stamme aus Marokko und bin der einzige von rund 140 Kollegen, der Arabisch spricht. Deshalb helfe ich oft aus, wenn Eltern vorbeikommen, die wenig Deutsch können. Das gehört eigentlich nicht zu meinen Aufgaben und es wäre besser, wenn die Eltern jemanden mitbringen würden, der für sie übersetzt.

Dass ich als Dolmetscher einspringen muss, ist manchmal anstrengend. Andererseits habe ich das Gefühl, dass viele Schüler wegen meiner Herkunft offener mit mir umgehen als mit anderen Kollegen.

Einmal in der Woche treffe ich mich in der Pause mit Schülerinnen und Schülern, die einen Migrationshintergrund haben, und wir sprechen über Themen, die sie bewegen. Zehn Jugendliche sind immer da, mindestens.

Eine Schülerin trug zum Beispiel plötzlich ein Kopftuch und wir haben in der Gruppe überlegt: Wie kommt das bei jemandem an, der ihre Religion nicht kennt? Jeder kann in unserer Runde sprechen, ohne das Gefühl zu haben, sich rechtfertigen zu müssen.

Religion ist ein großes Thema und in jedem Jahrgang gibt es zwei oder drei Schüler, die die anderen belehren wollen. Doch die wenigsten sind wirklich religiös und viele verwechseln traditionelle Riten mit religiösem Verhalten. Sie sollten ihren Glauben reflektieren, damit sie verstehen, dass man nur ein guter Muslim ist, wenn man ein guter Mensch ist.

Deshalb ist der islamische Religionsunterricht so wichtig. Ich stimme ihn eng mit einem evangelischen Pfarrer ab, der die Parallelklasse unterrichtet. Die Schüler besuchen sich gegenseitig und stellen einander Fragen. Das ist viel intensiver, als wenn ein Lehrer ihnen etwas erzählt."

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